Reise zum Schattenspiegelsee (Tag 19)


„Da vorn liegt er!“, rief Posy und fuchtelte mit seiner Tatze in Richtung eines sanft glitzernden Flecks am Horizont. „Der Schattenspiegelsee! Sieht gar nicht so… bedrohlich aus, oder?“

„Vielleicht liegt genau darin die Gefahr“, murmelte Xalfein, sein weißes Haar wehte im Wind, während er mit zusammengezogenen Augenbrauen die tiefschwarze Oberfläche des Sees betrachtete. „Ein See, dessen Wasser kein Licht reflektiert? Das schreit geradezu nach Magie.“

„Oder nach einem verdorbenen Badeort“, grinste Finn, zupfte an seiner Laute und ließ einen verspielten Akkord erklingen. „Ich hoffe trotzdem, dass es wenigstens Fische gibt, die tanzen können.“

„Der Ort ist wunderschön… aber… still. Zu still“, sagte Sonea nachdenklich. Sie trat ans Ufer, ließ ihre Fingerspitzen knapp über die Wasseroberfläche gleiten. „Ich… spüre nichts.“

„Keinen Kristall?“, fragte Habikan, sein einzelnes, glühendes Auge blitzte neugierig. „Nicht einmal ein Flüstern?“

„Nein“, antwortete die Druidin mit einem Stirnrunzeln. „Sonst waren sie immer da. Dieses… Ziehen. Dieses Leuchten in meinem Inneren. Aber hier… nichts. Leere.“

„Heiszt dasz… kein Szaz?“ Kleschbumtauch ließ traurig seine Schultern hängen. „Dabei hab ich exsztra die Axszt geputszt…“

Die Gruppe begann, das Ufer zu erkunden, tastete sich durch Schilf, Wurzeln und alte Stege. Doch der See blieb schweigsam. Kein Licht zu sehen. Kein Puls der Kristalle. Nur Fuzz schnupperte nervös an der Luft und fauchte gelegentlich in Richtung des Wassers.

Dann: ein Platschen.

„Ein Fisch!“, rief Posy aufgeregt. „Er ist gesprungen! Aber… wartet mal…“

Alle schauten. Der Fisch hatte den See durchbrochen – aber beim Eintauchen… war er verschwunden. Keine Kreise auf dem Wasser, keine Spur. Als hätte er nie existiert.

„Das ist genug!“, sagte Sonea plötzlich. Sie zog sich ihre Robe vom Leib, legte Gürtel und Tasche behutsam auf einen nahegelegenen Stein.

„Was hast du vor?“, fragte Finn, die Stimme leiser als sonst.

„Wenn uns der See nicht antwortet, dann frage ich ihn direkt.“ Und ohne weitere Worte sprang sie.

Ein kaum hörbares Platsch – dann Stille.

Xalfein kniff die Augen zusammen, murmelte ein paar arkan klingende Worte. Gleißendes Licht flackerte um seinen Hals, und feine, durchscheinende Kiemen wuchsen entlang seiner Haut.

„So viel zu impulsivem Heldenmut“, bemerkte er trocken und sah zu den anderen. „Ich werde sehen, ob sie noch lebt. Und was sie da unten findet.“

Er glitt wie ein Schatten ins Wasser.

Stille senkte sich über die Gruppe. Minuten verstrichen.

„Das… ist nicht normal“, brummte Posy. „Ich geh hinterher.“

„Ich auch“, sagte Finn knapp, warf seine Laute auf den Stapel Kleidung und sprang.

Habikan nickte. „Wenn das ein Rätsel ist, will ich die Lösung sehen.“ Und glitt elegant ins Wasser.

Kleschbumtauch starrte kurz, kratzte sich am Kopf. „Isch kann nicht schwimmen… aber… ich geh trotzdem.“ Mit einem lauten Platschen verschwand auch er.

Nur Fenro blieb zurück – wie eine Statue am Ufer, reglos und wachsam, das bunte Licht des wandernden Mondes auf seiner Schulter.

„Kommt bald zurück“, murmelte er. „Oder ich komme euch holen.“


Ein Gefühl der Schwerelosigkeit. Ein Dröhnen in den Ohren. Kälte, die sich an die Haut schmiegte. Sonea schlug die Augen auf – Wasser überall, doch sie konnte atmen. Kein Auf und Ab, kein Unten oder Oben, nur endlose Tiefe in dunklem Blau, durchzogen von fahlen Lichtschleiern, die sich in der Ferne verloren.

Neben ihr schwebte Xalfein, still, sein weißes Haar wie Nebelschleier um sein bleiches Gesicht. Die grazil gewachsenen Kiemen an seinem Hals blähten sich leicht, während seine dunklen Augen die Umgebung abschätzten. Nichts war zu hören außer dem eigenen Pulsschlag.

Sonea öffnete den Mund, versuchte zu sprechen. „Irg… glrbl… irrgl…“ Nur Blasen stiegen auf. Ihre Stimme war dumpf, wie durch nasses Tuch gedrückt, die Worte verformt, unverständlich.

Xalfein hob eine Augenbraue. „Gbl… rrrk…“ antwortete er tonlos, dann schüttelte den Kopf. Verständigung? Fast unmöglich.

Sie trieben ein Stück. Dann bewegte sich etwas im Dunst vor ihnen.

Schatten, größer werdend. Humanoide Gestalten, aber fremdartig. Ihre Haut schimmerte schuppig im schräg einfallenden Licht, mit langen Flossenarmen und messerscharfen Schwänzen. Ihre Gesichter: fischartig, mit gezackten Kiefern, schwarzen Augen und starren Blicken. In den Händen hielten sie Speere aus Koralle und Knochen, mit Seetang umwickelt.

Sonea stieß sich leicht vom Fels ab, langsam, beschwichtigend paddelnd. Ihre Augen leuchteten hoffnungsvoll. Sie formte mit Mühe Worte. „Frreee…eeunde… gllb… suchen… Licht… Kristall…“

Die Wesen bewegten sich blitzschnell. Einer schoss vor, die anderen folgten wie Raubtiere. In den starren Mienen war keine Neugier, keine Gastfreundschaft – nur Angriffslust.

Ein Speer zischte durch das Wasser, streifte Soneas Arm. Sie keuchte, wirbelte zur Seite und murmelte hastig ein uraltes Wort – in einer Sekunde war ihre Gestalt verschwunden, ersetzt durch eine große, goldgrün schimmernde Krabbe, deren Scheren wütend durchs Wasser schnitten.

Xalfein, geistesgegenwärtig, fauchte eine arkane Formel. Aus seinen Fingern zuckten Strahlen purpurner Energie, Blasen platzten, als sie auf die Angreifer prallten. Doch die Flossenkrieger waren geübt – sie umkreisten ihn, stießen mit Netzen, Harpunen und stumpfen Keulen vor.

Ein scharfer Schlag traf Xalfein in den Rücken. Er zuckte, verlor den Fokus, dann schlugen ihn zwei kräftige Arme nieder. Neben ihm wurde die Krabbe, die einst Sonea war, in ein Netz geschlungen und zusammengeschnürt.

Gefesselt, erschöpft, wurden sie tiefer gezogen.

Während die fremdartigen Krieger sie abtransportierten, tauchte am Rande der Sicht eine zweite Gruppe auf – hochgewachsene Meereswesen mit schimmernden, schuppenverzierten Rüstungen und langen, elegant geformten Speeren. Ihre Bewegungen waren ruhig, beinahe feierlich. Ihre Augen – mandelförmig und leuchtend – blickten schweigend auf die Szene. Keine Geste, kein Laut. Kein Eingreifen.

Sonea zappelte, versuchte sich zu befreien. „Hilf… lsss…“

Xalfein kniff die Augen zusammen. „Brbl… um… sonst…“

Dann wurde alles dunkel.

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