Das schlafende Dorf (Tag 6)

Nach der dramatischen Flucht vor den Kultisten beschloss die Gruppe, in das benachbarte Dorf zu reisen. Der Plan war klar: ausruhen, die Wunden versorgen und ihre nächsten Schritte beraten. Sonea übernahm die Führung. Sie kannte den Weg gut und erzählte unterwegs von dem Heckenhexer Eldryn, der Namensvetter ihres Bruders war und für seine Heilkünste und Weisheit bekannt gewesen war.

Schon auf dem Weg ins Dorf beschlich die Gruppe ein unheimliches Gefühl. Die Schatten der Bäume wirkten länger, das Zwitschern der Vögel verstummte. Dann sahen sie die ersten Tiere: Ein Reh lag auf der Seite, seine Flanken hoben sich kaum merklich. Eichhörnchen kauerten reglos auf Ästen, und selbst die Insekten schienen leblos. Kein Tier reagierte auf Rufe oder Berührungen.

Finn beugte sich zu einem Hasen hinab, schnippte mit den Fingern und summte leise – doch nichts geschah. „Das ist… nicht natürlich“, murmelte Sonea und strich einem Vogel sacht über das gefiederte Haupt. Der Körper blieb kalt und regungslos. Das bedrückende Bild verfolgte die Gruppe bis zum Waldrand, und als sie das Dorf Eldryn erreichten, fühlten sich ihre Schritte schwerer.

Sämtliche Häuser wirkten verlassen, als wäre das Dorf seit Monaten leer. Doch vor den Türen und Fenstern schliefen Menschen, zusammengekauert auf Strohbetten oder festgehalten im Alltag: Ein Schmied lehnte mit rußgeschwärzten Händen an seinem Amboss, eine Frau hielt noch ein halbgenähtes Kleid im Schoß. Manche Dorfbewohner lagen auf der Erde, Staub und Blütenstaub bedeckten ihre Körper wie ein leiser Schleier aus Zeit und Vergessen.

„Es ist… als würde die Zeit hier schlafen“, flüsterte Xalfein und betrachtete den leeren Dorfplatz mit scharfen Augen. Einige der Menschen wirkten, als hätten sie seit Wochen oder gar Monaten nicht geatmet – außer in ihrem unendlichen Schlaf.


Der Kristall im Herzen des Dorfes

Im Zentrum des Dorfes erhob sich ein mächtiger Baum, dessen dicke Äste ein weitreichendes Blätterdach formten. Doch der Blick der Abenteurer wurde von etwas anderem gefangen: In den Stamm des Baumes war ein Kristall eingelassen – groß und makellos wie polierter Quarz, in dessen Innerem ein flüchtiges Glimmen pulsierte wie das Herz eines träumenden Riesen.

Ein leichter Hauch ging von ihm aus, und die magische Aura war so dicht, dass sie die Haut der Gruppe prickeln ließ. „Ein Nexus-Kristall“, raunte Posy und trat ehrfürchtig zurück.

Finns Augen begannen zu leuchten. „Was, wenn wir sie mit Musik zurückholen? Vielleicht brauchen sie nur… eine Melodie, die sie daran erinnert, dass sie noch leben.“ Er zückte sein Instrument und spielte leise einige Töne an.

Bevor Finn das Lied vollenden konnte, krachte eine Tür am Rand des Dorfplatzes auf. Ein abgemagerter Mann taumelte heraus. Seine Haare waren strähnig, seine Augen rot und unterlaufen, aber trotz seines ausgezehrten Körpers strahlte er Entschlossenheit aus. Es war Eldryn, der Heckenhexer des Dorfes.

„NEIN!“ schrie er, und seine Stimme hallte über den Platz. „Sie müssen schlafen! Ihr dürft sie nicht wecken!“

Die Gruppe hielt inne, während Eldryn mit wackeligen Schritten auf sie zustürzte. „Sie finden uns… wenn ihr den Frieden brecht…“, flüsterte er verzweifelt und ließ sich gegen einen Baum sinken. Seine Worte wirkten wie die Warnung eines Mannes, der zu lange gegen etwas Unvorstellbares gekämpft hatte.

Sonea trat vor. „Eldryn… ich bin es, Sonea. Was ist hier geschehen?“

Eldryns Blick flackerte. „Sonea?“, hauchte er, bevor sein Gesicht sich wieder verhärtete. „Nein. Bleibt fern… der Kristall muss… er muss bewahren.“

Die Gruppe erkannte schnell, dass Eldryn nicht bereit war, den Bann aufzugeben. Seine fanatische Verzweiflung lähmte jede Verhandlung. Finn versuchte es mit Worten: „Hör zu, alter Mann – du kannst nicht alles unter diesem Fluch begraben lassen!“ Doch seine Versuche scheiterten, und Eldryn wurde immer panischer.

Fenro hob seinen Bogen, spannte die Sehne und schoss. Der Pfeil traf den Kristall präzise – ein scharfer Riss zog sich durch das glühende Herz des Steins, und das pulsierende Licht begann zu flackern.

Ein schriller Ton hallte durch das Dorf, als der Kristall brach. Eldryn schrie auf und stürzte auf die Gruppe zu. Doch bevor er sie erreichte, machte Posy einen weiten Schritt nach vorn und schlug Eldryn mit dem Knauf seines Schwertes nieder. Der Heckenhexer sackte bewusstlos zu Boden.

Sonea trat vor den Baum, unfähig, die Katastrophe aufzuhalten, aber entschlossen, ihre eigene Verbindung zu den Kristallen zu nutzen. Sie legte die Hände an den gesprungenen Stein und spürte, wie sich seine Energie unter ihren Fingern bewegte – wild, gebrochen, aber voller alter Kraft. Sie versuchte, die Magie zu bändigen und die Energie in sich aufzunehmen, doch die Beschädigung war zu schwer.

Ein hohes, durchdringendes Summen schwoll an, bis der Kristall mit einem lauten Knall in unzählige Splitter zerbarst. Glühende Fragmente regneten wie Sternenstaub zu Boden, während das magische Licht verblasste.


Das Erwachen des Dorfes

Zuerst geschah nichts. Dann regte sich ein Mann auf der anderen Seite des Platzes. Seine Finger zuckten, und er blinzelte verschlafen. Eine ältere Frau erhob sich vorsichtig, während ein Kind mit glasigen Augen zu seiner Mutter schaute.

Die Dorfbewohner begannen, aus ihrem Schlaf zu erwachen, als wäre ein Bann von ihnen genommen worden. Einige weinten, andere lachten, doch alle lebten.

Sonea blickte mit gemischten Gefühlen auf die Dorfbewohner. Sie waren frei – doch zu welchem Preis?

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