Kleschbumtauchs Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)
Der Himmel war grau, zäh wie erkaltete Suppe. Nebel kroch zwischen den knorrigen Bäumen, die sich wie erschöpfte Riesen über das Land beugten. Kleschbumtauch stand knietief im Sumpf. Wieder. Der modrige Geruch des Torfs, das gluckernde Geräusch jedes Schrittes, das dumpfe, unnachgiebige Ziehen des Morasts – alles war wie früher. Oder… nein. Nicht wie früher. Schlimmer.
Sein Körper fühlte sich leer an. Die einst prallen Muskeln waren schlaff geworden, seine Schultern eingefallen, der Griff der Spatenstange zitterte in seiner Hand. Seine Axt war nicht da. Er war wieder da, wo er nie mehr hinwollte: ein einfaches Werkzeug unter vielen.

Um ihn herum schuften andere im Torf. Menschen, Orks, ein paar Goblins – ihre Gesichter ausdruckslos, ihre Bewegungen mechanisch. Niemand sprach. Die einzige Stimme gehörte der Vorarbeiterin – einer breitschultrigen Orkin mit wettergegerbtem Gesicht, lederner Rüstung und einer langen, geflochtenen Peitsche, die wie eine Schlange in ihrer Hand lebte.
„Tiefer! Faule Dreckswühler! Ich will Leistung sehen, bevor ihr Feierabend macht!“ Klesch zuckte zusammen, als der Peitschenhieb nur einen Schritt neben ihm in den Morast schlug.

Sein Blick wanderte nach unten. Er… spürte sie. Die Kristalle. Irgendwo unter der triefenden Schicht aus Torf und Wasser, vielleicht zwei Meter tief. Sie zogen an seinem Innersten und Hoffnung regte sich in ihm. Er begann zu graben, langsam. Doch das Wasser kam zurück. Immer. Jedes Loch, das er schuf, wurde zum Sumpfloch. Der Boden fraß seinen Fortschritt mit derselben Gleichgültigkeit, mit der die Vorarbeiterin ihre Peitsche schwang.
Er blickte zu den Bäumen am Rand des Feldes. Dicker Wuchs, stabil – vielleicht konnte er daraus einen Schacht bauen, wie man es beim Brunnengraben tat. Ein einfacher Plan. Ein kluger Plan.
Er begann, sich zu entfernen – kaum ein paar Schritte aus der Reihe der Grabenden, schon ertönte die Stimme.„KLESCH! Wo schlurfst du hin?! Zurück an die Arbeit, oder ich zieh dir die Haut ab und mach einen Schlafsack daraus!“
Ein erneuter Hieb durchriss die Luft. Klesch blieb stehen. Spürte, wie seine Wut aufflammte – nicht hitzig, sondern tief und dumpf, wie das Brodeln des Sumpfwassers. Er war wieder dort, wo sie ihn klein gemacht hatten. Aber diesmal war er alt. Schwach. Und allein.
Klesch blieb stehen, keuchte schwer und schüttelte langsam den Kopf.
„M-muszz Holszz hol’n… für’n Szzlafft, äh… Szzafft! S-szzonszz Szzumff alleszz wieda szzu!“ Er wedelte mit den Armen, zeigte auf den Boden, dann auf die Bäume. „Iszz’ logiszz! Iff… iff maff daszz szzon.“
Die Orkin sah ihn an, als wäre er ein schlecht geschnitzter Löffel. Dann lachte sie – trocken, ohne jede Wärme. Nur Hohn. „Ahhh… du willst was bauen?“ Ihre Stimme tropfte vor Spott. „Na los, Klesch. Dann zeig mal, wie man den Sumpf bezwingt. Ich komm mit. Will das Genie bei der Arbeit sehen.“
Einige der anderen Arbeiter hoben kurz den Blick, warfen Klesch einen Ausdruck zu, der zwischen Mitleid und Warnung schwankte. Aber niemand sagte ein Wort.
Klesch zögerte. Doch er glaubte – hoffte – dass sie ihn vielleicht wirklich begleiten würde. Sie entfernten sich vom Arbeitsfeld, weg von den müden Blicken. Klesch stapfte voraus. Dann kam der Schlag. Ohne Vorwarnung stieß ihn die Orkin brutal in den Rücken. Klesch fiel der Länge nach in den Matsch, das Gesicht tauchte ein, der Morast sog sich an ihn wie gierige Hände.

„Uuuups“, höhnte sie. „Bissl schlüpfrig hier draußen, was?“ Sie beugte sich zu ihm herab, reichte ihm die Hand – und als er sie ergriff, ließ sie los.
Platsch.
Wieder fiel er. Noch tiefer. Noch nasser.
Sie lachte laut. „Du warst ja angeblich schon nicht der Hellste, als du jung warst, Klesch. Aber alt und dumm? Das ist fast schon ein Kunstwerk.“ Klesch blieb liegen. Keuchte. Spürte den kalten Torf an seinem Körper, die Scham, die Hilflosigkeit – und darunter, kaum hörbar: das Flüstern der Kristalle. Nicht als Trost. Sondern als dumpfer Ruf.
Der Morast klebte an ihm wie Erinnerung. Kleschbumtauch lag da, der Atem schwer, die Muskeln schwach, der Stolz zerschlagen. Um ihn herum nichts als Dreck, Dunkelheit – und das hässliche Lachen der Vorarbeiterin, das in seinem Schädel nachhallte wie eine alte Wunde.
Doch tief in ihm… war noch etwas. Etwas, das nicht verging.
Wut.
Nicht laut. Nicht wild. Tierisch, urzeitlich. Wie glühende Lava in seinem Bauch. Eine uralte Kraft, die nichts fragte, nichts verlangte – sie war einfach da.
Sein Blick klärte sich. Die Welt war nur noch braun und grau und rot. Die Hand der Orkin – erneut ausgestreckt, spöttisch, ein Hohn auf Hilfe. Wieder ergriff er sie.
Sie ließ los, er nicht. Ihr Grinsen gefror in dem Moment, als er sie mit einem einzigen, erbarmungslosen Ruck zu sich hinabzog. Der Morast schmatzte gierig, als ihr Gleichgewicht kippte, als ihre Beine nach Halt suchten – vergeblich.
„Was…?! Du… Dreckssack! Dafür wirst Du leiden!“ Sie schlug mit der Peitsche, doch sie war zu nah. Zu überrascht. Kleschbumtauch war nicht mehr der Schwache. Mit einem tiefen Knurren drückte Klesch sie nach unten. Seine Finger gruben sich in ihre Schultern, sein Gewicht zwang sie tiefer. Der Morast nahm sie auf wie eine lange vermisste Freundin. Sie zappelte verzweifelt. Fluchte. Doch Klesch drückte weiter. Langsam. Unerbittlich. „Klesch… bumm… tauch!“, keuchte er zwischen den Zähnen, sein Lispeln ein weiteres Opfer seiner Wut. Der Name war nun keine bloße Erinnerung mehr. Er war ein Schwur. Ein letzter Blick – dann war sie weg. Nur Blasen stiegen noch auf. Aber selbst die verstummten bald.

Der Sumpf war still geworden. Wo eben noch das letzte Röcheln der Vorarbeiterin verklang, war nun nur noch das Glucksen des Wassers und das gedämpfte Flüstern des Windes zwischen den Bäumen.
Klesch stand langsam auf – schwer, schmutzig, aber aufrecht. Seine Brust hob sich mit jedem Atemzug, als hätte er sich aus einer jahrzehntealten Last befreit. Die Peitsche lag halb versunken im Morast, vergessen. Er drehte sich zu den Bäumen.
Holz.
Er schnitt, schleppte, keuchte. Stück um Stück, Balken um Balken. Die Kraft war kaum noch da – aber sein Wille war Stein. Mit zitternden Händen begann er zu bauen. Einen Ring aus Stämmen, gestützt von Zweigen, festgehalten mit Schlamm und Wut. Ein Schacht, roh, aber stabil. Stück für Stück grub er in die Tiefe. Der Morast kam zurück, aber diesmal langsam. Er war schneller. Schlauer. Zielgerichtet.
Die Kristalle, halb vom Torf bedeckt, pulsierten schwach. Er streckte die Hand aus. Ein Zittern ging durch die Wände seines Schachtes. Ein Knacken. Ein Krachen. Der Sumpf drängte hinein, das Wasser schoss zurück, der Boden brach ein – die Welt versank.

Aber Kleschs Finger berührten die Kristalle. Für einen Moment war alles Licht. Schwerelos. Ohne Schmerz.
Er erwachte. Der Geruch von nassem Stein, das kühle Licht der Dämmerung – und seine Axt neben ihm. Seine Haut war wieder jung, sein Körper kraftvoll. Der Sumpf war fort. Die Peitsche verschwunden. Nur die Kristalle in seiner Faust erinnerte an das, was war.
Was er nie wieder sein würde.


