Die Flüsterwind-Lichtung (Tag 8)

Die Suche nach der Flüsterlichtung

Die Morgenluft war kühl und klar, als sich die Gruppe auf den Weg machte. Sonea führte sie durch das grüne Labyrinth des Waldes, doch bald wurde klar, dass der Pfad zugewuchert und kaum noch erkennbar war. Die Geräusche des Waldes waren gedämpft, als ob selbst die Natur den Atem anhielt.

Nach einer Stunde des Wanderns blieb Sonea stehen und blickte zu den hohen Baumkronen empor. „Wir brauchen einen besseren Überblick“, sagte sie und legte den Kopf schief.

„Ich dachte, du würdest den Weg kennen“, scherzte Finn und hob eine Augenbraue. „Aber gut, klettern ist ja eher mein Spezialgebiet.“

Mit einem breiten Grinsen sprang Finn an einem nahen Stamm hoch und begann, sich mit erstaunlicher Geschicklichkeit nach oben zu arbeiten. Sonea ließ sich davon nicht beeindrucken und kletterte mit eleganter Leichtigkeit auf einen anderen Baum. Die Äste bogen sich kaum unter ihrem Gewicht, als sie sich höher und höher bewegte.

Finn erreichte zuerst die Baumkrone und rief: „Ich sehe… Blätter! Überall nur Blätter!“

Sonea jedoch schloss ihre Augen und lauschte. Der Wind strich durch die Blätter wie ein sanftes Wispern – nicht zufällig, sondern wie Worte, die von weit her kamen. Ein leises, melodisches Flüstern, das vertraut und fremd zugleich klang. Ihre Augen öffneten sich, als sie die Richtung spürte. „Dort!“, rief sie und deutete auf eine Senke im Norden.

„Du hast das gehört?“, fragte Finn, als er sich abseilte.

Sonea nickte. „Die Flüsterlichtung trägt ihren Namen nicht umsonst.“

Die Ankunft auf der Lichtung

Die Gruppe setzte ihren Weg fort und erreichte nach einer kurzen Wanderung eine offene, kreisrunde Lichtung. Hohe Gräser und blühende Büsche säumten den Rand, während in der Mitte eine steinerne Säule stand. Sie war alt und verwittert, von moosbewachsenen Ranken überwuchert, die sich um ihren grauen Leib wie ein natürlicher Panzer legten. Das Gestein war mit seltsamen Einkerbungen versehen – Symbole, die wie flüsternde Wellenlinien aussahen.

Die Luft auf der Lichtung war schwer, als trüge sie das Gewicht einer unsichtbaren Präsenz. Finn atmete tief ein und runzelte die Stirn. „Ich spüre es… sie sind hier.“

Sonea trat näher und kniete sich zu den Blumen am Boden. Sie trugen zarte, weiße und blaue Blüten, deren Blätter in der Sonne schimmerten. „Das sind Blutrosenranken“, erklärte sie. „Sie ernähren sich von kleinen Insekten und locken sie mit ihrem Duft an. Aber…“

„Aber?“ fragte Fenro misstrauisch, während er mit gesenktem Kopf schnupperte.

„Diese hier sind anders“, antwortete Sonea und zog die Hand langsam zurück. „Die Kristalle… sie verändern sie. Ich weiß nicht, ob sie harmlos bleiben.“

Die Gruppe nickte ernst und bewegte sich vorsichtig vorwärts, die Augen auf den Boden gerichtet, um nicht auf die zarten Blüten zu treten. Es war ein Spiel auf Messers Schneide, jeder Schritt sorgfältig gesetzt.

Doch plötzlich erklang ein leises „Knirsch“.

Der Duft der Gefahr

Xalfein fluchte leise, als er den zerdrückten Rest einer weißen Blüte betrachtete. Für einen Moment geschah nichts – doch dann begann die Pflanze zu zittern. Ihre Blätter entfalteten sich weit, und eine Reihe winziger Sporen schoss in die Luft. Ein süßer, blumiger Duft breitete sich aus und wehte über die Lichtung hinweg.

Finns Augen weiteten sich, und er lächelte benommen. „Das… riecht wie Sommer…“ murmelte er und machte einen unsicheren Schritt zur Seite.

„Achtung!“, rief Sonea. „Das sind Pheromone! Sie versuchen uns zu betören!“

Fenro schüttelte den Kopf und knurrte, um sich wachzuhalten, doch seine Bewegungen wurden langsamer. Posy schwang sein Schwert, als wolle er den Nebel vertreiben, während Xalfein sich auf seine Magie konzentrierte, um einen Schutzzauber zu wirken.

„Nicht einatmen!“, rief Sonea, während sie Finn an der Schulter packte. Der Barde taumelte, und sein Lächeln verblasste allmählich.

Ein Geräusch ließ sie innehalten – ein sanftes Rascheln, als sich die Ranken um die steinerne Säule zu bewegen begannen. Sie zuckten, als hätten sie plötzlich ein Eigenleben entwickelt.

„Die Pflanze reagiert auf die Kristalle“, flüsterte Xalfein. „Wir müssen einen Weg finden, bevor uns der Duft ganz einnimmt.“

Die Blutrosenranke erwacht

Das süße Aroma der Pheromone waberte weiter über die Lichtung, betäubend und schwer wie ein Sommertraum. Die Abenteurer kämpften darum, ihre Sinne beisammen zu halten, als die Luft plötzlich von einem tiefen, vibrierenden Laut erfüllt wurde – ein Raunen, das direkt aus der Erde zu kommen schien.

Die Ranken um die steinerne Säule zuckten und begannen sich zu bewegen. Sie spannten sich wie Muskelstränge und lösten sich aus dem moosigen Boden, während Dornen auf ihnen aufblitzten. Eine der Ranken schoss vor und wickelte sich um Posys Arm, während eine andere Sonea nur knapp verfehlte.

„Sie schlägt zu!“ rief Fenro und hob instinktiv seinen Schild, als eine Ranke mit einer Peitschbewegung auf ihn zuschoss. Der Aufprall ließ ihn rückwärts stolpern, doch er blieb standhaft.

Xalfein beobachtete die Situation mit scharfem Blick, sein Geist und sein Körper vibrierte voll arkaner Energie. Doch er blieb reglos stehen. Sein Blick wanderte zu Sonea, die sich mit einer anmutigen Bewegung auf die steinerne Säule zog. Er wusste, dass sie eine friedliche Lösung bevorzugte – wenn es eine gab.

„Ich warte“, murmelte er leise, auch wenn sein Instinkt ihm anderes riet.

Die Sprache der Pflanzen

Von ihrem erhöhten Standpunkt aus legte Sonea eine Hand auf die raue Oberfläche der Säule und schloss die Augen. Sie ließ ihre Magie durch ihre Fingerspitzen fließen und verband sich mit dem Leben, das in der Pflanze pulsierte. Bilder und Gefühle drangen in ihren Geist – ein dumpfer Schmerz, ein Drang zu wachsen und zu schützen, aber auch ein Schatten aus Gier und Chaos, der tief in ihren Wurzeln saß.

„Beruhige dich“, flüsterte Sonea und ließ ihre Worte wie einen Windhauch klingen. „Wir wollen dir nichts nehmen, was du nicht geben willst.“

Die Ranken zögerten und schienen für einen Moment zu erweichen. Einige zogen sich zurück, als würden sie die junge Cervidin anerkennen. Doch der Einfluss der Kristalle war zu stark – das Raunen in der Erde schwoll erneut an, und weitere Ranken zuckten nach den Gefährten.

Ein Sturm aus Zähnen und Klauen

Ein dunkles Leuchten flackerte in Xalfeins Augen. „Genug gewartet!“, er hob die Hände, und eine unheimliche Stille legte sich über die Lichtung, bevor sie durch ein surrendes Geräusch durchbrochen wurde. Ein wimmelnder Schwarm magischer Insekten brach aus einem schimmernden Portal hervor – fliegende, summende Kreaturen mit glühenden Augen und scharfen Zangen.

Der Schwarm stürzte sich auf die Blutrosenranke und biss sich in die Ranken und Blütenblätter. Die Pflanze begann wild um sich zu schlagen, als hätte sie tausend winzige Feuer am Körper.

„Scharfzüngige Freunde, nicht wahr?“ murmelte Xalfein kalt und hielt den Fokus aufrecht.

Mut und Entschlossenheit

Während der Schwarm die Pflanze beschäftigte, sprang Posy mit einem Brüllen in die Mitte der Lichtung. Seine Muskeln spannten sich vor roher Kraft, als er eine dicke Ranke mit beiden Händen packte und sie ruckartig auseinanderzerrte. Dornen schnitten in seine Arme, doch Posy schien es kaum zu bemerken.

„Ihr seid ja alle zu vorsichtig“, knurrte er und lachte, während er eine weitere Ranke packte und in den Boden rammte. „Macht euch die Hände schmutzig!“

Fenro sprang ihm zur Seite und schlug mit gezielten Schwerthieben die heranpeitschenden Ranken zurück. Finn hingegen hielt sich im Hintergrund und rief: „Haltet durch! Ihr seht großartig aus – besser als die Dornen hier!“ Seine Stimme schien die Gruppe mit einem Funken Entschlossenheit zu erfüllen.

Das Herz der Lichtung

Sonea glitt vorsichtig von der Säule hinab und landete sanft auf den weichen Boden. Die Kristalle unter ihren Füßen schienen zu singen – ein leises, hallendes Summen. Sie begann zu graben, ihre Hände zogen den feuchten, erdigen Boden beiseite.

„Hier!“, rief Posy und kniete sich neben sie. Mit seinen großen Händen half er ihr, die Erde beiseite zu schieben. Bald stießen ihre Finger auf die glatte Oberfläche eines Kristalls, der tiefblau wie das Meer leuchtete.

„Ich habe sie gefunden!“, rief Sonea triumphierend.

Der Rückzug

Mit den Kristallen in den Händen sprang sie zurück, während Xalfein seinen Insektenschwarm auflöste. Die Blutrosenranke zitterte, ihre Ranken hingen schlaff und zerfetzt herab, aber sie lebte noch.

Sonea drehte sich um und legte kurz die Hand auf einen der geknickten Stämme. „Wir nehmen nur, was wir brauchen“, flüsterte sie. „Leb weiter, wenn du kannst.“

Die Gruppe verließ die Lichtung zügig und ließ die Pflanze zurück, schwer beschädigt, aber am Leben. Der Weg zurück schien leichter, als ob die Natur den Atem angehalten und sich nun beruhigt hätte.

Finn seufzte erleichtert: „Das lief doch besser als erwartet, oder? Keine gebrochenen Knochen und nur ein paar Kratzer!“

Xalfein hob eine Augenbraue. „Abgesehen davon, dass wir fast gefressen worden wären.“

„Details“, winkte Finn ab und grinste.

Sonea hielt den Kristall fest in der Hand. Sein Schimmer war wie ein Versprechen – aber auch eine Warnung.

„Das ist erst der Anfang“, sagte sie leise und blickte über die Schulter zurück zur Flüsterlichtung, wo die zerstörte Blutrosenranke im Abendlicht glitzerte wie ein verwundetes Wesen.

Der Weg führte weiter in die Dunkelheit des Waldes – und zu den nächsten Geheimnissen von Luminara.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

*
*