Der Weg in den Sumpf (Tag 14)
„Also gut“, seufzte Finn und ließ eine Münze durch die Finger tanzen, bevor er sie geschickt wieder in seiner Tasche verschwinden ließ. „Wir holen erst das Kraut.“
„Feiglinge“, knurrte Fenro und verschränkte die Arme. Seine gelben Augen musterten die Gruppe mit sichtbarer Frustration. „Jeder Moment, den wir verschwenden, gibt diesem Magier mehr Zeit, um sich zu stärken. Wir sollten ihn ausschalten, bevor er uns noch mehr Schaden zufügen kann.“
„Und wenn wir versagen, weil wir nicht genug wissen?“ entgegnete Sonea ruhig. „Mit dem Ritual könnten wir mehr über ihn herausfinden. Vielleicht einen Schwachpunkt.“
Fenro schnaubte, aber sagte nichts mehr.

„Wie weit izzz dezz Szzzumpfffding?“ fragte Kleschbumtauch und rieb sich den Bauch. „Wenn’zuzz lange dauert, brauch ich noch wassz zzssum Esssff’n.“
Aurelia Moosglanz schüttelte den Kopf. „Der Sumpf ist nicht weit. Eine Stunde zu Fuß, wenn ihr nicht vom Weg abkommt.“
„Oh, großartig! Ein dunkler, feuchter, stinkender Sumpf! Mein absoluter Lieblingsort!“ Finn klatschte in die Hände. „Was für ein wunderbares Abenteuer!“
Sonea ignorierte Finns theatralische Geste und wandte sich an Aurelia. „Wie sieht das Kraut aus? Gibt es etwas, worauf wir besonders achten müssen?“
Die alte Kräuterkundige nickte und zeichnete mit einem Finger ein grobes Bild in die Erde. „Es wächst auf feuchtem Grund, oft an den Rändern von Tümpeln oder zwischen Wurzeln. Die Blüten sind leuchtend gelb, fast wie kleine Sonnen, mit einem schimmernden Rand, der bei Berührung leicht nachgibt. Die Blätter sind rund, glatt und fühlen sich fast wachsartig an.“
Sonea nickte. „Verstanden. Ich werde es finden.“
„Fffind iiiiich auch!“ erklärte Kleschbumtauch stolz. „Hab’zz mir gemerkt! Gelb, ffflüsschig, fff… Fff… na, izzz halt gelb!“ ergänzte er zufrieden.
Posy verdrehte die Augen. „Perfekt. Dann hoffe ich, dass es nicht noch andere gelbe Blumen gibt.“
„Komm schon, das wird ein Kinderspiel“, sagte Finn und drehte sich um. „Auf in den stinkenden Morast!“
Gerade als die Gruppe aufbrechen wollte, öffnete sich die Tür von Eldryns Hütte erneut. Ein hochgewachsener Cervide mit kurzem, dunklem Fell trat heraus. Seine grünen Augen wirkten entschlossen, auch wenn seine Hände nervös an dem Schwert spielten, das er etwas ungeschickt an der Hüfte trug.
„Ich komme mit“, erklärte er ohne Umschweife.
Sonea musterte ihn überrascht. „Tharion?“
Der junge Cervide nickte. „Mein Onkel liegt im Sterben, und ich werde nicht einfach rumsitzen und abwarten. Wenn ich helfen kann, dann tue ich es.“
Fenro hob eine Braue. „Kannst du kämpfen?“
Tharion straffte die Schultern. „Ich bin vielleicht kein erfahrener Jäger wie du, aber ich kann mit dem Schwert umgehen. Und ich war schon mal beim Sumpf – mit den anderen…“, erklärte er ausweichend.
Finn grinste. „Na, das klingt doch schon mal besser als ‚Ich hoffe, ich bin nicht im Weg‘.“
„Dann komm“, sagte Xalfein knapp. „Aber halte dich bereit. Es wird gefährlich.“
Tharion nickte und trat zur Gruppe. Er wusste, dass dies seine Chance war, zu beweisen, dass er mehr war als nur Eldryns Neffe.
Und so machte sich die Gruppe auf den Weg – hinein in den nebligen, modrigen Sumpf, wo der Wind von verborgenen Gefahren flüsterte.
Die Schatten im Sumpf
Der Weg wurde matschiger, feuchter, und jeder Schritt ließ den Boden nachgeben. Der dichte Nebel schwebte wie ein lebendiges Wesen zwischen knorrigen Bäumen und über dunklen Wasserflächen. Die Luft roch nach fauligem Holz, feuchter Erde und etwas anderem – etwas Animalischem.
„Ich sage es nur ungern… aber ich habe kein gutes Gefühl dabei“, murmelte Finn und trat angewidert auf einen feuchten Ast, der mit einem unangenehmen Knacken unter seinem Stiefel zerbrach.
„Dafff izzz normal im Zzzzumpff“, meinte Kleschbumtauch unbekümmert. Der Ork schien keinerlei Probleme mit dem sumpfigen Terrain zu haben – während Fenro bereits das dritte Mal mit einem Fluch bis zu den Knöcheln im Morast versank, stapfte Kleschbumtauch mit einer erstaunlichen Leichtigkeit voran.
„Glück für dich, dass du das gewohnt bist…“, knurrte Posy, während er sich aus einem schlammigen Loch zog. „Der Rest von uns hat’s schwerer.“
„Ich könnt‘ euch tragen“, schlug der Ork grinsend vor.
Aurelias Warnung über die Sumpfhunde ging Finn nicht aus dem Kopf. Er sah sich ständig um, hielt seine Klinge griffbereit. „Diese Viecher sind so etwas wie… Sumpfkrokodile, aber doppelt so schnell? Wunderbar. Ich liebe es, wenn unsere Feinde schneller sind als wir.“
„Nicht schneller als ich“, bemerkte Sonea und ließ ihren Körper in einem lautlosen Flimmern schrumpfen. Ihr Fell wich Federn, ihre Arme wurden zu Schwingen, und mit einem kräftigen Flügelschlag erhob sich eine wunderschöne Eule in die Luft.

Xalfein hatte sich bereits an sein eigenes Werk gemacht. Mit präzisen Bewegungen zeichnete er eine magische Rune in die Luft. Ein leuchtender Schimmer erschien auf dem matschigen Boden, und wenige Augenblicke später erhob sich die bekannte schwebende Platte aus reiner Energie.
„Und wo bleibt mein Dank?“ Finn zwinkerte ihm zu und ließ eine sanfte Melodie erklingen, die die magische Konstruktion stabiler machte.
Xalfein schnaubte. „Ein einfaches ‚Nicht schlecht‘ wird reichen.“
Finn sprang auf die Platte, ließ sich elegant nieder und klopfte auf den Platz neben sich. „Willkommen im Trockenbereich. Exklusiv für alle, die sich für zu gut halten, um nass zu werden.“
Xalfein stieg wortlos auf.
„Ich brauch‘ keine Plattte!“ Kleschbumtauch lachte und sprang auf einen festen Wurzelbereich, während Sonea in ihrer Eulengestalt lautlos über den Sumpf glitt.
Und dann kam der Angriff.
Der Kampf im Sumpf
Ohne Vorwarnung schossen dunkle Silhouetten aus dem trüben Wasser. Lange, schlanke Körper, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit durch den Morast bewegten. Gelbe Augen blitzten auf, und dann – ein tiefes, kehliges Knurren.

Die Kreaturen kamen von überall. Dunkle Leiber glitten durch den Morast, peitschende Schwänze wirbelten Wasser und Schlamm auf, und gierige Mäuler schnappten nach allem, was sich bewegte.
„Da sind sie!“ rief Finn, gerade als der erste Sumpfhund aus dem Wasser brach.
Sonea zog ihre Kreise über dem Kampfgeschehen, ihre scharfen Eulenaugen erfassten die Angreifer – dann wusste sie, dass sie handeln musste. Mit einem letzten kraftvollen Flügelschlag ließ sie sich fallen, und noch in der Luft verwandelte sie sich zurück.
Mit bloßen Füßen landete sie auf einem knorrigen Wurzelwerk, ihre Hände bereits erhoben.
„Zurück!“ rief sie, und eine gewaltige Druckwelle aus purer Energie explodierte aus ihr heraus.

Der Donnerknall zerriss die Luft. Die Wucht der Magie schleuderte zwei der Sumpfhunde durch den Morast, während einer der riesigen Blutegel regelrecht zerplatzte – ein widerlicher Schwall dunkelroter Flüssigkeit spritzte in den Sumpf.
Sonea keuchte. Ihre Hände zitterten.
Sie hatte es schon wieder getan.
Gewalt.
Sie wollte nicht kämpfen. Sie wollte nicht töten. Doch jetzt lag das zuckende, zerfetzte Ding vor ihr, sein aufgerissenes Maul in einem stummen Schrei verharrt.
Und der Kampf war noch nicht vorbei.
Chaos entfesselt
Auf der Plattform neben Finn zischte Xalfein einen Fluch, als einer der Sumpfhunde plötzlich mit voller Wucht gegen ihn sprang. Die Wucht war zu stark – der Dunkelelf verlor das Gleichgewicht.
„Xalfein!“ Finn griff nach ihm, aber es war zu spät.
Mit einem lauten Platschen verschwand Xalfein in der dunklen Brühe des Sumpfes.

Tharion, der nervös sein Schwert gezogen hatte, stürmte vor, um einem der Sumpfhunde entgegenzutreten. „Nicht so schnell, Biest!“ rief er, doch in seiner Unerfahrenheit setzte er den Schlag falsch an.
Sein eigenes Schwert rutschte an der schuppigen Haut des Sumpfhundes ab – und mit einem schmerzhaften Klirren prallte die Klinge gegen einen Stein.
„Ah!“ Tharion keuchte auf, als sich ein tiefer Schnitt über seine eigene Hand zog.
„Nicht dein bester Moment, Hirschjunge!“ rief Finn, der bereits seine eigene Magie sammelte.
Mit einer schwungvollen Bewegung spielte er eine kurze Melodie auf seiner Laute und rief einen farbigen Blitz herbei.
„Hier, probier das mal!“
Der chromatische Strahl zuckte aus seinem Instrument, traf den Sumpfhund mitten in der Bewegung – und mit einem letzten, gequälten Knurren brach das Biest leblos in sich zusammen.

Blut und Wut
Fenro zog seinen Bogen, seine scharfen Augen suchten ein Ziel. Ein Sumpfhund schlich sich durch das Unterholz, bereit, sich auf Tharion zu stürzen – doch Fenro war schneller.
Der Pfeil sauste durch die Luft, durchbohrte das schuppige Fleisch des Biests, das mit einem heiseren Fauchen zu Boden ging.

„Besser aufpassen, Junge!“ rief er Tharion zu.
Posy spürte, wie sich sein Atem veränderte. Die Wut stieg in ihm auf, sein Herzschlag wurde schneller, die Magie in seinem Blut begann zu brodeln.
Er schrie auf, und in diesem Moment veränderte sich seine Waffe.
Das Schwert in seiner Hand begann zu leuchten, als würde es aus purem Licht bestehen. Die Klinge wirkte schärfer, stärker, als ob sie lebendig geworden wäre.
Posy brüllte nochmal und stürzte sich auf das nächste Ziel.

Ein verzweifelter Kampf
Doch während sich der Kampf drehte, war Tharion in ernster Gefahr.
Einer der gewaltigen Blutegel hatte sich um seinen Oberkörper geschlungen.
Er rang nach Luft, seine Finger krampften um das schleimige Ding, das sich immer enger zog. Er spürte, wie es an seinem Leben zerrte, an seiner Energie sog – seine Sicht verschwamm.
Kleschbumtauch merkte es als Erster.
„NEIN! Lass den Jungen in Ruhe!“, von seinem Sprachfehler war nichts mehr zu bemerken.
Mit einem wilden Schrei ließ er seine Axt niedersausen – und der nächste Sumpfhund wurde in einem einzigen, brutalen Hieb in zwei Teile gespalten.

Doch Tharion war immer noch in Gefahr.
Posy wirbelte herum, sah den jungen Cerviden, dessen Leben zwischen den Zähnen des Monsters entglitt.
„Nicht mit mir, Drecksvieh!“
Mit beiden Händen packte Posy den Blutegel.
Das Biest versuchte, sich weiter festzusaugen – aber Posy brüllte auf, zog mit aller Kraft, bis das widerliche Ding nachgab.
Mit einem schmatzenden Geräusch wurde der Egel von Tharions Körper gerissen.

Der junge Cervide taumelte, rang nach Atem, während Posy die Kreatur packte und mit einem wütenden Knurren gegen einen Baum schleuderte.
Der Blutegel zuckte noch einmal – dann blieb er reglos liegen.
Das Ende des Kampfes
Der letzte Sumpfhund, verletzt und nun ohne Rudel, zog sich mit einem drohenden Knurren ins Unterholz zurück.
Die Gruppe blieb schwer atmend zurück.
Tharion rieb sich den Hals, seine Augen voller Schock.
„Ich… ich hätte fast…“
Finn klopfte ihm auf die Schulter. „Tja, aber bist du nicht. Also, das ist doch was, oder?“
Sonea, noch immer mit einem flauen Gefühl im Magen, wandte sich ab.
Gewalt… wieder Gewalt…
Doch sie schüttelte die Gedanken ab.
Der Sumpf wartete noch immer – und mit ihm ihre eigentliche Aufgabe.
Rückkehr aus dem Sumpf
Der Kampf war vorbei, doch die Anspannung hing noch immer in der Luft. Der faulige Gestank von Blut und Sumpfwasser mischte sich mit dem natürlichen Dunst des Moors, und über dem stillen Wasser blieben sanfte Wellen zurück, wo die Kreaturen gefallen waren.
Sonea atmete tief durch und zwang sich, sich wieder auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Das Kraut. Dafür waren sie hier.
„Wir sollten keine Zeit verlieren“, sagte sie leise, während sie sich durch das knorrige Wurzelwerk bewegte, ihre Augen wachsam nach den leuchtenden gelben Blüten suchend, die Aurelia beschrieben hatte.
Kleschbumtauch sprang mit erstaunlicher Leichtigkeit über eine Matschgrube und rief fröhlich: „Ich ffffinde bffstimmt mehr alff ihr! Gelbe Blümffen find ich gut!“
Finn klopfte Tharion auf den Rücken, als dieser sich immer noch schwer atmend auf sein Schwert stützte. „Hey, du lebst noch. Würd‘ sagen, erster echter Sumpfausflug überstanden, oder?“

Tharion nickte langsam, sein Blick noch unsicher. Doch er straffte sich und folgte den anderen.
Fenro hatte bereits eine Handvoll der gesuchten Pflanzen in der Hand. „Hier“, sagte er knapp und reichte sie Sonea. „Das müsste reichen.“
Posy schnitt mit seiner magisch veränderten Waffe eine weitere Pflanze ab, betrachtete die leuchtende Klinge und schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht, was da mit mir passiert ist… aber es fühlt sich verdammt gut an.“
„Zzzauuuuberkraft!“ Kleschbumtauch lachte und hielt ein kleines Bündel der Blumen hoch. „Zzsooo, haben wir genug? Ich bin hungrig.“
„Mehr als genug“, bestätigte Xalfein, der mittlerweile klatschnass aus dem Sumpf geklettert war und sich den Schlamm von der Kleidung wischte. Seine Augen funkelten unheilvoll. „Und wenn du mich noch einmal im Stich lässt, Finn, wirst du das bereuen.“
Finn grinste unschuldig. „Hey, du hast doch schwimmen gelernt! Ich hab dir quasi geholfen.“
Xalfein seufzte nur und winkte ab. „Lasst uns einfach zurückgehen.“
Mit dem gesammelten Kraut und den Erlebnissen des Kampfes im Hinterkopf machten sie sich auf den Rückweg. Die Stille des Sumpfes legte sich wieder über den Pfad, als wären die Schreie der gefallenen Kreaturen nie gewesen. Doch die Helden wussten, dass die wahre Herausforderung noch vor ihnen lag.


