Der Fadenbruchpfad – die zweite Säule (Tag 18)

Der Wind des Fadenbruchpfades wehte stumm über die uralte Steinsäule, als die letzte Lichtwelle verebbte. Einer nach dem anderen sanken die Helden erschöpft zu Boden, als wären sie aus einem langen, traumgleichen Schlaf erwacht. Ihre Gesichter waren bleich, die Augen flackerten unruhig, als müssten sie sich erst wieder an die Realität dieser Welt gewöhnen.

Sonea hielt sich an einem bemoosten Stein fest, ihre Finger zitterten. Fenro stützte sich schwer auf seinen Bogen, sein Blick schien durch alles hindurchzugehen. Posy murmelte verwirrte Fragmente von „…war das echt?“ und streichelte mechanisch Fuzz’ regenbogenfarbenes Fell. Kleschbumtauch ließ sich mit einem dumpfen „Ich will Szzuppe“ auf den Rücken fallen. Finn schwieg – und das allein sagte genug. Habikan stand regungslos. Sein gelbes Auge flackerte für einen Moment blutrot.

Nur einer wirkte nicht gebrochen.

Xalfein trat einen Schritt zurück, strich mit einem Tuch unsichtbaren Staub von seinem langen, schwarzen Mantel und schnaubte leise. Dann durchbrach seine Stimme – kühl, messerscharf – die angespannte Stille:

„Nun. Das war also die zweite Prüfung. Oder die dritte. Je nachdem.“
Seine langen, weißen Haare wehten im Wind und sein Blick wanderte über die Gruppe. „Wie… faszinierend.“

Finn wandte sich ihm zu, die Augen schmal. „Du klingst, als hättest du einen Plan gehabt.“

„Oh nein, ganz sicher nicht. Ich hatte nur… Erwartungen. Und, zugegeben, ein paar Theorien.“ Xalfein hob die Hand, sein Finger zeichnete ein unsichtbares Muster in die Luft. „Was mich jedoch brennend interessiert, ist, ob ihr es auch gespürt habt – dieses Splittern im Bewusstsein? Diese Stille zwischen den Gedanken? Nein?“ Er seufzte dramatisch. „Natürlich nicht.“

Sonea hob langsam den Blick. „Es war… wie eine andere Welt. Aber doch vertraut! Ich war dort… und es war verstörend.“

„Natürlich war es das.“ Xalfein lächelte dünn. „Ihr wart in einer projektionalen Zeitverzerrung gefangen – Fragmente einer alternativen Realität, generiert durch die Resonanz eures eigenen Seelenmusters mit den Nexus-Kristallen.“

Fenro knurrte. „Sprich verständlich, Schattenfreund.“

„Kurz gesagt“, sagte Xalfein, „die Säule hat unser Bewusstsein temporär in eine hypothetische Zukunft katapultiert. Eine Zukunft, in der die Kultisten uns nie entführt haben. Eine Zukunft, in der wir uns nie getroffen haben. Eine Welt erschaffen durch die Energie des Nexus selbst.“

„Aber warum?“ fragte Sonea leise. „Warum das alles?“

„Weil wir – jeder von uns – einen Splitter des Urkristalls in uns tragen. Es war nicht nur eine Zukunft“, fuhr Xalfein fort, seine Stimme nun leiser, fast nachdenklich. „Es war… eine Art Erinnerung. Oder das, was die Nexuskristalle aus der Erinnerung des Helden des Fadenbruchpfads gesponnen haben. Alt, erschöpft, seiner einstigen Stärke beraubt. Mit der Macht der Kristalle hat er den natürlichen Lauf des Lebens durchbrochen.“

Er ließ seinen Blick über die verstreuten Kristallsplitter auf dem Boden schweifen. „Denn diese Steine… sie schenken nicht einfach nur Kraft. Sie entreißen dem Leben seine Ordnung. Wer sie gebraucht, durchbricht den Kreislauf. Die natürliche Ordnung der Dinge.“

Xalfeins Stimme wurde ein Hauch kälter. „Und was ihr an der dritten Säule gesehen habt – dieses entstellten Wesen – das war kein Trugbild. Es war das Ende jenes Pfades. Die logische Konsequenz. Der Preis dafür, sich dem natürlichen Verfall zu verweigern. Und die Berührung der zweiten Säule hat uns dahin geführt, wo unsere Schritte möglicherweise geendet hätten… wären da nicht die Nexus-Kristalle gewesen. Eine der vielen möglichen Enden unserer Existenz.“

Er schwieg. Nur das Raunen des Windes sprach noch.

„Lasst uns einen Blick darauf werfen, was jeder von uns durchgemacht hat. Vielleicht finden wir darin Hinweise – nicht nur über uns selbst, sondern über den Nexus und seine wahre Natur.“

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