Soneas Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)

Als Sonea die Augen öffnete, war die Luft erfüllt von getrockneten Kräutern, Harz und dem warmen Hauch eines Holzfeuers. Die große Hütte, in der sie saß, war aus gebogenen Ästen erbaut, mit dichten Mooswänden, die den Klang der Außenwelt dämpften. Das Dach war hoch, mit winddurchwobenen Windspielen und Knochenanhängern geschmückt, die leise klirrten. Die Wände waren mit Runen bemalt, und um sie herum standen Regale voller Phiolen, Wurzeln und Pilzen.

Vor ihr auf einem schlichten Tisch stand neben Schalen mit Kräutern, Wasser und Steinen eine weitere, mit Nexus-Kristallen in verschiedenen Größen. Sie leuchteten, sanft und ruhig, wie das Glimmen alter Erinnerungen.

„Heckenmutter Sonea?“ Die Stimme war weich, aber fest. Jung, aber nicht kindlich. Die Adjutantin stand neben ihr – eine Cervidin mit glänzendem Haar, klarem Blick und einer Aura, die gleichermaßen Respekt wie Erwartung ausstrahlte. Sie erinnerte Sonea an sich selbst.

„Sie streiten schon seit dem Morgenlicht“, fügte sie hinzu. „Große Mutter, ihr müsst ein Urteil sprechen.“

Sonea nickte langsam. Ihre Gelenke schmerzten, der Körper fühlte sich an, als hätte er zu lange im Morgentau gelegen. Doch niemand beachtete das. Allein ihre Präsenz war offenbar genug, um Respekt einzufordern.

Zwei Gestalten standen einige Schritte entfernt, ein Jäger mit geschwungenem Kurzspeer und eine Sammlerin mit einem Korb voller Blätter und Pilze. Beide redeten gleichzeitig auf sie ein, die Stimmen ein Klanggewirr aus Lauten, dem Sonea kaum folgen konnte. Wörter flossen wie Wasser, doch ihre Bedeutung entglitt ihr.

„Große Mutter, sie – sie hat… das grüne Ding. Ich habe es zuerst gesehen! Meine Augen sind schärfer als ihre. Meine Hände schneller. Es war mein Recht!“

„Ich hatte’s in der Hand, da schwör ich auf Hornblut. Und er? Latscht rein wie’n Krallochs auf Moosschlaf!“

Sonea runzelte die Stirn. Die Worte… sie klangen vertraut, aber fremd. Wie eine Melodie aus ihrer Kindheit, nun in falschem Takt gespielt. Ihr Herz klopfte.

„Was… was ist das Problem?“ fragte sie vorsichtig.

Die beiden blickten zu ihr. Kurz. Irritiert. Dann sprachen sie wieder miteinander, schneller, lauter. Die Adjutantin legte ihr eine Hand auf den Arm. Warm. Fragend.

„Aber mein Messer, mein Messer hat geschnitten! Es war schon durch, als er kam, sein Atem schwer in meinem Nacken, schwer wie die alten Bäume im Herbst. Sag mir, Mutter, wem gehört die Beute? Dem, der sie nimmt, oder dem, der sie findet?“

„Es gibt kein Finden ohne Nehmen! Wie kann man besitzen, was noch nicht in der Hand liegt? Wer nimmt, besitzt. Wer besitzt, hat das Recht!“

Sonea schluckte. Ihre Stimme war plötzlich klein. „Warum teilt ihr nicht einfach?“

Die Reaktion war ein kollektives Stirnrunzeln. Der Jäger schnaufte leise durch die Nüstern. Die Sammlerin zog eine Augenbraue hoch und sagte leise: „Ich hab den Tanz gemacht. Den mit den drei Wellen – das ist Binderecht!“

„Ha! Binderecht! Fragt den Borkblick! Der hat gesehen, wie sie zögerte, wie ’ne halbe Wurzelfee!“

Sonea betrachtete die Kristalle in der Schale. Ihr Licht war nicht länger verlockend. Sie konnte dem Sog mühelos widerstehen. Sie spürte, dass sie… nicht mehr wollte.

Sie hob die Hand, aber sie griff nicht nach der Schale. Stattdessen legte sie sie sanft auf die Schulter der Adjutantin.

„Nein“, sagte sie. „Nicht ich. Heute nicht.“

Die jüngere Cervidin blinzelte. Einen Moment lang war da Trauer in ihren Augen – oder war es Ehrfurcht? Sie nickte stumm, drehte sich um und sprach mit fester Stimme: „Verlasst bitte die Hütte. Die Heckenmutter hat gesprochen.“

Wortlos entfernten sich Jäger und Sammlerin sowie die Zuseher, die sich für jeweils für eine der beiden Seiten stark gemacht hatten. Leise wie Rehe im Morgengrauen. Nur das Klirren der Windspiele blieb.

Die Tür schloss sich mit einem leisen Knarren.

Die Adjutantin trat zurück an Soneas Seite, sah sie lange an. Dann fragte sie leise: „Bist du dir sicher?“

Sonea nickte. „Ich bin müde. Nicht nur vom Tag.“

Ein kaum hörbarer Atemzug. „Dann bereite ich den Trank zu.“

Sonea wusste, was das bedeutete. Jede Heckenmutter wusste es. Der letzte Trank – aus Fliederwurzeln, süßer Eberraute und einem Hauch des blauen Dorns. Der Duft: betörend. Der Geschmack: blumig. Die Wirkung: ein sanftes Hinübergleiten.

Während die Adjutantin den Trank über dem kleinen, schmiedeeisernen Kessel rührte, bat Sonea: „Erzähl mir etwas. Etwas von… früher.“

Die junge Frau lächelte traurig. „Der Frieden ist stark. Seit dem Ende des Dritten Nexuskrieges hat es keinen Angriff mehr gegeben. Dein Einfluss war größer als du denkst.“

Sonea lächelte schwach. „Und… meine Brüder?“

„Caldur fiel mit dem Bogen in der Hand. Bromar bei den flammenden Wassern. Elyndor und Eldrin – Seite an Seite, wie immer. Fennrin… hat bis zuletzt geheilt.“ Die Stimme der Adjutantin zitterte kurz. „Sie sind gefallen im Ersten Krieg. Doch sie haben unsere Wurzeln bewahrt.“

Soneas Blick verlor sich im Spiel der Schatten. „Dann war es… nicht umsonst.“

Der Trank dampfte nun in einer irdenen Schale. Die Adjutantin reichte ihn ihr mit beiden Händen. Sonea nahm ihn, spürte die Wärme. Roch das Fliederaroma. Und trank – langsam, entschlossen.

Als sie die leere Schale absetzte, zitterten ihre Finger.

„Komm“, flüsterte die Adjutantin. Sie half ihr auf, führte sie zu einer weichen Lagerstätte mit Moosdecken und getrockneten Blüten.

„Erzähl mir weiter“, bat Sonea, während ihre Glieder schwer wurden.

„Du hast uns gelehrt, dass Licht nicht grell sein muss. Dass Frieden… leise beginnt. In uns. In der Erde.“

Soneas Augenlider wurden schwer.

„Und als die Kristalle uns riefen, hast du uns gezeigt, wie man ihnen begegnet – mit Ruhe. Nicht mit Gier.“

Ein letzter Atemzug, duftend nach Flieder und Erinnerung.

Und dann… Dunkelheit. Sanft. Voller Farben.


Als Sonea die Augen erneut öffnete, lag sie auf dem kalten Boden des Fadenbruchpfads. Die Säule vor ins letzte Licht des Tages getaucht. Ihre Finger hielten einen großen Kristall – und eine Spur von Fliederduft hing noch in der Luft.

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