Eine Höhle voller Kristalle

Die Körper der gefallenen Wächter trieben noch schwer im Wasser, als sich die Gruppe sammelte. Zwei gewaltige Merclops – bezwungen, doch ihre Anwesenheit schien noch immer wie ein dumpfer Nachhall in der Tiefe zu hängen.

Kleschbumtauch kniete sich zu einer der Leichen, seine breite Gestalt wirkte beinahe klein neben dem massiven Kadaver. Mit groben, aber erstaunlich geschickten Bewegungen begann er, die Überreste zu durchsuchen.

„Vielleifft… wertvolle Szaffen… verborgen…,“ murmelte er hoffnungsvoll, während seine Finger zwischen Schuppen und zerfetztem Fleisch tasteten.

Ein Moment verging. Dann noch einer.

Er richtete sich schließlich auf und schnaubte.

„Nisz. Allesz… nuszlosz.“

„Wie enttäuschend,“ meinte Xalfein trocken. „Derart groteskes Wesen – und nicht einmal von wissenschaftlichem Wert.“

„Vielleicht war der wahre Schatz ja die Erfahrung?“ warf Finn mit einem schiefen Grinsen ein und zupfte gedankenverloren an den Saiten seiner Laute.

„Die Erfahrung, fast gefressen zu werden?“ entgegnete Xalfein kühl. „Wahrlich unbezahlbar.“

Posy beugte sich zu Fuzz hinunter. „Was meinst du, Fuzz? Vielleicht hätten wir sie vorher fragen sollen, ob sie Gold dabeihaben?“

Der Kater miaute leise.

„Ja, stimmt… das wäre sehr unhöflich von uns.“

Ein dichter Vorhang aus Algen und Tang bedeckte den Höhleneingang, die Grenze zum eigentlichen Hort.

Sonea trat einen Schritt vor, ihr Geweih zeichnete sich wie ein stilles Symbol gegen das schimmernde Grün ab. „Seid wachsam. Hier beginnt der wahre Einfluss des Abolethen.“

Langsam schob sie den Tang beiseite.

Die Gruppe folgte.

Was sich dahinter offenbarte, ließ selbst diese inzwischen erfahrenen Abenteurer innehalten.

Eine gewaltige Höhle öffnete sich vor ihnen, erfüllt von einem überwältigenden Glanz. Nexus-Kristalle in allen erdenklichen Farben bedeckten Wände, Boden und Decke. Sie funkelten, flackerten, pulsierten in einem unruhigen Rhythmus, als hätten sie ein eigenes, krankhaftes Leben.

Zu viel.

Ein Zuviel an Schönheit, das ins Groteske kippte.

„Bei allen Göttern…“ flüsterte Finn.

Ein leiser Sog ging von den Kristallen aus. Ein Versprechen. Ein Flüstern. Ein Ruf.

Habikan neigte den Kopf, sein einzelnes Auge glühte schwach auf. „Sie singen… wie zerbrochene Träume, die sich weigern, zu verblassen.“

„Verderbt,“ sagte Sonea fest und zwang sich, den Blick abzuwenden. „Jeder einzelne von ihnen.“

Sugureta stand still, den Kopf leicht erhoben. „Was glänzt, ist nicht immer Licht. Manche Dinge leuchten nur, weil sie verschlungen haben.“

Die Gruppe riss sich los – mühsam, beinahe widerwillig.

Erst jetzt nahmen sie die Bewegung zwischen den Kristallen wahr.

Gestalten.

Aus verschiedensten Völkern.

Sie arbeiteten. Schleppten. Ordneten. Bearbeiteten die Kristalle mit einer Hingabe, die unnatürlich wirkte. Ihre Bewegungen waren mechanisch, doch zielgerichtet – als folgten sie einem unsichtbaren Befehl.

Dazwischen glitten Chuuls, ihre scherenbewehrten Glieder klickten leise im Wasser. Wächter und Arbeiter zugleich.

„Sie beachten uns gar nicht…“ murmelte Posy erstaunt.

„Weil wir derzeit irrelevant sind,“ antwortete Xalfein. „Ein faszinierendes Beispiel totaler mentaler Dominanz.“

Am hinteren Ende der Höhle zeichneten sich gezackte Strukturen im Gestein ab – Öffnungen vielleicht. Türen. Oder etwas, das Türen imitierte.

Links führte eine Treppe in die Tiefe.

Und in der Mitte…

Ein Born.

Seine Oberfläche war glatt, fast poliert. In ihr eingelassen: eine Vertiefung in Form einer klauenbewehrten Hand.

„Das gefällt mir nicht,“ sagte Finn leise.

„Mir gefällt hier gar nichts,“ brummte Posy.

Bewegung.

Langsam, würdevoll, glitt eine Gestalt auf sie zu.

Weiblich.

Meerjungfrau… und doch nicht.

Ihre wahre Form verschwamm im schillernden Chaos der Kristalle, als würde die Realität selbst Schwierigkeiten haben, sie eindeutig darzustellen.

Dort, wo sie sich bewegte, veränderten sich die anderen Kreaturen. Ihre Arbeit wurde präziser. Koordinierter. Effizienter.

Als wäre sie ein Zentrum.

Ein Knotenpunkt.

Die Gestalt blieb vor der Gruppe stehen.

Ihre Stimme erklang – klar, ruhig… und vollkommen seelenlos.

„Willkommen.“

Eine kurze Pause.

„Ihr habt die äußeren Wächter überwunden. Eure Ankunft wurde registriert.“

Finn hob eine Augenbraue. „Registriert? Das klingt… unerquicklich.“

Die Kreatur neigte leicht den Kopf.

„Ich bin Lethra. Verwalterin dieses Horts.“

Ihre Worte waren höflich.

Doch es lag keine Wärme darin. Kein Zögern. Kein Zweifel.

Nur Funktion.

Nur Zweck.

„Bitte spezifiziert eure Intention.“

Die Worte der Kreatur hingen noch im Wasser, kühl und präzise wie ein Messer aus Glas.

Sonea trat einen Schritt vor, ihre Stimme ruhig, doch wachsam. „Wir suchen Zugang zu dem, was hinter diesen… Öffnungen liegt.“ Ihr Blick glitt zu den gezackten Umrissen am Ende der Höhle. „Was sind sie?“

Lethras Kopf neigte sich minimal, als würde sie eine unsichtbare Gleichung prüfen.

„Drei Zugänge. Versiegelt. Zugriff nur autorisiert durch Schlüsselwesen.“

„Schlüsselwesen?“ wiederholte Finn und verschränkte die Arme. „Klingt nach einer ausgesprochen unpoetischen Art, ‚Problem‘ zu sagen.“

„Definition: Entitäten mit spezifischer Signatur. Aufenthaltsort: untere Ebene.“ Lethra deutete mit einer fließenden Bewegung zur Treppe. „Zugriff über Abstieg.“

„Natürlich,“ murmelte Xalfein. „Die klassischen architektonischen Prinzipien eines albtraumhaften, psionisch dominierten Horts. Warum sollte es auch einfach sein.“

Posy hob die Hand. „Ähm… entschuldigung, Frau Verwalterin? Sind diese Schlüsselwesen eher… freundlich? Oder eher… fressend?“

Ein kurzes Innehalten.

„Irrelevante Differenzierung.“

„Ah.“ Posy nickte langsam. „Fressend also.“

Fuzz miaute zustimmend.

Kleschbumtauch kratzte sich am Kopf. „Dann gehen wir runter… und hauen drauf, bisz szie aufmaffen?“

„Eine… bemerkenswert direkte Herangehensweise,“ sagte Xalfein trocken. „Wenig subtil, aber statistisch nicht vollkommen ineffektiv.“

Sonea hob leicht die Hand, um die aufkommende Diskussion zu dämpfen. Ihr Blick ruhte wieder auf Lethra. „Du sprichst, als wärst du… nicht wirklich Teil von all dem.“

„Korrekt.“

Ein kaum wahrnehmbares Flimmern ging durch die Kristalle.

„Dieser Körper ist ein Werkzeug.“

Ein Moment der Stille folgte.

Finn runzelte die Stirn. „Ein Werkzeug? Also… wessen Körper ist das dann?“

Die Antwort kam ohne Zögern.

„Der ursprüngliche Besitzer existiert nicht mehr.“

Die Worte trafen schwerer, als ihre Tonlage vermuten ließ.

Selbst Posy wurde still.

„Das ist…“ begann er leise, verstummte dann aber.

Sugureta neigte leicht den Kopf. „Ein Gefäß ohne Erinnerung trägt dennoch den Schatten dessen, was es einst war.“

Lethra reagierte nicht darauf.

Habikan hingegen hatte sich leicht abgewandt. Sein Blick verlor sich in den schimmernden Kristallen, als würde er etwas sehen, das den anderen verborgen blieb.

„Wie interessant…“ murmelte er.

Finn warf ihm einen Seitenblick zu. „Das sagst du immer, kurz bevor etwas wirklich Unangenehmes passiert.“

Habikan lächelte schwach.

„In meinem Hut,“ begann er langsam, „wohnt ein Alptraum.“

Posy blinzelte. „…Natürlich tut er das.“

„Ein zarter, flüsternder Schrecken,“ fuhr Habikan fort, „geboren aus den Rissen zwischen Schlaf und Wahrheit.“ Sein Auge glomm kurz auf. „Ich glaube… er stammt von hier.“

Stille.

Selbst Xalfein zog eine Augenbraue hoch. „Das wäre… eine bemerkenswerte Korrelation. Ein Fragment psionischer Manifestation, das sich als parasitäre Entität an ein Kleidungsstück bindet… faszinierend.“

„Faszinierend ist nicht das Wort, das ich benutzen würde,“ murmelte Finn.

Sonea schloss kurz die Augen, als würde sie ihre Gedanken ordnen. Dann atmete sie ruhig aus.

„Wir haben, was wir brauchen.“

Ihr Blick wanderte zur Treppe, die in die Tiefe führte.

Dunkel.

Ungewiss.

„Die Schlüsselwesen sind unten,“ sagte sie leise. „Also gehen wir hinunter.“

Kleschbumtauch grinste breit. „Runtergehen… und dann hauen.“

„Vielleicht vorher denken,“ warf Xalfein ein.

„Erst schauen!“ sagte Posy eifrig. „Dann vielleicht hauen!“

Fuzz miaute zustimmend.

Finn seufzte und schulterte seine Laute. „Eine hervorragend strukturierte Strategie. Ich fühle mich jetzt schon sicherer.“

Sugureta trat an die Spitze der Gruppe, sein blinder Blick auf die Tiefe gerichtet. „Der Weg nach unten ist selten nur ein Weg. Seid bereit, mehr zu finden als das, was ihr sucht.“

Habikan zog leicht an der Krempe seines Hutes. „Dann lasst uns den Traum betreten… und sehen, ob er uns verschlingt.“

Ohne ein weiteres Wort setzte sich die Gruppe in Bewegung.

Fort von dem kalten Glanz der Kristalle.

Hinab in die Tiefe.

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