Die Stadt in der Tiefe
Je tiefer die Gruppe in die dunklen Wassermassen hinabsank, desto deutlicher wurde das Gefühl, dass sie einen Bereich betraten, der nicht für sie gedacht war. Das Licht der oberen Schichten war längst verschwunden, ersetzt durch ein gedämpftes, schimmerndes Glühen unbekannter Herkunft.
Surugeta verlangsamte seine Bewegungen, sie wurden kontrollierter, beinahe vorsichtig.
„Wir werden gesehen“, sagte er ruhig.
„Ach“, murmelte Finn. „Endlich mal Aufmerksamkeit.“
Kleschbumtauch drehte sich langsam um die eigene Achse. „Ich szag’sz euff“, zischte er und ruderte unruhig mit den Armen, „hier unten isz wasz faul. Niff faul wie alter Fiszff. Andersz faul.“
„Das ist sehr präzise“, sagte Finn. „Hilft uns ungemein weiter.“
Dann öffnete sich die Tiefe.
Vor ihnen lag eine Stadt, senkrecht in die Dunkelheit gebaut, wie der Innenraum eines gigantischen Schachts.
„Nein“, sagte Xalfein. „Das wirkt hochgradig illegal.“
„Was genau?“ fragte Finn.
„Architektur. Orientierung. Gesunder Hausverstand.“
Häuser hafteten an den Wänden, übereinander, versetzt, verbunden durch Stege, Seile und schwebende Plattformen. Der freie Raum in der Mitte war voller Bewegung – Wesen stiegen auf, sanken ab, kreuzten einander, als wäre das hier die selbstverständlichste Straße der Welt.
Kleschbumtauch kratzte sich am Kinn und zuckte dann mit den Schultern. „Iszn Loff mit Häuszern.“
„Bitte sag nie wieder so etwas“, bat Posy.
Surugeta betrachtete das Ganze lange. „Vertikale Anordnung“, stellte er fest. „Einleuchtend.“
„Klingt nach einem Alptraum“, sagte Finn.
„In gewisser Weise… traumhauft“, meldete sich eine Stimme aus einem dunklen Eck.
Habikan schwebte dort, reglos, als hätte ihn der Strom selbst an diese Stelle gesetzt. Sein Blick war wach – aber abwesend wie immer.
„Habikan!“ Sonea schoss vor. „Wo warst Du? Du bist plötzlich verschwunden!“
„Ja“, sagte er ruhig. „Das hatte Gründe.“
„Die du uns irgendwann erklärst?“ fragte Finn.
„Natürlich“, antwortete Habikan.
Xalfein seufzte verächtlich. „Natürlich. Da bin ich ja mal gespannt.“
Habikan wandte sich der Stadt zu. „Ich musste gehen. Etwas war… falsch. Nach dem Angriff im Palast habe ich etwas gespürt. Eine Wunde in der Welt.“
Surugeta nickte langsam. „Eine strukturelle Störung.“
Kleschbumtauch verzog das Gesicht. „Ich mag keine szutukele Szörung!“
Zum trägen Anker
Die Taverne hing wie ein widerspenstiger Gedanke im Schacht.
„Zum trägen Anker“ war ein Ort, in der Schwerkraft zweitrangig war. Die Theke verlief senkrecht durch den Raum, Sitzgelegenheiten waren spiralförmig darum herum angebracht. Gäste schwebten in unterschiedlichen Höhen und tranken aus geschlossenen Gefäßen.
„Ich szizz falszff“, murmelte Kleschbumtauch.
„Du sitzt überhaupt nicht“, merkte Posy an.
„Eben!“
„Dort drüben ist Fred“, sagte Habikan. „Er ist ein… Freund.“
Ein schmaler, aalartiger Humanoid drehte sich um. Seine Haltung war leicht gekrümmt, seine Haut matt grünlich schimmernd. Um ihn herum schwebten mehrere Schiefertafeln, dicht beschrieben mit fremden Zeichen. Eine verschob sich leise, ein Symbol wurde ergänzt.
„Habikan.“, sagte Fred. „Schön Dich zu sehen. Du schuldest mir noch einen Gefallen.“
Auf einer Tafel drehte sich ein Symbol um.
Finn beugte sich vor. „Was steht da?“
Fred lächelte höflich. „Das betrifft euch nicht. Noch nicht.“
„Sind das Zauber?“ fragte Posy mißtrauisch.
„Nein“, sagte Fred. „Buchhaltung.“
Kleschbumtauch sog scharf Luft ein. „Uh. Szowasz isz szehr gefährliff! Hab iff szumindesz szo gehört.“

Der Weg zum Rat
„Hört zu“, sagte Habikan, als sie die Taverne verließen, um sich auf Freds Anraten hin an den Rat der Konfluenz zu wenden. „Ihr müsst vorsichtig sein.“
„Wir sind immer vorsichtig“, sagte Finn.
„Ach ja?“, erwiderte Habikan. „Vorsichtig wie ein Sturm bei Mondschein.“
Er hob einen Finger.
„Was ich meiner Zeit hier herausgefunden habe: Beschuldigt niemanden ohne handfesten Beweis. Lehnt kein Angebot sofort ab. Sprecht nicht laut über Gerechtigkeit.“
„Warum nicht?“ fragte Sonea.
„Weil das Wort Dinge verengt“, sagte Habikan. „Sie mögen es weit hier.“
„Immer Zeit erbitten“, ergänzte er. „Indirekt Fragen stellen. Nie gegen den Strom arbeiten!“
Xalfein seufzte. „Ich liebe Orte, an denen man nicht sagen darf, was man meint.“
Der Rat der Konfluenz
Die Strömungen verlangsamten sich, je näher sie kamen, als würde das Wasser selbst den Atem anhalten. Das Licht schien sich hier zu sammeln, oder besser – es verharrte.
„Das hier“, murmelte Posy, „ist kein Ort zum Lügen.“
„Mal sehen…“, sagte Finn.
Surugeta schüttelte kaum merklich den Kopf. „Nein. Hier lügt man nur… anders.“
Der Rat wartete bereits.
Selyr schwebte im Zentrum. Seine Gestalt war schlank, halbtransparent, als bestünde sie aus ruhigem Wasser und feinem Nebel zugleich. Seine Gesichtszüge waren glatt, beinahe zu glatt, und seine Augen wirkten wie stehende Wirbel – nicht bedrohlich, aber unerbittlich aufmerksam.
Zur Rechten ruhte Korrash Tiefenzahn. Der massige Haihumanoid wirkte selbst im Wasser schwer, als würde er Schwerkraft mit sich bringen. Seine graublaue Haut war von alten Narben durchzogen, manche sauber verheilt, andere roh, ungepflegt. Seine Präsenz war nicht aggressiv – sondern endgültig.
Links davon schwebte Niméa die Lauscherin. Ihr Körper war nicht humanoid und mehr Andeutung als Form, eine Silhouette aus schwarzem Licht und durchscheinender Tiefe. Fäden zogen sich hinter ihr her, pulsierend, langsam, wie Gedanken, die Zeit brauchten. Ein Gesicht war nicht erkennbar.

„Die Strömung bringt euch“, sagte Selyr. Seine Stimme klang ruhig. „Das macht sie selten ohne Grund.“
Finn trat einen halben Schritt vor. „Wir wollen keinen Ärger. Verursachen auch keinen. Also meistens! Jedenfalls nie absichtlich.“
Korrash schnaubte. „Absicht ist irrelevant.“
Sonea hob beschwichtigend die Hände. „Wir suchen keine Konfrontation. Nur… Orientierung.“
Niméas Fäden pulsierten stärker.
„Orientierung setzt Gleichgewicht voraus.“
Habikan hatte bisher geschwiegen. Nun hob er den Blick.
„Dann lasst uns über das sprechen, was dieses Gleichgewicht verletzt.“
Ein kaum wahrnehmbares Zittern ging durch den Raum.
Selyrs Wirbelaugen ruhten nun direkt auf ihm.
„Du meinst den Alten.“
Xalfein zog eine Augenbraue hoch. „Wie nett, dass er überall denselben Spitznamen hat.“
„Der Aboleth“, sagte Surugeta ruhig.
Stille.
Nicht Ablehnung. Nicht Zustimmung.
Nur Akzeptanz.
„Er existiert“, sagte Korrash schließlich. „So wie wir existieren.“
„Aber er verletzt“, entgegnete Habikan. „Er reißt Wunden.“
Niméa neigte den Kopf – oder etwas, das man dafür halten konnte.
„Wunden sind Teil von Wachstum.“
„Nein“, sagte Sonea leise, aber fest. „Manche sind Teil von Verfall.“
Selyr betrachtete sie lange.
„Die Konfluenz“, sagte er schließlich, „existiert im Gleichgewicht mit dem Alten.“
Finn blinzelte. „Ihr… lebt mit ihm?“
„Wir balancieren ihn“, sagte Korrash. „Bewegung gegen Bewegung. Druck gegen Gegendruck.“
Xalfein verschränkte die Arme. „Das klingt nach einer sehr eleganten Umschreibung für ‚wir lassen ihn gewähren‘.“
„Nein“, sagte Niméa. „Wir lassen ihn sein. Solange er nicht mehr wird.“
Habikan atmete langsam aus.
„Er wird mehr.“
Ein leises, beunruhigendes Pulsieren lief durch Niméas Fäden.
„Dann“, sagte Selyr, „wird der Strom reagieren.“
„Und wir?“ fragte Posy vorsichtig.
Korrash sah sie direkt an.
„Ihr seid Fremde. Unbekannte.“
„Das passiert uns öfter“, murmelte Finn.
„Unbekannte“, fuhr Korrash fort, „verändern Strömungen.“
„Oder werden von ihnen zerrieben“, ergänzte Xalfein trocken.
Ein fast unmerkliches Zucken ging durch Selyrs Gesicht. War es… Belustigung?
„Deshalb“, sagte er, „erhaltet ihr Zeit.“
„Zeit wofür?“ fragte Surugeta.
„Um zu zeigen“, sagte Niméa, „ob ihr Ausgleich seid – oder Störung.“
Kleschbumtauch räusperte sich.
„Wir szlagen niff grundlosz Szachen kaputt.“
Korrash nickte langsam. „Das ist… erfreulich.“
Selyr hob eine Hand.
„Unterkunft wird gewährt. Vorläufig. Beobachtung ist… kontinuierlich.“
Finn atmete aus. „Also geduldet?“
„Für den Moment“, bestätigte Selyr.
Als sie sich zurückzogen, senkte sich der Druck im Wasser kaum merklich.
Surugeta blickte noch einmal zurück.
„Sie haben keine Angst vor dem Abolethen“, stellte er fest.
Xalfein schnaubte. „Nein. Sie halten ihn für Teil des Mobiliars.“
Habikan jedoch sah nicht zurück.
„Das Gleichgewicht ist fragil“, sagte er leise. „Und jemand hat begonnen, daran zu rütteln.“
Als sie den Raum verließen, atmete Finn aus.
„Also… immerhin geduldet.“
„Isz beszer alsz gejagt“, stellte Kleschbumtauch fest.
Surugeta blickte zurück in die Tiefe der Stadt. „Der Strom hat uns wahrgenommen.“
Xalfein lächelte dünn. „Dann hoffen wir, dass er vergesslich ist.“
Habikan jedoch sah nicht zurück.
„Die Wunde ist nah“, sagte er leise. „und sie wird größer.“
Olaf, der Verstoßene
Der Gesang kam aus der Tiefe, lange bevor man den Sänger sah.
Er war kein Ruf. Kein Lied. Eher ein Ziehen, das sich quer durch die Gedanken legte wie eine schlecht verheilte Narbe.
Surugetas Kiemenflossen zuckten leicht. „Das…“, sagte er nachdenklich, „ist kein Chor.“
„Du meinst, weil es sich anhört wie ein Streit zwischen Tönen?“ fragte Finn.
Surugeta schüttelte den Kopf. „Nein. Weil niemand antwortet.“
Xalfein verzog das Gesicht. „Großartig. Einsame Kunst. Genau mein Geschmack.“
Kleschbumtauch brummte. „Tut weh. Niff arg, aber falsz.“
Sonea legte eine Hand auf seine Schulter. „Dann bleiben wir stehen. Niemand sollte allein singen müssen.“
„Das ist eine erstaunlich optimistische Lebensphilosophie“, murmelte Xalfein. „Und ausgesprochen falsch.“
Aus der Dunkelheit löste sich etwas.
Die Schleierqualle war gewaltig, ihr Körper von unstetem Licht durchzogen, das eher flackerte als leuchtete. Die Tentakel hingen schwer, einige beschädigt, andere knotig verwachsen. Der telepathische Gesang stolperte, brach ab, setzte neu an – jedes Mal ein wenig verzweifelter.
—nicht-passend—nicht-wir—
Habikan schwebte ein Stück vor. „Das ist Olaf, auch ihn habe ich hier kennengelernte“, sagte er ruhig. And die Schleierqualle gewandt sagte er: „Du bist weit vom Schwarm entfernt.“

Ein scharfes Flackern ging durch Olafs Licht.
—nicht-mehr—Schwarm—
Posy verzog das Gesicht. „Oh. Das kenne ich. Schlimm.“
Surugeta betrachtete Olaf lange. „Du hältst die Verbindung offen“, stellte er fest. „Auch wenn niemand antwortet.“
—wenn-ich-loslasse—bin-ich-nichts—
Xalfein schnaubte leise. „Ah. Klassischer Fehler.“
Sonea warf ihm einen warnenden Blick.
Er zuckte mit den Schultern. „Ich meine das nicht grausam. Nur… ernst.“
Kleschbumtauch kratzte sich am Kinn. „Isz er rauszgeworfen worden?“
—anders——Stimme—
Finn verschränkte die Arme. „Sie haben ihn ausgeschlossen.“
—wir—nicht—gleich—
„Natürlich nicht“, sagte Xalfein trocken. „Das wäre ja unerquicklich.“
Olafs Gesang zog sich zusammen, schmerzhaft, schrill.
Surugeta trat näher. Seine Stimme war ruhig, fest.
„In einem Schwarm trägt jede Stimme“, sagte er. „Aber nur, wenn der Schwarm zuhört.“
—sie-hörten-nicht—
„Dann war es nie dein Schwarm“, sagte Posy schlicht.
Kleschbumtauch nickte heftig. „Genau! Mein Dorf hat mir auch nie szugehört. Ich bin aber immer noch da!“
„Das erklärt vieles“, murmelte Xalfein.
Finn hob langsam die Hände. „Olaf. Dürfen wir dir etwas anbieten?“
Ein vorsichtiges Zögern im Gesang.
—was—
Finn begann zu singen.
Kein großes Lied. Keine Heldentöne. Nur ein klarer, ruhiger Klang, der Raum ließ. Posy stimmte ein, neugierig, leicht verspielt. Sonea folgte, warm und tragend.
Surugeta fügte keinen Ton hinzu – aber er stabilisierte den Rhythmus, hielt den Fluss zusammen, wie ein Anker im Strom.
Kleschbumtauch brummte.
„Klingt niff szön“, sagte er. „Aber ehrlich.“
Xalfein hörte zu, die Arme verschränkt.
„Unästhetisch“, befand er. „Aber wirkungsvoll.“
Olafs Stimme tastete sich hinein. Stolperte. Fand Halt. Stolperte wieder – und blieb.
—so—fühlt—sich—Verbindung—an—
Sonea lächelte. „Du klingst besser.“
—nicht—besser—
—nur—ich—
Xalfein nickte einmal. „Genau das.“
„Was hält dich davon ab“, fragte Finn vorsichtig, „einen eigenen Schwarm zu gründen?“
Stille.
Dann ein langsames, wachsendes Leuchten.
—eigener—Schwarm—
Surugeta neigte respektvoll den Kopf. „Jeder Schwarm beginnt mit einer Stimme.“
Kleschbumtauch grinste breit. „Und mit ’ner guten Gesziffe.“
Eine Tentakel schob eine schwere Kiste aus dem Schatten. Kristalle darin – klar, pulsierend, unverderbt.
—Dank—für—Klang—für—Idee—
Finn pfiff leise. „Nexus-Kristalle.“
„Unverderbte“, bestätigte Xalfein anerkennend. Er sah Olaf an. „Sieh an. Anderssein lohnt sich doch.“
Als sie sich entfernten, blieb Olafs Gesang zurück.
Noch immer schief.
Noch immer fremd.
Aber zum ersten Mal… hoffungsvoll.
Das Casino der Konfluenz
„…ein Casino?“
Finn hatte diesen Tonfall. Den, der nichts Gutes verhieß.
Fred hielt inne. Eine seiner Schiefertafeln drehte sich langsam, ein Zeichen wurde ergänzt.
„Ja“, sagte er. „Ein Ort kontrollierten Zufalls.“
Finns Augen leuchteten. „Ich liebe kontrollierten Zufall.“
„Finn“, begann Sonea warnend.
„Nein, nein“, winkte er ab. „Hör zu. Eine Stadt, die auf Gefallen, Schulden und indirekten Entscheidungen basiert?“ Er grinste. „Natürlich gibt es hier Glücksspiel.“
Xalfein hob eine Augenbraue. „Natürlich willst du da hin.“
„Ich muss da hin“, korrigierte Finn. „Aus… kulturellem Interesse.“
Posy seufzte. „Er wird uns ruinieren.“
„Oder reich machen“, erwiderte Finn schelmisch.
Kleschbumtauch kratzte sich am Kopf. „Isz Glückzszpiel niff szowasz wie… Szreiten mit Szahlen?“
„Exakt“, sagte Finn. „Und ich bin hervorragend im Zahlen-Streit!“
Das Casino war kein Gebäude im herkömmlichen Sinn. Schon der Eingang wirkt wie eine Einladung: ein weiter Bogen aus lebender Koralle, deren Farben langsam wechseln, als würden sie Atem holen. Sobald man eintritt, fühlt sich das Wasser wärmer an, weicher, und die Strömung ordnet sich unauffällig so, dass man immer weiter hineintreibt. Der Spielsaal ist eine riesige, kuppelförmige Halle, in der schwebende, runde Spieltische aus Perlmutt und schwarzem Stein kreisförmig angeordnet sind. Überall ziehen feine Lichtfäden durch das Wasser, biolumineszente Strömungen, die Einsätze markieren, Gewinne auszahlen oder Schulden still festhalten. Kein Geräusch ist laut, doch alles ist präsent: das leise Klacken von Runen, das sanfte Pulsieren von Magie, gedämpftes Lachen, das zu lange nachhallt.

„Oh“, murmelte Posy. „Das wirkt sehr lebendig!“
„Alles hier ist lebendig“, sagte Surugeta ruhig. „Manches gibt es nur ungern zu.“
Finn war bereits unterwegs und sah sich um.
Finn spielt
Er setzte sich an einen Tisch, der aus schimmernden Platten bestand, die sich bei jeder Bewegung neu ordneten.
„Regeln?“ fragte er.
Das Wesen gegenüber – irgendetwas mit zu vielen Augen – neigte den Kopf.
„Die höchste Zahl gewinnt, haben zwei oder mehr Spieler die höchste Zahl, gewinnt das Haus.“
„Großartig“, sagte Finn und lächelte. „Ich setze… zwei Silber!“
Er spielte vorsichtig. Beobachtete. Lernte. Dann begann er, ganz leicht, kaum merklich, die Strömungen zu beeinflussen. Ein minimal zu früher Impuls. Ein winziger Rhythmusbruch.
Er verlor trotzdem.
Noch einmal.
Und noch einmal.
„Huh“, murmelte Posy, die ihm über die Schulter sah. „Noch immer niemand, der schreit oder rennt. Ungewöhnlich.“
„Das ist immer ein gutes Zeichen“, flüsterte Finn. „Oder ein sehr schlechtes.“
Xalfein urteilt
Xalfein stand an einem anderen Spiel. Keine Karten. Keine Würfel. Nur ein komplexes Muster aus schwebenden Symbolen, die sich gegenseitig beeinflussten.

Er sah drei Atemzüge zu.
Dann schnaubte er.
„Das ist kein Glücksspiel. Das ist eine mathematische Beleidigung.“
„Verstehst du es?“ fragte Surugeta.
Xalfein nickte. „Ja. Natürlich. Was für eine Frage.“
„Spielst du?“
Xalfein verschränkte die Arme. „Nein.“
„Warum nicht?“
„Ich habe nicht vor, hier sesshaft zu werden“, sagte er trocken. „Außerdem habe ich heute ausnahmsweise keine Lust, jemanden zu demütigen.“
Surugeta nickte anerkennend. „Selbstkontrolle.“
„Oder Verachtung“, korrigierte Xalfein.
Lied: Xalfeins Erkenntnis
Kleschbumtauch fragt sich durch
Währenddessen stapfte Kleschbumtauch durch das Casino.
„Heh“, sagte er zu einem der Haiwesen, die offenbar für die Ordnung und Sicherheit im Casino zuständig waren. „Wer iszn hier der Bosz?“
Der Haimann blinzelte. Zeigte nach unten. Dann nach oben. Dann in eine Wand.
„Allesz klar“, sagte Kleschbumtauch. „Danke. Oder szo.“
Er fragte weiter. Und weiter. Und weiter.
Bis er eine Antwort erhielt. „Marethis“, zischte jemand ehrfürchtig. „Der Verwachsene.“
Marethis war ein Teil des Casinos. Eine humanoide Struktur aus Fleisch, Stein und Holz, anscheinend mit dem kunstvoll verzierten Stuhl auf dem sie saß, verwachsen.
„Du suchst mich?“, fragt eine Stimme, ruhig, tief, aber etwas krächzend, als ob sie schon lange nicht mehr verwendet wurde.
Kleschbumtauch schluckte. „Äh. Ja.“
„Du hast Schulden?“ fragte Marethis.
„Nein?“
„Dann willst du Arbeit? Kannst Du Schulden eintreiben?“
Kleschbumtauch kratzte sich am Kinn. „Ja, dasz hört sziff nifft szo szwer an.“
„Ist Dir Rovek Schlickfaust aus der Kneipe ‚Zum trägen Anker“ bekannt?“ Ein tiefes, vibrierendes Grollen.
„Der Wirt hat Schulden.“
„Aha“, sagte Kleschbumtauch. „Szoll iff ihn herholen?“
„Bring ihn“, sagte Marethis.
Kleschbumtauch nickte eifrig. „Maff if!“ Er ging, bevor er oder sonst jemand es sich anders überlegen konnte.
Habikan … kurz vor Chaos
Habikan stand mitten im Raum. Still.
Zu still.
Sonea bemerkte es sofort. „Habikan.“
„Hm?“
„Was tust du?“
„Ich höre zu“, sagte er. „Das Casino… flüstert.“
Xalfein sah ihn scharf an. „Tu nichts Dummes.“
Habikan lächelte abwesend. „Ich denke vorerst nur darüber nach.“
„Das reicht hier schon“, sagte Xalfein.
Die Kneipe – Kleschbumtauchs Alleingang
Zurück im trägen Anker war die Stimmung sofort… anders.
Die Gespräche verstummten, als Kleschbumtauch eintrat.
Rovek Schlickfaust stand hinter der vertikalen Theke, die Arme verschränkt.
„Du“, knurrte er. „Was willst du?“
„Äh“, sagte Kleschbumtauch. „Szagen, dasz du insz Caszino mitkommen szollsz.“
Stille.
Dann Gelächter.
Dann Knurren.
Dann Bewegung.
„Der Grünling arbeitet sicher für Marethis“, zischte jemand.
„Pack ihn“, sagte ein anderer.
Kleschbumtauch hob die Hände. „Heh! Ich bin nur der Bote!“
Der Kreis schloss sich langsam aber unaufhaltsam.
Kleschbumtauch grinste plötzlich breit. „Ok, Botszaft verszanden. Ich gehe szon wieder.“
Die Gruppe zögerte und ließ Kleschbumtauch Richtung Ausgang gehen.
Kleschbumtauch nutzte die Gelegenheit. Jetzt nicht mehr umzingelt, hatte er seine Gegner alle vor sich. Ein Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er seine Knöchel knacken ließ.
„Jeszs gehsz losz…“


