Einsatz mit höchstem Risiko
Die Konfluenz lag in fahlem, schimmerndem Blau, durchzogen vom fernen Leuchten biolumineszenter Gärten. Strömungen glitten durch die Straßen wie neugierige Geister. Kaum jemand ahnte, dass in dieser Nacht gleich mehrere Fäden gesponnen wurden – aus Gold, aus Lügen und aus Tentakeln.
Das Spiel um mehr als Gold
Im prunkvollen Saal des Kasinos saß Mr. Rogushin in seinem mit Perlmutt besetzten Sessel. Kleine, träge Augen musterten Finn über den Rand eines Kristallglases hinweg.
„Mehr als Gold“, hatte Rogushin gefordert. „Gewinne ich, gehört mir dieses Kasino. Du wirst es mir beschaffen.“
Finn hatte nur gelächelt und seine Laute lässig gestimmt.
„Und wenn ich gewinne“, erwiderte er mit einem Augenzwinkern, „sind meine Freunde und ich schuldenfrei. Jedes einzelne Goldstück, jeder Gefallen, jede Geste.“
Rogushins wulstige Lippen hatten gezuckt. „Abgemacht.“
Jetzt, da der kristallene Würfel seine letzte Drehung vollendete, herrschte Stille. Selbst das Wasser schien den Atem anzuhalten.
Finn beugte sich vor. „Ich fürchte, mein lieber Rogushin… das Glück steht heute auf meiner Seite.“
Ein Raunen ging durch den Saal.
Rogushins massiger Körper bebte. „Unmöglich! Das Spiel… das Schicksal…“
„… liebt die Musik“, beendete Finn sanft. „Und heute spielte ich in Dur.“
In seinem Innern jedoch spürte er das Zittern. Das war knapp. Zu knapp. Marethis wird das nicht übersehen. Doch er ließ sich nichts anmerken. Schuldenfreiheit war ein süßer Klang.

Illusionen und Türen
Währenddessen verließen Xalfein und Habikan die Schuldenkammer. Vor ihnen die Hai-Wache, muskulös, misstrauisch.
Habikan starrte auf den Türrahmen, als sei er ein hungriger Schlund. Durchgänge. Übergänge. Ein Schritt – und alles ändert sich. Oder endet.
Xalfein seufzte leise. „Es ist lediglich eine architektonische Notwendigkeit, mein lieber Habikan. Keine metaphysische Bedrohung.“
Die Wache knurrte. „Was habt ihr da drin gemacht?“
„Nichts Unrechtes“, sagte Xalfein kühl. Seine Finger zeichneten unauffällig eine Geste. Das Verbotsschild neben der Tür flimmerte – und zeigte plötzlich ein offizielles Siegel mit der Aufschrift: Autorisierter Zugang – Wartungsarbeiten.
Die Wache blinzelte. „Hm. Natürlich. Wartung.“
„Sie sehen“, dozierte Xalfein, „Ordnung ist eine Frage der Perspektive.“
Habikan lächelte schief, sein einzelnes Auge glühte schwach. Er biegt die Welt, als wäre sie aus Traumstoff. Vielleicht bin ich hier nicht der Fremdeste.
Die Taverne im Aufruhr
Nicht weit davon tobte in einer Taverne das Chaos.
Rovek Schlickfaust, massiger Aquatiker und Wirt, schwang einen Stuhl wie eine Keule. Stammgäste brüllten, Kleschbumtauch parierte mit seiner gewaltigen Axt.
„Isch hau disch um, du Schlickklumpen!“ lispelte der Ork und schlug mit donnernder Wucht auf den Boden.
Posy, muskulös und mit gebleckten Zähnen, fauchte: „Fuzz, bleib hinter mir!“
Die Tür flog auf.
Sonea trat ein, das Geweih stolz erhoben, die Augen voller Entsetzen. Neben ihr bewegte sich Sugureta Kyūkaku lautlos.
„Hört auf!“ rief Sonea, ihre Stimme getragen von druidischer Kraft. „Genug Blut ist geflossen!“
Sugureta hingegen sagte nichts. Sein Körper sprach. Ein letzter Gast stürmte heran – nur um im nächsten Augenblick von präzisen, martialischen Schlägen getroffen zu werden. Ein gezielter Hieb an den Nacken. Der Aquatiker sackte bewusstlos zusammen.
„Gewalt ist eine Welle“, murmelte Sugureta ruhig. „Manchmal muss man sie brechen, damit sie nicht bricht.“
Posy jedoch, überwältigt vom Lärm und Soneas Schrei, reagierte instinktiv. Ein scharfer, säuerlicher Nebel entwich ihm.
„Oh. Äh…“ machte er kleinlaut.
Rovek brüllte auf, rieb sich die Augen. Blind vor Schmerz taumelte er zurück – und schlug mit voller Wucht gegen einen dicken Balken. Ein dumpfes Krachen. Dann Stille.

Kleschbumtauch trat näher, die Axt geschultert.
„Rovek! Du… du hasth deine Stammgäthte getötet!“
Der benommene Wirt blinzelte verwirrt. „Was? Ich…?“
„Ja! Du! Du hath sie alle erthlagen!“
Soneas Herz zog sich zusammen. Das ist nicht der Weg… doch vielleicht verhindert es weiteres Sterben.
Roveks Blick wurde glasig. „Was habe ich getan…?“
Der Auftrag von Marethis war klar gewesen: Bring Rovek ins Kasino.
Kleschbumtauch nickte zufrieden. „Du kommth mit unth.“
Tentakel im Boden
Zurück im Kasino erwartete sie kein Applaus, sondern Stille.
Marethis lächelte dünn, als Rovek vorgeführt wurde. „Ausgezeichnet.“
Kaum hatte der benommene Wirt den Marmorboden betreten, da brach dieser auf. Dunkle, schleimige Tentakel schossen hervor, umschlangen ihn und zogen ihn mit einem gurgelnden Laut in die Tiefe.
Sonea wich zurück. „Bei den alten Wurzeln…“
Habikans Auge flackerte. Das ist kein Boden. Es ist ein Schlund.
Kleschbumtauch hingegen erhielt zwei große Nexus-Kristalle. Sie pulsierten in kaltem, violettem Licht.
„Für deine Mühe“, sagte Marethis.
Der Ork strahlte. „Danke, Both.“
Xalfein betrachtete die Kristalle mit wissenschaftlichem Interesse. „Faszinierend. Reine Nexus-Energie. Ein Katalysator für Transformation.“
Finn trat neben Sonea. „Schuldenfrei“, flüsterte er. „Aber zu welchem Preis?“
Die Konfluenz summte leise, als ahne sie, dass einige ihrer Spielsteine sich gleich vom Brett lösen würden. Tief unten jedoch, jenseits von Kasino und Tavernenlärm, wartete das Reich der Abolethen – und vielleicht hatten sie in dieser Nacht ungewollt dessen Aufmerksamkeit erregt.
Finn strich über die frisch gewonnene Schuldenfreiheit wie über eine unsichtbare Saite. „Ein paar Gefallen stehen noch aus“, sagte er mit einem schiefen Lächeln. „Und ich wäre ein schlechter Barde, würde ich meine Zugaben vergessen.“
Sonea musterte ihn ernst. „Achte darauf, dass aus Gefallen keine neuen Fesseln werden.“
„Nur lose Knoten“, entgegnete Finn lächend.
Der Sammler und das verlorene Lied
Tho’ren Malakar, der Sammler, residierte zwischen schwebenden Vitrinen und antiken Relikten, die in träger Strömung langsam rotierten. Seine langen Finger glitten über eine Liste, während seine Augen Finn musterten.
„Ah. Der Musiker, dem das Meer selbst ein Opfer abverlangte.“
Finn nickte. „Eine seltsame Strömung riss sie mir aus der Hand. Meine Violine. Ich nehme an, sie fand… ihren Weg zu Euch.“
Tho’ren lächelte dünn. „Alles findet seinen Weg zu mir.“
Er verschwand zwischen Regalen aus schwarzem Korallin. Das Rascheln von Stoff, das leise Klirren von Glas. Dann trat er zurück – mit einem vertrauten, geschwungenen Korpus in den Händen.
Finns Atem stockte.
„Unversehrt“, sagte Tho’ren. „Ich habe sie gepflegt. Ein Instrument mit solcher… Geschichte verdient Respekt.“
Vorsichtig nahm Finn die Violine entgegen. Seine Finger zitterten, als er über das Holz strich. Du warst fort. Wie ein Teil meiner Stimme.
Er setzte den Bogen an. Ein einzelner Ton erfüllte den Raum – klar, warm, wie Sonnenlicht, das durch Wasser bricht.
Sonea lächelte. „Sie hat dich vermisst.“
„Ich habe sie vermisst“, flüsterte Finn.

Die Vision der Treibenden Strömung
Sein nächster Halt führte ihn zu Ilyra von der Treibenden Strömung. Ihr Haar schwebte wie Seegras im ewigen Fluss, ihre Augen schimmerten silbern.
„Du forderst, was dir versprochen wurde“, sagte sie ohne Begrüßung.
„Ich sammle nur ein“, erwiderte Finn leichthin. Doch in seinem Innern regte sich Unruhe. Visionen haben ihren Preis. Immer.
Ilyra trat näher. Ihre Lippen berührten kaum sein Ohr, als sie zu flüstern begann.
Kein Bild. Kein Donner. Nur Worte – leise, wie ein ferner Wellenschlag.
Finn blinzelte. „Das war alles?“
„Du wirst dich erinnern“, sagte sie ruhig. „Wenn die Situation es erfordert.“
„Das klingt beunruhigend.“
Ein sanftes Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Sollte es auch.“
Als Finn zu den anderen zurückkehrte, wirkte er für einen Moment stiller als sonst.
Xalfein hob eine Braue. „Metaphysische Investitionen sind selten ohne Rendite. Hoffen wir, sie fällt zu unseren Gunsten aus.“

Der Bettel-Riese
Am Rand der Stadt, wo die Kuppeln dünner und die Strömungen kälter wurden, wartete Vaeloth – der hagere Bettel-Riese.
Vaeloth stand gebeugt zwischen zerbrochenen Säulen. Jahre der Entbehrung hatten sein Gesicht gezeichnet, doch seine Augen brannten wachsam.
Als er Finn sah, richtete er sich ein wenig auf.
„Du hast meinen Namen auf deine Liste gesetzt“, sagte der Riese mit rauer Stimme.
Finn nickte. „Schuldenfreiheit. Für uns alle.“
Vaeloth schloss kurz die Augen. „Viele Winter habe ich hier gekauert. Jeder Bissen, jede Münze – geborgt. Die Konfluenz vergisst nichts.“
„Heute schon“, meinte Posy stolz und stemmte die Hände in die Hüften.
Der Riese schüttelte langsam den Kopf. „Sie vergisst nie. Aber manchmal lässt sie gehen.“
Er trat einen Schritt näher. „Ich danke dir, Barde. Doch ich werde vorsichtig sein. Keine neuen Schulden. Keine neuen Ketten.“
Sonea neigte respektvoll das Haupt. „Mögest du deinen Weg frei von Fesseln gehen.“
Ein stilles Nicken ging zwischen ihnen hin und her. Keine großen Worte. Nur das Wissen um ein mögliches Wiedersehen.
Jenseits der Kuppeln
Habikan blieb vor dem letzten Tor stehen. Sein einzelnes Auge ruhte auf dem Durchgang. Der Rahmen schimmerte im kalten Licht.
Türen sind Schwellen. Schwellen sind Entscheidungen.
Er atmete – so gut eine Traumgestalt eben atmen konnte – und trat hindurch.
Sugureta ging als Letzter. „Eine Stadt ist wie ein Strudel“, sagte er ruhig. „Wer hineingerät, verliert leicht die Richtung. Wer hinausfindet, trägt das Echo in sich.“
Kleschbumtauch klopfte auf seine Kristalle. „Isch hab’ mein Echo.“
Xalfein lächelte dünn. „Und es pulsiert bemerkenswert vielversprechend.“
Finn hob die Violine und spielte ein kurzes, helles Motiv. Ein Abschiedsgruß an die Konfluenz.
Dann ließen sie die Stadt hinter sich.
Vor ihnen lag das dunkle, endlose Blau der elementaren Ebene des Wassers – und irgendwo darin das Reich der Abolethen.


