Der Flucht-Holm (Tag 12)
Der Nebel der Geheimnisse
Während die Gruppe noch auf die neu erschienene Insel starrte, durchbrach plötzlich ein unerwartetes Geräusch die Stille. Metall klirrte auf Stein, gefolgt von einem platschenden Laut. Die Helden drehten sich alarmiert um – und da stand er. Kleschbumtauch.
Ein breites, leicht dümmliches Grinsen zog sich über das Gesicht des massigen Orks, während er mit seinen noch immer gefesselten Händen ungeschickt nach Halt suchte. Die rostige Axt, die er an sich genommen hatte, baumelte schwer an seiner Seite, während die Ketten um seine Hand- und Fußgelenke leise klirrten.
Sonea blinzelte verwundert. „Wie…?“ Sie hielt inne, überlegte. In ihrer Eulenform hatte sie die ganze Insel abgesucht – und doch hatte sie ihn nicht bemerkt. War er einfach aufgetaucht? Oder war er die ganze Zeit hier gewesen, verborgen im Nebel?
Kleschbumtauch kicherte verlegen, zuckte die Schultern. „Ich… bin halt… da!“ Sein Lispeln ließ die Worte noch unbeholfener klingen.
„Das haben wir gesehen“, murmelte Xalfein trocken, seine Augen noch immer scharf auf den Ork gerichtet.
Finn grinste. „Willkommen in unserer illustren Runde. Ich nehme an, du hast keine Einladung?“
Kleschbumtauch kratzte sich am Kopf. „N-nein… aber ich… mag euch… ihr seid nicht so gemein…“
Sonea fasste sich als Erste wieder. „Woher kommst du? Wie bist du hierhergekommen? Und… sollen wir dich von den Fesseln befreien?“
Der Ork nickte eifrig. „Ja, bitte! Ich… will nicht mehr… klappern.“
Fenro und Finn machten sich als Erste an der Aufgabe zu schaffen, probierten Messer, Haarnadeln, selbst einen Knochensplitter – doch das Schloss hielt stand. Jeder Versuch endete in einem frustrierten Seufzen oder einem verdrehten Blick.
„Das kann doch nicht so schwer sein!“, rief Finn schließlich, während Fenro mit einem Knurren seine Bemühungen aufgab.
Xalfein, der das Schauspiel mit verschränkten Armen beobachtet hatte, hob eine Braue. „Ihr versucht, ein massives Eisenkonstrukt mit Taschenmessern und Haarspangen zu öffnen. Erstaunlich, dass es nicht funktioniert.“

Posy, der sich bis jetzt zurückgehalten hatte, verdrehte die Augen. „Genug davon.“ Mit einem Knacken ließ er seine Fingerknochen knacken, packte Kleschbumtauchs Fesseln mit seinen kräftigen Pranken und begann, sie mit bloßer Kraft zu weiten. Das Metall knirschte, bog sich langsam, und schließlich – mit einem Ruck – glitt es über Kleschbumtauchs Handgelenke. Er taumelte einen Moment, sah auf seine nun freien Hände und grinste noch breiter.
„Hahah! Ihr seid stark!“
„Er hat seine Momente“, murmelte Xalfein, noch immer skeptisch.
Obwohl Kleschbumtauch langsam Vertrauen zu den meisten aus der Gruppe fasste, war er bei Xalfein vorsichtiger. Der Schattenelf hatte eine Aura, die ihn verunsicherte – oder vielleicht war es einfach die Art, wie er ihn ansah.
Doch für den Moment gab es Wichtigeres. Die zweite Insel wartete.
Die Reise in den Nebel
„Also gut“, sagte Fenro schließlich und trat näher ans Ufer. „Wir setzen über.“
Xalfein hob eine Hand, und mit präziser Geste ließ er erneut seine schwebende Scheibe entstehen. Die Gruppe bestieg die magische Plattform, doch diesmal war sie größer, stabiler – Finn hatte mit einer sanften Melodie nachgeholfen, eine magische Harmonie, die die Tragkraft verstärkte.
„Nicht schlecht“, bemerkte Posy, während er mit den Knöcheln auf die unsichtbare Struktur klopfte.
„Ich hab so meine Talente“, grinste Finn.

Die Scheibe glitt sanft über das Wasser. Doch schon bald verdichtete sich der Nebel um sie herum, wurde schwer, fast greifbar. Die Luft fühlte sich feucht und seltsam kühl an, und ihre Sicht schrumpfte auf wenige Meter. Stimmen klangen dumpfer, Schritte auf der Scheibe wurden gedämpft.
„Ich mag das nicht“, murmelte Fenro.
„Willkommen im Klub“, erwiderte Xalfein.
Dann – ohne Vorwarnung – ruckte die Scheibe abrupt. Die magische Struktur kollidierte mit etwas Festem, und ehe sie reagieren konnten, verlor die Hälfte der Gruppe das Gleichgewicht. Fenro versuchte noch, nach Sonea zu greifen, doch auch er wurde von der plötzlichen Erschütterung mitgerissen.
Die Kälte des Wassers schlug wie eine Wand gegen ihre Körper. Sonea keuchte, kämpfte sich nach oben, während Posy mit einem Fluch nach Luft schnappte.
„Verdammte… Magie…“, spuckte er Wasser aus.
Die restlichen Gruppenmitglieder hielten sich wackelig auf der Scheibe, während Fenro bereits begann, nach den anderen zu greifen und sie ans Ufer zu ziehen.
Der Nebel war jetzt so dicht, dass sie kaum noch sahen, wo sie überhaupt angekommen waren.
Im Griff des Nebels
Der dichte Nebel legte sich schwer auf die Haut, kroch in jede Falte der Kleidung und verschluckte jeden Laut. Die Gruppe bewegte sich vorsichtig an Land, ihre Stimmen gedämpft, die Hände an den Waffen.
„Bleibt zusammen“, murmelte Fenro.
„Als wäre das so einfach“, murmelte Finn und rieb sich die Arme, während er versuchte, sich an den Fußspuren zu orientieren. Doch kaum hatte er eine Fährte ausgemacht, löste sie sich vor seinen Augen auf, als wäre sie nie dagewesen.
Dann geschah es.
Einer nach dem anderen merkte, dass der Begleiter neben ihm nicht mehr existierte. Die Gestalten, mit denen sie sprachen, waren nicht real – sie waren nur Nebelschwaden, die langsam auseinanderwirbelten. Finn fluchte, drehte sich im Kreis. „Sonea? Xalfein? Verdammt, wo seid ihr?“ Doch keine Antwort kam.
Stille.
Kein Rascheln von Blättern. Kein Plätschern des Wassers. Nur das sanfte Ziehen des Nebels, das selbst den Boden unter den Füßen verschwimmen ließ.
Dann kam der Angriff.
Die Nebelgeister
Geisterhafte Gestalten schälten sich aus dem Nebel, kaum mehr als verzerrte Silhouetten mit leeren Augen. Sie bewegten sich lautlos, ihre Formen ständig im Wandel, als seien sie nur Schatten von etwas, das nicht existieren durfte.
Finn wich zurück und zog seine Klinge – doch als er zuschlug, durchfuhr sein Schwert nur dichte Luft. Die Kreatur zischte an ihm vorbei und schlug mit krallenartigen Nebelhänden nach ihm. Eiseskälte breitete sich in seinem Arm aus, während er taumelte.
„Tolle Sache, wirklich“, knurrte er. „Ein Gegner, den man nicht treffen kann!“
Fenro brüllte auf, als eine Nebelgestalt nach ihm griff. Seine Krallen fuhren durch die Geisterform, aber sie zeigte kaum eine Reaktion. Posy hieb mit bloßer Kraft in eine der Kreaturen – nichts. Sonea versuchte, den Angriffen der Nebelgestalt auszuweichen und mit Worten zu der Kreatur durchzudringen, aber vergebens.
Nur einer hatte Erfolg.

Xalfein hob eine Hand und schleuderte einen Feuerstrahl auf seinen Gegner. Gerade als der Feuerbolzen traf, schien sich der Nebel für einen Moment zu verdichten – und dann explodierte die Gestalt mit einem unnatürlichen Kreischen.
Xalfeins Augen blitzten auf. „Sie verdichten sich, bevor sie getroffen werden. Interessant!“
Finn wartete bis die Nebelgestalt vor ihm zum Schlag ausholte – und genau in dem Moment, als sie dichter wurde, rammte er mit einer pfeifenden Melodie, die seine Klinge magisch verstärkte, diese in den Nebelgeist. Ein greller Lichtblitz zuckte durch das Wesen, bevor es sich auflöste.
Einer nach dem anderen wurden die Geister besiegt. Jeder Held, der seinen Gegner bezwang, sah im dichten Nebel einen seiner Gefährten und eilte ihm zur Hilfe, bis schließlich nur noch die Gruppe zurückblieb, keuchend und erschöpft.
Wunden lecken und weiter
Nach dem Kampf versammelten sich die Helden wieder – diesmal wirklich. Ein kurzer Moment der Stille folgte, dann ein erleichtertes Aufatmen.
„Sind… alle da?“, fragte Sonea, während sie sich umsah.
Fenro nickte, rieb sich den Arm. „Verdammt, die Biester haben mich erwischt.“
„Kein Problem“, murmelte Posy und zog einen kleinen Nexus-Kristall hervor. Das sanfte Licht pulsierte in seiner Hand, als er seine Energie in sich aufnahm und die heilende Energie durch seinen Körper strömte.
Auch die anderen nutzten Kristalle, um ihre Wunden zu versorgen. Die magische Energie linderte Schmerzen, schloss Wunden und gab ihnen die Kraft, weiterzugehen.
Und dann sahen sie es.
Vor ihnen, halb verborgen hinter knorrigen Wurzeln, lag ein Höhleneingang. Eine alte Holzkonstruktion war in den Fels eingelassen, vermutlich als Verstärkung oder Schutz vor Eindringlingen.
In der Mitte ragte eine schwere Tür auf.
Finn trat einen Schritt näher und legte eine Hand auf das Holz. „Nun, das schreit doch förmlich nach Ärger.“
„Oder nach Antworten“, murmelte Xalfein.
Die Gruppe sah sich an. Dann, fast gleichzeitig, griffen sie zu ihren Waffen. Bis auf Sonea natürlich.
Es war Zeit, herauszufinden, was sich dahinter verbarg.
Das Herz des Nebels
Finn legte vorsichtig eine Hand auf die Tür. Sie war schwer, alt, doch überraschend leicht zu öffnen. Mit einem knarrenden Geräusch drehte sie sich auf einer Spindel und enthüllte die Dunkelheit dahinter. Ein kalter Hauch strömte ihnen entgegen, ließ Finn frösteln und Sonea einen Schritt zurückweichen.
„Wunderbar“, murmelte Finn. „Genau der Ort, an dem ich meinen Lebensabend verbringen wollte.“
Xalfein trat näher, schob sich die Kapuze über den Kopf und musterte den dichten Nebel, der sich im Inneren noch stärker zu verdichten schien. „Dieser Nebel ist anders“, sagte er leise. „Er ist… konzentrierter.“
Posy ließ sich nicht beirren. Mit einem Nicken trat er als Erster ein. Die Kälte war nichts, was ihn erschüttern konnte – seine Heimat war die eisige Tundra, seine Haut an Temperaturen gewöhnt, die andere längst in die Knie zwangen.
Einer nach dem anderen folgten sie ihm.
Der Nebel schloss sich um sie, und schon nach wenigen Schritten konnte keiner mehr den anderen richtig sehen. Dann kamen die Stimmen.
Schatten im Nebel
Zuerst waren es nur geflüsterte Worte, kaum mehr als ein Flackern am Rande des Gehörs. Doch dann wurden sie lauter. Klarer. Schärfer.
„Du bist zu langsam…“
„Du bist nicht gut genug…“
„Sie brauchen dich nicht.“
Die Stimmen trafen jeden von ihnen, drangen tief in ihre Gedanken, fanden die Zweifel, die sie am meisten plagten.
Finn zuckte zusammen, als er eine besonders boshafte Stimme hörte, eine, die er aus seiner eigenen Vergangenheit kannte. „Du bist ein Versager, Finn. Ein netter Trick, aber auf Dauer bist du wertlos.“
Sonea atmete schwer aus. Die Schatten ihrer Erinnerungen streckten ihre Finger nach ihr aus. „Du kannst keine Gewalt aufhalten… Sieh dich an. Nichts hat sich geändert.“
Xalfein blieb abrupt stehen, seine Augen schmal. Eine Stimme aus der Tiefe seines Geistes lachte höhnisch. „Du glaubst, du bist mächtig? Ein kleiner Schatten in einer Welt aus Licht. Du wirst immer scheitern.“
Und dann war da Posy.
Seine Schritte wurden langsamer, seine Schultern sanken. Die Worte trafen ihn schwer, nagten an seiner Seele. Er hörte die Stimmen seines alten Stammes, die ihn als schwach bezeichneten. Nutzlos. Ein Außenseiter, der nie dazugehören würde.

Er blieb stehen. Tat nichts mehr. Konnte nichts mehr.
„Posy!“ Fenro packte ihn an der Schulter, doch der Mephitide reagierte nicht. Sein Blick war leer, sein Körper erschüttert.
Doch für Zögern gab es keine Zeit – denn wieder erschienen die Nebelgestalten.
Der Kampf in der Finsternis
Anders als zuvor griffen sie nicht sofort an. Sie umkreisten die Helden, flüsterten weiter, ließen ihre Worte in die Wunden der Seele eindringen. Und dann, als das Selbstvertrauen der Gruppe auf der Kippe stand, stürzten sie sich auf sie.
Die Kälte biss tiefer als je zuvor, die Geister schlugen mit frostigen Klauen nach ihnen. Jeder Schlag zerrte an den Kräften der Abenteurer.
„Konzentriert euch!“, rief Xalfein und schickte einen Feuerstrahl in die Dunkelheit. Wieder verdichtete sich der Nebel kurz – und der Geist wurde zerrissen.
„Feuer…“, murmelte Fenro. „Natürlich.“
Er riss eine Fackel von seinem Gürtel und schwang sie in weitem Bogen durch die Dunkelheit. Die Nebelgeister wichen zurück, als das Licht auf sie fiel, doch sie waren zäh.
Während die Gruppe kämpfte, erspähten sie am Ende der Höhle eine Kiste. Sie war alt, aus dunklem Holz, mit Metallbändern verstärkt. Die Kristalle mussten darin sein!
Doch als Fenro die Kiste aufriss, war sie leer.
Sein Blick wanderte zu Boden – und da waren sie. Dutzende schimmernde Nexus-Kristalle, doch sie waren wie aus Nebel. Unwirklich, nicht greifbar.
Ein Schrei ließ ihn aufblicken. Am Rande der Höhle erhob sich eine gewaltige Nebelgestalt. Sie war unförmig, größer als die anderen, ihre Umrisse ständig in Bewegung, als wäre sie ein wandelnder Sturm.
„Wir haben ein Problem!“, rief Finn, während er mit seiner Waffe in den Nebel hieb.
Die Flucht mit den Kristallen
Fenro biss die Zähne zusammen. Wenn Feuer den Nebel verdichten konnte… dann galt das vielleicht auch für die Kristalle.
Er kniete sich hin, hielt seine Fackel an die schimmernden Steine – und sah, wie sie sich verdichteten, formten, real wurden.
„Es funktioniert!“
Er griff die Kristalle, warf sie in die Kiste und packte sie fest.
„Zeit zu gehen!“, rief er.
Er sprintete los, die Kiste fest in den Armen. Die Nebelgestalten versuchten, ihn aufzuhalten, doch er duckte sich unter frostigen Klauen hinweg, sprang über einen umgestürzten Felsbrocken.

Die anderen folgten ihm, schlugen eine Schneise durch die Geister mit Magie, Stahl und Feuer.
Der Höhlenausgang kam näher.
„Fast da!“, keuchte Finn.
Dann – ein letzter Aufschrei des großen Nebelgeists. Die Luft wurde eiskalt. Ein letzter Angriff raste auf Fenro zu.
Doch Posy, der aus seiner Starre erwacht war, stürzte sich in den Weg. Er brüllte auf, rammte die Nebelgestalt mit aller Kraft. Sie beide taumelten – und Fenro erreichte das rettende Licht außerhalb der Höhle.
Mit einem letzten Schritt sprang auch Posy aus dem Nebel.
Hinter ihnen brodelte der dunkle Dunst, doch keine der Kreaturen wagte sich hinaus.
Die Gruppe atmete schwer. Die Kiste war da. Die Kristalle waren echt.
Sie hatten es geschafft.


