Der Fadenbruchpfad – die dritte Säule (Tag 16)
Unter dem flackernden Licht der frühen Morgendämmerung standen die Gefährten beisammen. Der Tau hing noch schwer auf den moosbedeckten Steinen, und über den Bäumen regte sich kaum ein Wind. Nur der Mond warf sein sanftgrünes Leuchten auf das Gestrüpp und ließ die Szenerie wie ein Gemälde erscheinen – ruhig, geheimnisvoll, ein wenig entrückt.
Vor ihnen ragte eine Steinsäule aus dem Boden, rund, vom Wetter gezeichnet, aber noch voller Geschichte. Die Helden hatten sie beim ersten Licht des Morgens entdeckt, am Anfang jenes Weges, der auf ihrer Karte als „Fadenbruchpfad“ markiert war.
„Seht euch das an,“ murmelte Sonea, während sie die erodierten Gravuren betrachtete. Das Geweih auf ihrem Haupt fing einen Hauch des Mondlichts ein. „Das ist eine Erzählung… in vier Abschnitten.“
„Wieso erzählen Steine jetzt Geschichten? Ich dachte, das wär mein Job,“ grinste Finn, rückte seine Laute zurecht und trat näher. „Na gut, lass mal sehen…“
Die Gruppe scharte sich um die Säule. Die erste Darstellung zeigte zwei Gestalten, die durch eine enge Schlucht reisten – ihre Umrisse grob, aber deutlich. In der zweiten waren dieselben Figuren von maskierten Angreifern umringt. Die dritte Szene zeigte nur noch eine der beiden, die sich mit erhobener Waffe gegen eine Flut von Feinden stemmte, während die andere zurückwich. Im vierten Bild war nur noch eine Gestalt zu sehen – allein weiterziehend.
„Einer opfert sich, damit der andere entkommen kann,“ sagte Fenro knapp, die Arme vor der Brust verschränkt. Seine gelben Augen ruhten auf der dritten Szene. „Ein Jägerblick erkennt solche Dinge sofort.“
„Oder ein Dramatikerherz,“ bemerkte Xalfein trocken. „Tragische Heldengeschichten, wie sie der einfache Geist liebt.“
Posy beugte sich vor, Fuzz auf seinen Schultern schnurrte leise. „Sollten hier nicht irgendwo die Nexus-Kristalle sein?“
„Vergraben, versteckt… oder bewacht?“ fragte Habikan mit einer Stimme wie aus einem Traum. Sein einzelnes, leuchtendes Auge glomm wie eine Flamme.
„Heiszzt daszz, wir müszzen unszz trennen?“ Kleschbumtauch klopfte seine Axt auf den Boden. „Iff magszz nifft, wenn einer weggeht und der andere nicht wiederkommt.“
„Niemand trennt sich,“ erklärte Sonea sanft, doch bestimmt. „Die Geschichte warnt uns – aber sie verrät auch, dass der Weg nicht umsonst ist. Irgendwo dort draußen, am Fadenbruchpfad, sind die Kristalle. Und wir sind nicht hier, um Opfer zu bringen – sondern um das Gleichgewicht zu bewahren.“
Sonea zeigte auf die Säule. „Die Legende sagt, dass dieser Held sich seines Schicksals gewiss war. Weil eine Prophezeiung es so sagte. Und deshalb… glaubte er, Entscheidungen seien bedeutungslos.“ Sie schwieg einen Moment. „Er irrte sich.“
Ein leises Raunen ging durch die Gruppe. Der Pfad lag vor ihnen, gewunden, gesäumt von stämmigen Bäumen und seltsam geformten Steinen, als hätte selbst die Landschaft eine Erinnerung an alte Kämpfe behalten.
Finn hob die Hand, als würde er einen Vorhang zur Seite ziehen, und trat voran. „Dann lasst uns herausfinden, wie die Geschichte weitergeht – und diesmal schreiben wir sie selbst.“
Ohne ein weiteres Wort setzte sich die Gruppe in Bewegung. Die Sonne gewann langsam an Kraft und der Pfad vor ihnen wurde vom Gold des Morgens und dem wechselnden Glanz des Mondes gesäumt – ein Versprechen, ein Rätsel, ein neues Kapitel.

Der Fadenbruchpfad wand sich in sanften Bögen den Hügel hinauf, flankiert von uralten Bäumen, deren knorrige Äste in das Morgenlicht griffen wie stille Zeugen vergangener Zeiten. Die Gruppe bewegte sich schweigend, jeder dem eigenen Atem lauschend, dem gleichmäßigen Knirschen von Stiefeln auf Kies, dem leisen Schnurren von Fuzz auf Posys Schulter.
Als sie etwa die Hälfte des Weges umrundet hatten, blieb Fenro abrupt stehen. „Dort.“ Er deutete mit dem Kinn auf eine zweite Steinsäule, die sich wie ein stiller Wächter am Wegrand erhob.
Diesmal war das Gestein glatter, die Gravuren feiner, fast feierlich ausgearbeitet. Sonea trat näher, sah sich erneut die Bilder an, fast ehrfürchtig.
„Ein weiterer Teil der Geschichte…“ murmelte sie.
„Oder eine andere Geschichte ganz für sich,“ widersprach Xalfein, der die Arme verschränkte und skeptisch die Szenen betrachtete. „Schaut: ein Held mit einer Waffe. Strahlend. Der klassische Archetyp.“
„Und wer ist die andere Figur?“ fragte Posy leise. „So schlicht gezeichnet… als ob sie nicht echt wäre.“
„Schwer zu sagen“, flüsterte Habikan, sein Blick verengte sich. „Aber sie erhält die Waffe. Und verschwindet.“
„Zurück bleibt der Held – waffenlos, gebrochen,“ sagte Finn leise. „Die Hände zum Himmel… flehend.“
„Er hat seine Kraft weitergegeben… und alles verloren,“ meinte Sonea nachdenklich. „Vielleicht aus Pflichtgefühl. Vielleicht aus Liebe.“
„Oder aus Täuschung,“ raunte Xalfein. „Wer weiß, ob der andere sie verdient hat.“
„Oder aus Hoffnung,“ warf Finn ein, seine Stimme nun fester. „Dass der andere etwas vollendet, was er selbst nicht konnte.“
Ein Windstoß fuhr durch die Bäume, wirbelte trockene Blätter über den Pfad. Fuzz hob neugierig den Kopf, schnupperte in die Luft und knurrte leise – ein kaum hörbarer Ton, doch genug, dass Posy aufmerksam wurde.
„Vielleicht ist die Waffe… nur ein Symbol?,“ überlegte Posy. „Vielleicht war sie nie eine Klinge oder ein Hammer. Vielleicht einfach ein Symbol für Macht?“
„Dann fragen wir uns besser: Sind wir hier, um zu empfangen? Oder um zu opfern?“ Habikans Stimme war kaum mehr als ein Hauch, und doch schien sie für einen Moment die Stille zu füllen.
Sonea richtete sich auf. „Was auch immer hier geschah – es hat den Lauf der Dinge verändert. Wenn wir diese Kristalle finden, müssen wir entscheiden, wofür wir sie einsetzen. Für Macht. Für Heilung. Oder… für ein Opfer.“
Kleschbumtauch kratzte sich am Kopf. „Wenn einer waszz gibt… und nixzz zurückbekommt… dann iszz daszz blöd.“
„Manchmal,“ sagte Fenro knapp, „ist genau das der Sinn.“
Ein stiller Moment folgte. Dann wandte sich Finn um und trat wieder auf den Pfad. „Noch mehr Geschichten, die auf uns warten. Noch mehr Bilder ohne Worte. Lasst uns weitergehen.“
Und so setzten sie ihren Weg fort, während über ihnen der wandelnde Mond ins Gold glitt und der Hügel seinen nächsten Kreis um das Schicksal spann.

Der Weg krönte sich in einer weiten, offenen Kuppe – die Spitze des Hügels, wo das Licht des wandelnden Mondes in fließendem Gold den Boden küsste und die Luft seltsam schwer wirkte, wie kurz vor einem Sommergewitter. Hier, genau in der Mitte, stand sie: die dritte Säule.
Die Helden schwiegen, als sie nähertraten. Selbst Finn ließ seine sonst nie ruhige Zunge ruhen. Die Szenen, die in das Gestein gemeißelt waren, sprachen mit einer Eindringlichkeit, die Worte überflüssig machte.
„Da ist ein sehr großer Nexuskristall abgebildet,“ sagte Sonea leise. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern im Wind.
Die erste Szene war klar: Eine einzelne Figur vor einem riesigen Nexusstein, die Hand an den Kristall gepresst, wie in einem Moment zwischen Ehrfurcht und Gier. Im nächsten Bild hatte sich die Gestalt verändert – größer, muskulös, verzerrt. Hörner sprossen aus ihrem Schädel, der Körper spannte sich mit unnatürlicher Kraft.
„Verwandlung,“ murmelte Xalfein. „Ein Übermaß an Nexusenergie… oder etwas anderes, etwas Fremdes, das im Kristall lauerte.“
„Das dritte Bild…“ meldete sich Posy zu Wort. „Er hat jemanden getötet.“
Tatsächlich zeigte die Szene einen Tiefling mit aufgerissenen Augen und hervorgehobenen Muskeln, triumphierend oder gebrochen, das war schwer zu sagen. Zu seinen Füßen: eine zweite Gestalt, reglos, leblos. Details fehlten – ob Feind oder Freund war nicht zu erkennen.
„Und dann…“ Finn trat näher und zeigte auf das letzte Bild, „ein Portal. Er wird hineingezogen.“
„Oder verschlungen,“ ergänzte Habikan. Sein Auge leuchtete düster. „Vielleicht war das nie seine Macht. Vielleicht war er nur ein Gefäß.“
„Klingt wie ein mieszzeszz Geszzäft,“ brummte Klesch und hielt sich seinen Schädel. „Energie nehmen, jaja, aber zu viel? PENG.“
„Nicht Peng,“ widersprach Fenro trocken. „Verloren. Verdorben. Verdammt.“
Sonea trat einen Schritt zurück. Das Licht des Mondes spielte auf ihrer Stirn, ihre Geweihspitzen warfen lange Schatten. „Die Säulen erzählen uns etwas. Der erste hat geopfert. Der zweite übergeben. Der dritte… nahm. Und verlor sich.“
„Die Frage ist,“ meinte Finn und trat einen Schritt zurück, die Hände in die Hüften gestemmt, „was machen wir, wenn wir ihn finden? Diesen riesigen Kristall?“
Niemand antwortete sofort. Doch dann sagte Xalfein mit kühler Klarheit: „Dann müssen wir entscheiden, wer wir sein wollen. Die Opfernden. Die Vermittelnden. Oder die Verdammten.“
Ein Schweigen senkte sich über die Gruppe. Kein Wind, kein Raunen des Waldes – nur das goldene Licht des wandelnden Mondes, das über die Szenen glitt wie eine letzte Warnung.
Dann trat Habikan vor, zog mit eleganter Bewegung seinen Dolch aus dem Gürtel und richtete ihn kurz gegen den Kristall im Bild. „Lasst uns hoffen, dass wir bereit sind, wenn es soweit ist.“

Der Sturm
Es war ein Moment der Neugier, nicht mehr – eine Berührung, flüchtig wie ein Gedanke, als Xalfein seine Finger über das verwitterte Gestein der dritten Säule gleiten ließ. Das Summen kam sofort. Tief, vibrierend, wie der erste Ton eines Liedes, das niemand mehr zu Ende zu bringen wusste. Licht flackerte in den Ritzen des Steins auf, kriechend wie Glühwürmer im Winter, und die Luft wurde schwer.
Dann… veränderte sich alles.
Die Hügelkuppe, eben noch bedeckt von taufeuchtem Gras und alten Runen, verwandelte sich in eine frostgekrönte Ebene. Der Boden war von Schnee bedeckt, hart gefroren, durchzogen von flachen, leuchtenden Kristalladern, die in regelmäßigen Pulsen Leben vorgaukelten. Ein Sturm tobte ringsherum, wütend und laut, doch die Helden standen in vollkommener Stille – im Auge eines Orkans aus Eis und Licht.
In ihrer Mitte ragte er auf: wo eben noch die Steinsäule zu sehen war, stand jetzt der Kristall. Riesig, baumhoch, von innen heraus leuchtend, pulsierend wie das Herz eines Wesens, das nie geboren worden war. Seine Oberfläche spiegelte Farben, die es in der wirklichen Welt vielleicht nie gegeben hatte.
„Das… ist nicht mehr meine Welt,“ flüsterte Sonea, ihre Stimme warf kleine Wölkchen in die eiskalte Luft.
„Und trotzdem fühlt es sich an, als wären wir schon einmal hier gewesen,“ murmelte Xalfein, die Augen schmal, wachsam. „Etwas daran ist falsch. Zu klar. Zu arrangiert.“
Dann trat der Tiefling aus dem Schatten des Kristalls.
Er war hochgewachsen, seine Haut hatte den matten Glanz von abgekühlter Lava, und seine Hörner wanden sich wie das Geäst eines verbrannten Baumes über seinen Schädel. Sein Blick brannte mit Überlegenheit.
„Du bist also doch noch gekommen,“ sagte er. Keine Begrüßung. Keine Überraschung. Eine Feststellung. „Du hast lange gebraucht.“
Die Gefährten tauschten Blicke.
„Ähm… meint er mich?“ fragte Posy, sein riesiger Pelzschweif zuckte nervös.
„Er sagt ‚Du‘, aber sieht uns alle an,“ flüsterte Habikan. „Seltsam.“
„Vermutlich ein Ritual, oder eine… Illusion,“ murmelte Xalfein. „Er spricht, als sei dies seine Bühne – und wir nur Zuschauer.“
„Oder Spieler in einem Stück, das wir nicht kennen,“ ergänzte Sonea.
„Du tust ja so, als wäre es das erste Mal,“ sagte der Tiefling. Der Kristall hinter ihm pulsierte wie zustimmend. „Aber du bist immer gleich. Zuerst redest du. Dann zweifelst du. Dann… stirbst du.“
Die Gruppe war einen Moment lang still. Der Wind draußen tobte weiter, heulte um den Kreis aus Stille.
„Waszz meint er damit?“ fragte Kleschbumtauch, der langsam seine Axt hob, die Klinge vor sich haltend wie ein Stück Gewissheit.
„Eine Wiederholung,“ murmelte Xalfein. „Ein Echo. Er… lebt in einer Geschichte, die sich wieder und wieder abspielt.“
„Und hält uns für seinen Gegenpart,“ ergänzte Habikan.
Der Tiefling lachte. Tief. Bitter. „Komm schon. Bringen wir’s hinter uns. Du weißt, wie es endet.“
Seine Hand wanderte langsam zum Kristall und berührte ihn wie jemand, der einem Vertrauten die Schulter tätschelt. Und dann sprang er vor.
Finn stellte sich ihm in den Weg. Seine Hand lag ruhig auf der Laute, seine Stimme war warm, klar – wie eine Melodie, die zwischen den Schneeflocken schwebte. „Hör zu… wir wissen nicht, was hier geschieht. Aber ich erkenne dich. Von der Säule. Du hast überlebt, weil jemand anderes zurückblieb. Ein Freund. Ein Bruder?“
Für einen Wimpernschlag verlor der Blick des Tieflings seine Überlegenheit. Ein Schatten legte sich über sein Gesicht. Seine Kiefer mahlten. Ein stummer Moment.
Dann heulte er auf und schlug zu.
Finn wurde durch die Luft geschleudert und krachte hart auf das Eis. Blut färbte den Schnee.
„FINN!“ schrie Sonea, doch der Barde hob eine zitternde Hand. Sein Blick war verschwommen, seine Lippen bewegten sich zu einem Zauber.
Ein Trugbild entstand – ein Echo der Figur aus der ersten Säule: schlicht, freundlich, vertraut. Der alte Gefährte. Aber etwas war falsch. Finn’s Erinnerung an das Bild der ersten Säule hatte sich mit dem Bild der erschlagenen Figur auf der dritten Säule vermischt.
Der Tiefling durchschaute die Täuschung. „LÜGEN!“ brüllte er – und mit einem zischenden Schrei ließ er seine Faust niederfahren. Die Illusion zersprang – und Finns Körper blieb reglos liegen.
Dann kam das Lächeln – spöttisch, scharf wie gesplittertes Glas. „Du dachtest, mit dieser Maskerade zu einem anderen Ende zu kommen?“
Fenro spannte einen Pfeil und schoss auf den Tiefling. Sonea verwandelte sich mit einem gewaltigen Fauchen in eine silberne Wölfin und sprang den Tiefling an. Die Kollision war heftig: Klauen trafen auf infernalische Haut, Pfeile bohrten sich in muskeldurchzogene Schultern, Magie zischte durch die Luft wie zerbrochene Spiegelbilder.
Doch der Tiefling lachte.
Nicht spöttisch diesmal – sondern mit der Erleichterung eines Schauspielers, der endlich wieder seine Rolle einnehmen durfte. „So ist es richtig. Endlich kämpfst du.“
„Er spricht immer nur einen von uns an,“ knurrte Habikan, während er mit tänzerischen Schritten um den Feind kreiste, seine Dolche bereit. „Was soll das?“
„Es ist ein Ritual“, raunte Xalfein und schleuderte eine Salve magischer Energie auf den Gegner, „eine Schleife. Vielleicht eine Prüfung – oder eine Bestrafung.“
„Aber für wen?“ warf Posy ein, der sich daraufhin mit einem Brüllen auf den Gegner stürzte. Sein Schwert riss eine tiefe Furche in die Seite des Tieflings – doch dieser wich nicht zurück. Kein Schmerzensschrei. Kein Stöhnen.
Kleschbumtauch wollte sich mit seiner Axt gerade ins Getümmel werfen, als er plötzlich stockte und ein Gefühl des Verlangens spürte. Der Kristall, der nun anstelle der Steinsäule dastand, pulsierte in tiefem Rot und Violett. Lichtadern flossen durch das Eis.
„Iff… iff glaube, der will waszz von mir,“ murmelte der Ork, seine Axt halb gesenkt. „Ich kann’szz fühlen…“
„Nein, NICHT!“ rief Sonea, doch zu spät.
Mit einem seligen Lächeln – fast wie ein Kind, das eine verbotene Süßigkeit probiert – legte Kleschbumtauch seine Hand auf den Kristall.
Ein Ruck ging durch seinen Körper. Seine Muskeln spannten sich, die Adern traten hervor, seine Augen weiteten sich zu dunklen Kugeln.
Xalfein musterte das Geschehen interessiert. „Zuviel Nexusmacht. Ich befürchte, die Konsequenzen werden eher negativer Natur sein.“
„Er wird sich nicht mehr vom Kristall lösen,“ bemerkte Habikan. „Zumindest nicht freiwillig.“
Xalfein trat näher. Mit einem leisen Wispern ließ er seine Gestalt zerfließen – sein Gesicht wurde zu einer Fratze aus Albträumen, einer wabernden Masse aus Angst, Zähnen und Leere. Er blickte den Ork an und Kleschbumtauchs Augen weiteten sich. Er schrie, fiel rücklings zurück, löste sich vom Kristall, bebend, keuchend, verwirrt.

„Warum macht der Kristall daszz …? Aber… szzooooo viel MAFFT!“ murmelte er.
Unterdessen, am Rande der Lichtung, suchte Fenro Deckung zwischen kristallinen Eisformationen. Als der Tiefling einen gleißenden Energiestrahl auf Habikan schleuderte und dieser nur knapp ausweichen konnte, war es Fenro, der sich bewegte – schnell, lautlos wie ein Tier. Doch während er zur Seite rollte, glitt seine Hand über eine der leuchtenden Kristalladern.
Reine Macht durchfloss ihn. Ein Moment der Verbindung. Nicht wie bei Kleschbumtauch. Kein Machtrausch. Nur… Klarheit.
Die Geräusche um ihn herum wurden leiser. Die Bewegungen der anderen wirkten langsam, fast träge. Er selbst fühlte sich… erhöht. Mächtig. Und seltsam entrückt. Als würde er die Szene nicht mehr als Teilnehmer sehen, sondern als Beobachter. Als Richter.
„Unbedeutend,“ murmelte er leise. „Schnee. Blut. Das ist alles nicht wichtig. Wie Staub.“
Sonea, die in ihrer Wolfsform kämpfte wie ein Sturm, warf einen Blick über die Schulter und rief: „Fenro! Alles in Ordnung?!“
„Es ist bedeutungslos,“ seufzte er. „Aber ich bin hier. Ich werde tun, was getan werden muss.“
Der Tiefling drehte sich langsam in Fenros Richtung. „Ja… genau das sagst du immer. Kurz bevor du untergehst.“
Sein Lächeln war wieder da – kalt, spöttisch. Und hungrig.
„Du wirst dich nicht retten.“
Vollendete Verwandlung
Der Kampf ging erbarmungslos weiter. Der Tiefling taumelte zurück, seine Haut von Wunden durchzogen, Rauch stieg von verbrannten Stellen auf, wo Posys Schwert, Habikans Dolch und Xalfeins Magie getroffen hatten. Doch noch war sein Blick nicht gebrochen – nur ungeduldig. Er war nicht verzweifelt. Er war nicht besiegt.
Er war genervt.
„Immer dasselbe Spiel,“ keuchte er, und seine Stimme war ein Flüstern inmitten der tobenden Stille. „Du wehrst Dich… glaubst siegreich zu sein… und am Ende zerbrichst Du.“
Er wandte sich dem Nexusstein zu.
„Wenn Du es also so willst…“
Mit einem Mal riss er beide Hände in die Höhe und legte sie auf die lebendige Oberfläche des Kristalls. Der Kristall pulsierte und die Energie floss in den Tiefling, gierig aufgesogen wie Wasser auf dürrem Land. Seine Schultern rissen auf, Schattenflammen krochen aus seinen Poren, und aus seinem Rücken wuchsen gezackte Stacheln. Seine Beine verlängerten sich, seine Füße verformten sich zu Klauen. Die Hörner auf seiner Stirn krümmten sich zurück, verschlangen sich ineinander. Sein Gesicht verzerrte sich – was blieb, war das Antlitz eines Dämons.

Ein einziger Blick genügte, um die bisherige Schlacht harmlos erscheinen zu lassen.
„Oh… ich erinnere mich jetzt,“ grollte der Tiefling – oder der Dämon, zu dem er geworden war. Seine Stimme war tiefer, vielstimmiger, als würden mehrere Versionen seiner selbst gleichzeitig sprechen. „Das ist der Moment, in dem du begreifst, dass du verloren hast.“
Ein magischer Impuls schleuderte Xalfein durch die Luft – sein Körper schlug hart gegen einen Kristallausläufer, Risse durchzogen das Eis. Sonea wurde gepackt, herumgeschleudert und in den Boden gerammt, ihre Wolfsform keuchend. Habikan wich einem brennenden Klauenhieb nur knapp aus, sein Mantel von sprühenden Funken versengt. Posy versuchte, sich ihm entgegenzustellen, wurde aber zurückgeschleudert wie ein Spielzeug. Klesch, noch immer zitternd von seinem Machtrausch, kroch benommen zur Seite.

Und Fenro?
Er stand einfach da. Regungslos.
Er sah den Dämon – und fühlte nichts. Kein Entsetzen, kein Zorn. Nur eine tiefe, fremde Klarheit.
„Ein Spiegelbild,“ sagte er. „Das ist alles, was er ist.“
„Fenro!“ rief Sonea, „wir brauchen dich!“
„Ihr kämpft gegen Schatten.“ Seine Stimme war tonlos, fast sanft. „Er ist nicht real. Und vielleicht sind wir das auch nicht mehr.“
Der Dämon blieb stehen. Sah Fenro direkt an.
„Ich hatte gehofft, du würdest wenigstens versuchen, mich aufzuhalten. Stattdessen stehst du da wie immer. So arrogant in deiner Gleichgültigkeit. Also endet es wie immer. Ich gewinne. Und du stirbst.“
Er hob die Klauen – bereit, sein Werk zu vollenden.
Das Ende des Zyklus
Habikan wirbelte herum, sein Dolch blitzte. Er stürzte sich auf den Kristall, ließ die Klinge über die Oberfläche fahren.
Der Dämon stockte amüsiert. „Wirklich? DAS ist dein Plan? Du musst wirklich verzweifelt sein. Du weißt, dass dir das nicht helfen wird.“
Hinter ihm war ein leises Geräusch zu hören. Ein Scharren, ein Schleifen.
Finns Finger, blutverschmiert, streckten sich. Berührten eine der Kristalladern.

Sein Körper wölbte sich, die Wunden heilten, Magie flutete ihn – er richtete sich auf.
„Lüge“ hauchte Finn, seine Stimme vibrierte mit neu gewonnener Macht. Mit einem wilden Aufschrei warf er seine Hexermagie auf den Kristall. Ein Riss erschien. Splitter barsten hervor.
Der Dämon wich zurück, Unglaube in seinen Augen.
Der Kristall flackerte, brach, und Risse zogen sich durch seine Oberfläche. Der Dämon stieß einen Schrei aus. „Nein… Du… Du kannst nicht… DARFST NICHT… !“
Habikan stürzte sich vor, packte seinen Dolch mit beiden Händen und rammte die Klinge mit aller Kraft in einen der Risse des Kristalls. Das Geräusch, das dabei entstand, war das von brechendem Glas – und mit jedem Splitter, der von der Oberfläche des Kristalls abbröckelte, zuckte der Dämon zusammen.

„Es gibt immer den Moment, in dem die Klinge das Herz erreicht,“ sagte Habikan leise, als er sich zurückzog.
Fenro, durch die Macht des Kristalls völlig entkoppelt von der Welt, beobachtete das Geschehen mit einer unfassbaren Kälte. Es war, als ob er durch einen Schleier schaute. Keine Aufregung, keine Eile. Nur das Wissen, dass all dies bedeutungslos war. „Unwichtig. Alles… Staub.“

Sonea sprang den Dämon an, riss ihn zu Boden. Ihre Wolfsaugen glühten, ihre Zähne schnappten nach seinem Arm.
Posy trat vor, sein Schwert blitzte im Licht des Kristalls. Mit einem wuchtigen Hieb zerschmetterte er den Kristall vollständig.
Der Dämon schrie. „Nein! Du hast es… verändert… du… hast alles… verändert…! So WAR ES NI…“
Dann war er fort.
Und mit seinem Fall verschwand die in Schnee und Eis gehüllte Hügelkuppe – die Welt um sie herum zitterte, zerbrach wie ein zerfallender Traum. Der Schneesturm löste sich in Nichts auf, der Kristall zerfiel zu Staub, und zurück blieben nur noch die Splitter – die zerstreuten Fragmente des Nexus, am Boden verstreut.
Die Gruppe stand schwer atmend und erschöpft um die Steinsäule, die jetzt wesentlich verwitterter als zuvor aussah. Die Bilder der Geschichte waren kaum noch zu erkennen.
Finn taumelte auf die Beine, der Schmerz in seinen Gliedern war noch frisch, aber die neue Kraft, die der Kristall ihm verliehen hatte, ließ ihn atmen, als wäre er neu geboren. „Es ist vorbei… aber nicht das Ende.“
„Und der Weg zurück führt uns zu neuen Rätseln,“ sagte Xalfein und warf einen Blick auf die verstreuten Kristallfragmente. „Vielleicht ist es das, was uns erwartet.“
Kleschbumtauch hob die Axt und blickte zu den anderen. „Waszz nun?“
„Jetzt…“, sagte Sonea, „… haben wir die erste Prüfung überstanden.“
Finn schüttelte den Kopf und grinste. „Ich glaube, das war eigentlich die letzte Prüfung.“



