Habikans Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)
Habikan trat aus dem Nebel, und die Welt war leise. Zu leise. Kein Wind. Kein Hall seiner Schritte auf dem Kopfsteinpflaster. Die Stadt um ihn herum war ein Labyrinth aus bleichen Häusern mit geschlossenen Fenstern, deren Fensterläden sich nicht rührten. Oben, hoch über den Dächern, ragte ein Turm in den Himmel – aus ihm strömte eine Präsenz, die er tief in sich spürte: Nexus-Kristalle.
Doch sein Körper war nicht mehr fest. Die Linien seiner Gestalt flimmerten, sein rechter Arm schien stellenweise durchsichtig, als hätte jemand vergessen ihn zu zeichnen. Auf seinem Hut, einst stolz geschmückt mit goldenen Federn, hatten sich feine Spinnweben gelegt. Ein Faden wehte langsam im luftlosen Raum. An seinem Revers welkte eine Blume, und kleine Risse durchzogen den brüchigen Stoff seines Gewands.
Er verblasste.
Ein Traum hat nur Bestand, solange sich jemand an ihn erinnert. Und seine Zeit schien zu verrinnen.

Trotzdem setzte er einen Fuß vor den anderen – mit jener träumerischen Anmut, die seine Bewegungen stets auszeichnete. Vor ihm erhob sich das große Tor, flankiert von zwei… Wachen? Oder waren es Möbelstücke, die beschlossen hatten, aufzustehen?
Ihre Körper waren groß und eiförmig, ihre Rüstungen glänzend wie Porzellan. Ihre Köpfe winzig und unter zu großen Helmen verborgen. Ihre Gliedmaßen: dünne Stäbchen, die unnatürlich wogen. Und in ihren Händen hielten sie Hellbarden, die sie vor Habikans Gesicht kreuzten.
„Zutritt verweigert. Domizil des Herrschers der Traumwelt“, sagten sie gleichzeitig – mit Stimmen, die klangen, als wären sie ihr eigenes Echo.

Habikan stockte kurz, aber fand sein Lächeln schnell wieder. „Aber selbstverständlich habe ich eine Audienz.“
Er hob die Hände. Konzentrierte sich. In seiner Tasche begann sich ein Stück Papier zu formen – zuerst kaum spürbar, langsam wachsend, faltenwerfend. Er nahm es aus seiner Tasche und als er es ganz entfaltete, brauchte er beide Hände um es halten zu können.
In feiner Schrift stand darauf:
Audienz beim Herrscher der Traumwelt
Eine der Wachen beugte sich herab, der Helm rutschte beinahe vom winzigen Kopf. Die Wache betrachtete das Dokument lange, blinzelte einmal, dann wieder. Ihre Augen wanderten immer wieder zwischen Pergament und Habikan hin und her.
„…na gut“, murmelte sie schließlich. Die Hellbarden senkten sich.

Habikan verneigte sich theatralisch und schritt durch das große Portal.
Doch während er es durchquerte, musste er sich zusammenreißen. Seine Züge verkrampften. Die Angst kroch in ihm hoch. Türen, Tore, Durchgänge – sie waren nie sein Freund gewesen. Immer war da die Angst, dass dahinter… etwas auf ihn wartete. Oder er sich selbst nicht mehr finden würde.
Trotzdem ging er weiter. Der Gang gabelte sich bald in zehn Wege. Jeder mit einer Inschrift. Drei führten nach oben: Bibliothek, Küche, Keller.
„Der sicherste Weg ist nie der richtige“, flüsterte er sich selbst zu – und wählte den Keller.
Die Stufen führten, verwirrenderweise, nach oben. Einmal stolperte er fast, als die Schwerkraft sich drehte, doch er fing sich.
Im Raum warteten Blumentöpfe, mit verschiedensten Pflanzen. Salzfässer, die leise tuschelten. Und eine Falltür mit einer knarzenden Leiter, die nach unten führte, obwohl sie von unten kam.
Habikan pflückte eine blutrote Rose aus einem Topf – sie schrie. Ein Schrei, der durch Mark und Traum drang. Ein letzter Hauch entwich ihr, als er sie an sich nahm. Habikan erschreckte und verneigte sich leicht. „Verzeihung… ich brauche Erinnerung.“

Dann wandte er sich um und stieg die Stufen hinunter, die er gerade erst erklommen hatte.
Als Habikan erneut an der Kreuzung der Gänge stand, hatten sich die Wege verändert. Von den zehn Optionen blieben nur noch zwei, die nach oben führten: Brillenmanufaktur und Turmzimmer.
Habikan schmunzelte. „Ein klarer Fall von metaphorischer Irreführung.“
Er wählte das Turmzimmer.
Die Treppe, die sich dahinter verbarg, war aus schwarzem Marmor, der bei jedem Schritt einen anderen Ton anschlug – wie ein melancholisches Glockenspiel. Je höher er stieg, desto steiler und schmaler wurden die Stufen, bis sie zur reinen Schräge mutierten. Bald konnte er nicht mehr gehen – er musste klettern. Die letzte Etappe war eine Leiter, eng, aus Luft und Gedanken geformt. Jeder Spross ächzte unter seinem Gewicht, obwohl er kaum noch Substanz hatte.
Oben öffnete sich der Himmel.
Er trat hinaus in eine offene Kuppel, gehalten von zarten Säulen aus träumendem Stein. Wie ein Gazebo über den Dächern einer vergessenen Stadt. Der Wind war leise, trug den Duft von Tinte und Teeblättern mit sich, von gestern und nie.
Habikan atmete tief ein, schloss sein einziges Auge – und spürte die Kristalle. Nicht hier. Aber nah. Sehr nah. Sein Blick wanderte zur Seite.
Er trat an den Rand. Dort war sie – die andere Turmspitze, kaum zehn Meter entfernt, schwebend wie eine Erinnerung, die man fast fassen kann. Und in ihrem Zentrum: das Licht. Die Nexus-Kristalle. Rein. Unerreichbar.
Er griff in seine Jacke und nahm die tote Rose in seine Hand.
„Nicht Erinnerung“, murmelte er. „Verbindung.“
Mit einer einzigen, fließenden Bewegung drehte er die Blume zwischen seinen Fingern. Ihre Dornen bogen sich, ihre Blätter entfalteten sich – und zwischen den beiden Türmen entstand ein Riss im Raum, eine Brücke aus flüchtigem Licht. Eine Einstein-Rosen-Brücke, geschmiedet aus Vergänglichkeit und Wille.

Habikan schritt hindurch. Kein Zögern. Kein Blick zurück.
Im Zentrum der zweiten Kuppel sah er ein Podest. Die Kristalle lagen dort wie schlafende Sonnen. Er streckte die Hand aus – klirr. Unsichtbares Glas, kalt, hart. Ein Sturz aus Reinheit, durchscheinend wie die Wahrheit selbst.
Er zog seinen Dolch, schmal und geschwungen wie ein poetisches Komma. Setzte an. Kratzte. Versuchte, einen Kreis zu ziehen – leise, konzentriert, mit der Präzision eines Rituals.
Doch es gelang nicht.
Stattdessen: ein feines Splittern. Ein Sprung. Ein grobes Splittern! Der Glassturz zerbarst in einer Welle aus klingenden Träumen.
Habikan griff zu.
Die Kristalle waren warm.
Und in dem Moment, in dem er sie berührte, begann sein Körper erneut zu flackern. Doch diesmal nicht aus Schwäche – sondern weil etwas ihn zurückzog. Seine Konturen verflüchtigten sich, das Licht wurde hell, gleißend.
Die Kuppel verschwand. Die Stadt. Der Wind. Alles löste sich auf wie eine vergessene Geschichte.
Habikan öffnete sein einziges, leuchtendes Auge. Die vertraute Kälte des Fadenbruchpfads empfing ihn. In seiner Hand lagen die Kristalle – und die Erinnerung an ein zerdrücktes Rosenblatt.

