Posys & Fuzzes Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)
Der Winter war still hier. Nur wenig Schnee, aber das Gras war gefroren, und der Atem der Tiere hing schwer in der Luft. Posy fror. Sein Fell, einst dicht und glänzend, war schütter und grau geworden. Seine Muskeln, einst stolz zur Schau gestellt, zitterten unter der Kälte. Selbst sein treuer Begleiter Fuzz – sein Regenbogenfell längst ausgebleicht, die Bewegungen langsam und vorsichtig – lag zusammengerollt neben ihm, tief in einen groben Umhang gewickelt.
Das Feuer, an dem sie saßen, knisterte schwach. Es war keine große Flamme – mehr ein Überbleibsel aus der Nacht, das sich weigerte zu sterben. Eine junge Frau, kaum mehr als ein Schatten mit streifigem Fell, trat kurz an ihn heran. Sie reichte ihm eine dampfende Schale Brühe, legte ein raues, aber warmes Fell über seine Schultern – und verschwand wieder wortlos zwischen den Zelten.

Posy blickte sich um. Der Ort kam ihm bekannt vor, aber wie durch den Schleier eines langen Traums. Die Zelte waren alt. Nicht alt wie Relikte – sondern alt wie Freunde, die man zu lange nicht besucht hat. Ihre Kanten waren ausgefranst, ihre Farben verblichen, Risse notdürftig geflickt.
Doch das Leben war da.
Kinder spielten Fangen zwischen den abgewetzten Zeltleinen. Zwei Jugendliche rangen lachend im Schnee, ihre Bewegungen roh, aber voller Feuer. Holz wurde gestapelt, Wasser aus dem gefrorenen Fluss geschleppt.
Es war sein Stamm.
Oder eine Erinnerung daran.
Er nahm die Brühe in die Hand – schwer, fast zu schwer – und nahm einen Schluck. Er schmeckte Rauch, Wurzel und ein Hauch von Vergangenheit. Fuzz hob kurz den Kopf, schnupperte, seufzte und ließ ihn wieder sinken.
Dann spürte Posy es.
Nicht durch den Dampf. Nicht durch den Schnee. Sondern durch den Wind, der kurz auffrischte.
Sein Blick wanderte zur Mitte des Platzes.
Dort ragte der Totempfahl in den Himmel – alt, geschnitzt, geschwärzt vom Wetter, von Moos umrankt. Und dort oben, ganz an der Spitze, verborgen vor aller Augen – aber nicht vor ihm – glimmte etwas. Wie gefrorenes Licht.
Die Kristalle.
Er starrte auf die Spitze des Pfahls. Die Kristalle glommen schwach, fast wie ein Irrlicht im Morgendunst. Vielleicht war es auch Einbildung. Vielleicht auch nicht.

Posy runzelte die Stirn, warf einen Blick zu Fuzz. Der alte Kater hatte die Augen halb geöffnet, die Ohren zuckten träge im Wind. Einst hätte Fuzz diese Höhe mit einem einzigen Satz genommen, elegant wie eine Regenbogenklinge im Flug.
Aber jetzt?

Der Gedanke verdampfte wie der Atem in der Kälte. Posy seufzte schwer, stand auf, stützte sich auf ein knorriges Stück Holz, das ihm als Stütze diente, und murmelte: „Kann ja nicht so schwer sein…“
Er stapfte los.
Direkter Weg. Immer der beste Weg. Das hatte er sich schon als junger Mephitide gesagt, als er zum ersten Mal durch einen Dornenstrauch gelaufen war.
Der Totempfahl war höher, als er in Erinnerung hatte. Rutschiger. Seine Hände, rau und klamm, fanden kaum Halt an der gefrorenen Oberfläche. Er stemmte sich hoch, Zentimeter für Zentimeter – keuchend, mit zusammengebissenen Zähnen, während seine Knie zitterten wie Bäume im Sturm. Sehr schmächtige Bäume.
Dann – verlor er den Halt!
Ein leiser, unheilvoller Moment der Schwerelosigkeit.

Er lag am Boden. Auf dem Rücken. Fuzz hatte nicht mal den Kopf gehoben. Aber aus der Nähe eines Zelts… hörte er ein leises Kichern. Schnell unterdrückt. Gefolgt von einem eindringlichen Zischlaut, der das Kichern verstummen ließ.
Posy blinzelte in den Himmel. Die Kristalle über ihm tanzten im Licht.
Er hievte sich mühsam in eine sitzende Position, klopfte sich den Dreck und den Schnee von der Kleidung – oder versuchte es zumindest – und spähte zu den Jugendlichen, die sich verstohlen hinter einem der Zelte duckten.
„He, ihr!“, rief er mit brüchiger, aber entschlossener Stimme. „Kommt her, ihr Wuschelpfoten! Brauch euch!“
Sie zögerten. Ein kurzes Flüstern, ein Blick zur Seite – dann kamen zwei von ihnen näher. Ziemlich groß. Wahrscheinlich schon im Kampflager, vielleicht kurz vor dem ersten eigenen Beutefest. Einer trat mit leicht gebückter Haltung näher, der andere streckte sich demonstrativ, als müsste er beweisen, dass er keine Angst hatte vor einem Alten.
„Opa?“, fragte der eine. „Alles gut bei dir?“
Posy deutete mit einem knochigen Finger nach oben. „Da! Seht ihr’s? Die glitzernden Kristalle, ganz oben am Stamm?“
Die beiden blickten hinauf. Einer kniff die Augen zusammen.

„Äh… das is’n Vogelnest. Schon ewig da. Glitzert nix.“
„Doch!“, beharrte Posy. „Ihr schaut nur falsch. Oder… oder zu jung. Da oben is was Wichtiges. Helft mir rauf.“
Die Jungen wechselten einen Blick. Ein Achselzucken. Dann das eine Wort, das in jedem Zeitalter funktioniert: „Räuberleiter?“
„Genau! Und nehmt euch zusammen, sonst tret’ ich euch mit meinen alten Füßen das Rückgrat grade!“
Der erste kniete sich nieder, der zweite stützte ihn von hinten. Posy stemmte sich mit letzter Kraft auf ihre verschränkten Hände, keuchte, rutschte – kam hoch. Fast. Ein Hauch von Hoffnung.
Dann wackelte die Konstruktion. Ein Fuß glitt ab. Ein Ellbogen prallte gegen einen Schädel. Der untere fluchte, verlor das Gleichgewicht –
Wusch – plumpf!
Posy lag wieder unten. Wieder flach auf dem Rücken. Er sah Sterne. Fuzz miaute leise, fast spöttisch.
„Vielleicht…“, murmelte Posy, „war das doch nicht der beste Weg…“
Noch im Schnee sitzend, blickte Posy zu den Jugendlichen auf, die sich erneut sortierten und betreten zu Boden schauten.
„Du. Der mit den langen Armen“, sagte er und wies auf den größeren der beiden. „Rauf mit dir. Du bist jung, biegsam und hast keine Ahnung, wie gefährlich das ist. Beste Kombination!“
Der Junge schluckte, aber nickte. In einem flinken Satz war er am Totempfahl, zog sich mit der Leichtigkeit der Jugend hinauf, als hätte er’s schon hundertmal getan. Wind wehte um ihn herum, und ein paar jüngere Kinder kamen neugierig näher, beobachteten das Schauspiel mit offenen Mündern.
„Und?“, rief Posy, die Hand über den Augen.
„Nest. Alt. Federn. Kein Glitzern.“
„Wisch’s runter. Vertrau mir. Da is was Wichtiges drin.“
Der Junge zuckte mit den Schultern – und stocherte im Nest.
Ein Moment verging.
Dann – ein leises Klirren. Ein Regen aus Federn und alten Ästen. Und dazwischen: funkelnde Splitter. Die Kristalle. Sie fielen wie Sternschnuppen direkt vor Posys Füße.
Er keuchte, seine Finger ausgestreckt, der Rücken knirschte bei der Bewegung. Fuzz maunzte erwartungsvoll.
Dann – ein Schrei.
„Passt auf! Der Pfahl kippt!“
Ein Krachen, ein Rufen, dann das Dröhnen splitternden Holzes. Der Totempfahl, vom Ungleichgewicht gestürzt, fiel direkt auf Posy zu – eine uralte Masse voller Geschichte und Gravur.
Seine Finger berührten gerade noch die Kristalle.
Dann war da nur noch Licht.
Er lag am Boden. Sein Körper jung, sein Atem ruhig. Die Steinsäule ragte schweigend in den Himmel. In seiner Hand: die Kristalle.
Fuzz sprang auf seinen Bauch, zufrieden schnurrend. Und Posy? Der lächelte. Breiter, als er eigentlich sollte.



