Gegen die Tieflinge (Tag 15)

Die Schlacht auf dem Dorfplatz

Der Vormittag im cervidischen Dorf war von ungewöhnlicher Stille geprägt, als sich das Unheil manifestierte. Zwei Portale, pulsierend von düsterer Energie, hatten sich auf dem von Moos durchzogenen Platz aufgetan – aus einem trat bereits die verzerrte Gestalt eines Tieflings hervor, seine Augen glimmten mit finsterer Entschlossenheit.

Fenro, der sich instinktiv vom Zentrum des Geschehens entfernte, wurde dennoch Ziel eines der beiden Eindringlinge. Mit einer präzisen Geste ließ ein Tiefling einen der kleinen Nexus-Kristalle an Fenros Seite detonieren. Die Explosion war kurz und heftig – der Garoul wurde zu Boden geschleudert. „Verdammte Magie“, knurrte er, während er sich mit schmerzverzerrtem Gesicht wieder aufrichtete.

Im Inneren von Eldryns Hütte rang die Kreatur aus der Ätherebene mit der Realität. Die Tür – ein schlichtes Holzstück, wie man sie in jeder Hütte erwarten würde – stellte für ihn ein unerwartetes Hindernis dar. Mit einer staksigen Bewegung prallte er dagegen, taumelte rückwärts. Sein einziges, rötlich irisierendes Auge starrte verwirrt auf das Hindernis. „Es… ist zu. Warum… geht es nicht weiter?“ murmelte er tonlos. In der Ätherebene hatte es keine Türen gegeben. Keine Trennung, keine Schwelle.

Unterdessen tobte auf dem Platz der Kampf.

Posy, von roher Wut durchdrungen, packte einen der Tieflinge, hob ihn mit Leichtigkeit über den Kopf und schleuderte ihn in das prasselnde Lagerfeuer. Flammen züngelten empor, doch der Tiefling reagierte kaum. Posy war erstaunt, „Feuer ist wohl nutzlos hier…“.

Kleschbumtauch, mit dem Ernst eines trotzigen Kindes, hob seine Axt. Das Sonnenlicht spiegelte sich in der Schneide und traf die Augen des heranstürmenden zweiten Tieflings. Mit einem „Szzau her!“ und einem stolzen Zischen blendete der Ork seinen Gegner, der überrascht ins Taumeln geriet.

Finn trat nach vorn, sein Blick fokussiert. Die Noten die er auf seiner Laute spielte, formten sich zu einem magischen Strahl, schillernd in allen Farben des Spektrums. „Das sollte reichen“, murmelte er, während der Energiestrahl den Tiefling traf. Der Eindringling schrie – doch es war nicht der Todesschrei eines Besiegten, sondern der Auftakt einer Explosion. Die infernale Energie entlud sich unkontrolliert.

Xalfein hatte bereits geahnt, was geschehen würde. Mit einem Satz riss er ihren neuen Begleiter aus dem Türrahmen, in dem dieser erstarrt verharrt hatte. Die Druckwelle streifte sie nur, riss Blätter von den Bäumen. Der Blick der Kreatur war mit etwas Fantasie als „dankbar“ zu erkennen.

Der letzte Tiefling wütete noch, doch Posy, getrieben von der Wildheit seiner inneren Magie, verschwand in einem grellen Blitz. Im nächsten Moment tauchte er hinter dem Feind auf – lautlos, gnadenlos. Mit einem gurgelnden Laut durchtrennte seine Klinge das Fleisch des Tieflings.

Die zweite Explosion ließ den Boden erbeben und die empfindlichen Ohren des Mephitiden füllten sich mit Schmerz.

Als sich der Rauch verzog, standen sie wieder. Erschöpft, zerschunden – aber lebendig. Die Portale waren verschwunden.

Nach dem Kampf

Während auf dem Dorfplatz Magie aufeinanderprallte, Klingen auf Fleisch trafen und Flammen in der Luft züngelten, kniete Sonea schweigend an Eldryns Seite. Ihre Hände lagen sanft auf seinem Verband, aus ihren Fingerspitzen pulsierte das silbrige Leuchten eines heilenden Zaubers. Eldryns Atem ging ruhiger, sein Gesicht entspannte sich. Draußen mochten Schlachten toben – in dieser Hütte herrschte für einen kurzen Moment Frieden.

Als sich der Lärm legte und der letzte Widerhall der Explosion verklungen war, traten die Helden wieder zusammen. Dort wo die Tieflinge ihr Ende fanden, flackerten kleine Kristallsplitter. Sie glühten matt, fast schüchtern, als wollten sie nicht wirklich existieren. Neben den Splittern lagen Waffen und Rüstungsteile, durchzogen von Runen und Mustern. Xalfein trat vor, murmelte leise Formeln und ließ seine Sinne durch die Fäden der Magie gleiten. Ein Schwert in der Nähe pulsierte schwach im Licht der Erkenntnis.

„Diese Klinge… sie ist mit Magie versehen. Vielleicht sogar verflucht“, stellte er fest und hob die Waffe vorsichtig auf. Posy nahm ihm das Schwert aus der Hand und sagte schlicht, „Das Risiko gehe ich ein.“.

Kleschbumtauch, der sich in der stillen Stunde nach dem Kampf unruhig umgesehen hatte, machte sich nützlich. Er trug Holz zusammen, suchte Essbares und versuchte sich an der Reparatur eines Korbs. „Kann ich helf’n? Ich bin gut im Szzammeln… wenn man mir szzagt, waszz.“

In der Versammlung, die daraufhin folgte, diskutierten die Helden über ihren nächsten Schritt. Ein Name fiel bald – Fadenbruchpfad. Ein uralter Weg, verborgen im nahen Wald, umrankt von Geschichten und Warnungen.

Als der stille Begleiter aus der Ätherebene mit einem fragenden Blick näher an Xalfein herantrat, war es Finn, der sich neugierig an die stille Gestalt wandte. „Sag mal… wie ist eigentlich Dein Name?“ fragte er interessiert. Die fremdartige Kreatur hob den Kopf, das einzelne, rötlich glühende Auge flackerte leicht. Nach kurzem Zögern flüsterte sie mit rauer Stimme: „Habe… ich keinen…“ Posy, der gerade vorbeiging und noch seine tauben Ohren rieb, runzelte die Stirn. „Habikan?“ fragte er verwundert, ein offensichtliches Missverständnis. Finn grinste, klopfte sich auf die Knie. „Na dann – willkommen, Habikan.“ Die Kreatur blinzelte, neigte leicht den Kopf – und sagte nichts. Doch der Name blieb.

„Was möchtest du wissen?“, schaltete sich Xalfein ein.

„Die Kristalle…“, sagte Habikan mit seiner fremden Stimme. „Sie… singen. Leise. Was sind sie?“

Xalfein hob eine Braue, musterte ihn nun aufmerksam. „Sie sind fokussierte Aggregatzustände arkaner Resonanz. Kristalline Strukturen, die in der Lage sind, Magie nicht nur zu speichern, sondern auch auf metaphysischer Ebene umzustrukturieren.“ Er deutete mit einem Finger auf einen der Splitter. „Jeder von ihnen enthält ein stabiles, hexagonales Gitter, in dem sich fragmentierte Zauberfelder verankern. Man könnte sie als Katalysatoren betrachten – oder als Behälter von reaktiver Essenz.“

Habikan nickte langsam, als würde er nur einzelne Bruchstücke verstehen – oder als würde er jedes einzelne Wort speichern. Xalfein sah das, seufzte leise und fügte knapp hinzu: „Sie sind gefährlich. Und nützlich. Beides.“

Auf der Reise

Sonea, die sich bisher zurückgehalten hatte, legte den Kopf schräg. „Ich erinnere mich an den Pfad. Dort wird von einem Helden erzählt, der dachte, unverwundbar zu sein. Weil eine Prophezeiung es so sagte. Sein Schicksalsfaden – unzerreißbar, glaubte er. Doch seine Überheblichkeit hat ihn zerstört. Was von ihm blieb, ist nur eine Warnung.“

Vor dem Aufbruch beugte sie sich noch einmal zu Kleschbumtauch hinab, legte ihm die Hand auf die Schulter. „Du hast gut gekämpft, Klesch“, sagte sie sanft. „Du verdienst etwas Heilung.“ Der Ork grinste schief, das Zischen in seiner Stimme kaum unterdrückt. „Iszz nett von dir… danke.“

Die Sonne stand nun hoch, als die Gruppe die ersten Schritte in Richtung des geheimnisvollen Pfades tat – dorthin, wo Legenden zerbrochen wurden. Und wo vielleicht neue geschrieben würden.

Der restliche Morgen nach dem Angriff verlief still. Kein Wind, kein Vogelruf – nur das Rascheln von Schritten auf weichem Waldboden. Die Gruppe hatte das Dorf hinter sich gelassen und bewegte sich durch ein dichtes Netz aus Farn und alten Bäumen dem sagenumwobenen Fadenbruchpfad entgegen.

Xalfein lief meist am Rand, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Eine seiner langen Schriftrollen ruhte entrollt über dem Unterarm, während seine Finger mit feinem Pinselstrich an einer Karte arbeiteten. „Dieser Hang verläuft zu steil. Wenn wir den Pfad rekonstruieren wollen, muss die Geländebeschreibung angepasst werden“, murmelte er, kaum hörbar, und setzte eine neue Linie auf das Pergament. In kleinen, akkuraten Glyphen vermerkte er Zeit, Route, Umstände – ein Chronist inmitten einer lebendigen Legende.

Posy und Fenro nutzten die Reise für das, was ihnen am meisten lag: die Jagd. Während Posy sich mit seinem natürlichen Instinkt bewegte, war Fenro ein lautloser Schatten unter den Bäumen. Ihre Beute war mager, aber ausreichend. Kleschbumtauch sammelte mit brummendem Eifer Holz, Wasser und sogar einen fast heilen Kochtopf, den jemand in einer alten Baumhöhlung zurückgelassen hatte. „Hab‘ waszz gefund’n! Nifft mal szzo kaputt!“, verkündete er stolz.

Finn beobachtete Xalfein eine Weile, dann gesellte er sich zu ihm, schob neckisch die Braue hoch. „Wenn du noch ernster dreinschaust, beginnt das Pergament zu weinen.“ Der Schattenelf antwortete nicht sofort, doch ein kaum merkliches Lächeln zuckte über seine Lippen. „Ich nehme das als Fortschritt“, kommentierte Finn grinsend und spielte leise auf seiner Laute.

Sonea sammelte Kräuter am Wegesrand – nicht nur wegen ihrer Heilkraft, sondern auch um die Gedanken zu ordnen. Der Wald erzählte Geschichten, wenn man nur genau hinhörte.

Als der Tag dem Ende zuging und die Gruppe Rast machte, saß Xalfein nahe am Feuer, das Pergament zur Seite gelegt. Sein Blick fiel auf Habikan.

„Hmm.“, murmelte Xalfein, kaum lauter als das Knistern der Flammen. „Was in einer anderen Ebene geboren wurde, trägt andere Regeln in sich.“, dachte er. Nicht anklagend, sondern nüchtern – wie jemand, der Zahlen vergleicht und auf eine Unsicherheit stößt.

Die Rast hätte friedlich sein können – der Wald rund um den Pfad war still, das Licht weich und warm zwischen den Bäumen. Xalfein konnte keine bequeme Sitzposition finden. Er hatte sich an eine knorrige Wurzel gelehnt, die Arme verschränkt, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Seine Augen, schmal und wachsam, ruhten weiterhin auf Habikan. Die fremdartige Gestalt stand bewegungslos am Rand des Lagers, das leuchtende Auge halb verborgen im Schatten, der Kopf leicht zur Seite geneigt – als lausche er auf etwas, das nur er hören konnte.

Xalfein musterte ihn lange. Keine Bewegung zu viel. Kein Laut, kein hörbarer Atemzug. Nichts, das vertraut war. Sein Misstrauen wuchs nicht aus einem konkreten Anlass, sondern aus dem Fehlen jeglicher Anhaltspunkte. „Er schläft anders“, dachte er. „Er isst anders. Und selbst der Wald scheint ihn zu meiden.“

Ein trockener Ast knackte im Feuer und Xalfein spannte sich, wie ein Tier vor dem Sprung. Sein Blick wanderte zurück zu Habikan. „Was bist du?“, flüsterte er kaum hörbar in die Nacht, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Die Schatten antworteten nicht. Doch in ihm keimte eine Gewissheit: Diese Kreatur war kein Teil dieser Welt – und sie hatte sie dennoch betreten.

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