Die Macht der Kristalle (Tag 2)
Inmitten des Chaos und der Stille, die auf den Kampf folgte, bewegte sich Xalfein, der Dunkelelf, mit der geschmeidigen Eleganz eines Schattens. Während die Aufmerksamkeit aller auf die gefallenen Kultisten und die verstörte Gruppe gerichtet war, glitt er unbemerkt in Richtung des zentralen Wagens. Dort, umgeben von Splittern und Trümmern, lag eine der Kisten, deren geheimnisvolle Aura selbst im schwachen Licht der Sonne pulsierte.
Die magische Anziehungskraft, die von dieser Kiste ausging, war unverkennbar. Schon auf dem Weg zu ihr fühlte Xalfein, wie ein intensives Verlangen ihn erfasste – ein Ruf, der ihn tief in seiner Seele berührte. Er kniete sich vor die geöffnete Kiste und blickte auf die Machtsteine, die darin lagen. Ihr schimmerndes Licht wechselte wie ein lebendes Wesen zwischen Farben, die sich ineinander verflossen. Die Energie, die sie ausstrahlten, war beinahe greifbar, wie ein Herzschlag, der direkt in seinem Kopf widerhallte.
Ohne zu zögern griff er nach einem der größten Steine – einem, der die Größe eines menschlichen Kopfes hatte und in einem hypnotischen Wechsel aus Blau und Violett pulsierte. Seine Hände zitterten, als sie das kühle Kristall berührten, und in dem Moment, in dem seine Finger den Stein umfassten, durchfuhr ihn eine Welle aus reiner Energie. Sein Atem stockte, und seine Augen weiteten sich, als ein unbeschreibliches Gefühl der Macht und Klarheit in ihn drang.
Es war, als ob der Stein mit ihm sprach, in einer Sprache, die keine Worte brauchte. Farben explodierten in seinem Geist, und er fühlte, wie die Energie des Steins durch seine Adern floss, ihn stärker machte, schneller, lebendiger. Seine Trance ließ ihn die Welt um sich herum vergessen. Die Schreie und das Blut, die Zerstörung und der Tod – alles verblasste in der Intensität des Moments, als der Stein ihn in seinen Bann zog.

Doch mit der Kraft kam auch eine Dunkelheit, ein unheimlicher Schatten, der sich wie ein kaltes Flüstern in den Rand seines Bewusstseins legte. Xalfein spürte, dass er etwas Uraltes und Gefährliches in sich aufgenommen hatte – etwas, das nicht nur Macht, sondern auch eine Bedrohung barg. Und dennoch konnte er nicht loslassen. Der Stein war jetzt ein Teil von ihm.
Auch die restliche Gruppe bewegte sich langsam, fast wie im Bann, in Richtung der umgestürzten Kiste, aus der die schimmernden Machtsteine ein unwirkliches Licht in die langsam weichende Dunkelheit warfen. Jeder Schritt schien schwerer zu werden, die Luft um sie herum dichter, geladen mit einer magischen Präsenz, die wie ein unsichtbares Netz ihre Gedanken einfing. Xalfein war bereits in Trance, Finns Hände zitterten, und selbst Fenro hielt inne, als ob etwas tief in seinem Inneren auf die Steine reagierte.
Doch Sonea, die Cervidin, stellte sich ihnen in den Weg. Mit erhobenen Händen und einer Stimme, die fest und eindringlich klang, rief sie: „Nein! Bleibt zurück! Diese Steine sind gefährlich und nicht für euch gedacht – ihr spürt es doch auch! Sie sind mehr, als wir verstehen können!“ Ihre Worte drangen zu den Gefährten, doch die magische Anziehungskraft war stärker. Finn machte einen unsicheren Schritt nach vorne, Fenro schnaubte ungeduldig, und Xalfeins Augen waren starr auf den Stein in seinem Schoß gerichtet, als ob er nichts anderes mehr wahrnehmen konnte.
Sonea versuchte es erneut, trat näher an die Kiste heran, ihr Geweih im sanften Licht der Steine leuchtend. „Bitte! Ihr wisst nicht, was ihr da anrührt! Lasst sie…“ Doch bevor sie ihren Satz beenden konnte, spürte sie es selbst – das Ziehen, das sie zu einem der Steine lockte. Es war, als würde eine fremde Stimme in ihrem Inneren flüstern, versprechen, dass alles klarer, besser, mächtiger werden würde, wenn sie nur einen einzigen Stein berührte.
Ihr Atem beschleunigte sich, ihre Worte versiegten, und ohne es zu merken, streckte sie ihre Hand aus. Die Energie des Steins traf sie wie eine Welle, als ihre Finger das kristalline Objekt berührten. Ein kaleidoskopisches Licht durchflutete ihre Augen, und sie fühlte, wie sich die Kraft des Steins in ihre Adern ergoss – warm, lebendig, und doch dunkel und bedrohlich, wie eine Flamme, die niemals erlöschen würde. Sonea keuchte auf, während Farben und Bilder durch ihren Geist wirbelten. Erinnerungen, Visionen, Träume und Albträume – alles verschmolz zu einem einzigen überwältigenden Strom.
Die unheimliche Stille wurde nur vom leisen Summen der Machtsteine durchbrochen, das wie ein magnetischer Sog in den Köpfen der Gefährten widerhallte. Einer nach dem anderen verfiel dem unwiderstehlichen Drang, die Kiste zu erreichen. Xalfein hatte bereits seinen Stein und hielt ihn fest umklammert, während Finn zögerlich seine Hand nach einem Kristall ausstreckte, seine Augen geweitet vor Faszination. Fenro griff entschlossen zu, seine groben Hände um einen der größeren Steine geschlossen, als würde er die rohe Energie mit seiner Wildheit zähmen wollen. Selbst Maerin, der fröhliche Zwerg, und Grusk, der alte Ork, ließen sich nicht aufhalten, ihre Finger über die schimmernden Oberflächen der Steine gleiten zu lassen, als ob sie nach etwas suchten, das tief in ihrem Inneren verborgen lag. Jeder von ihnen spürte die fremde, überwältigende Energie, die durch ihre Körper strömte – eine Kraft, die gleichermaßen faszinierend und beängstigend war. Ein neuer, unausgesprochener Pakt schien sie alle zu verbinden – mit den Steinen und miteinander.
Als Sonea den Stein wieder langsam sinken ließ, glänzten ihre Augen wie von einem inneren Licht erfüllt. Doch tief in ihrem Blick war eine neue Dunkelheit – ein Echo der Macht, die sie gerade in sich aufgenommen hatte, und ein Schatten der Gefahr, die noch kommen würde.


