Audienz bei Padisha Al-Shafir (Tag 21)
Die schimmernden Hallen des Palastes waren in Aufruhr. Zwischen zerbrochenen Statuen, ausgelaufenen Luftblasen und splitternden Korallenornamenten regte sich das Leben wieder – langsam, stöhnend, blutend. Die psionische Präsenz, die eben noch wie ein Fluch in den Gedanken aller gebrannt hatte, war verflogen. Zurück blieben Stille und Verwüstung.
Sonea kniete neben dem gewaltigen, langsam atmenden Türram, dessen Panzer tiefe Kratzer aufwies, als wäre er durch eine Sturmflut aus Raserei und Krallen gezogen worden. Ihre Hände glühten schwach in grüner Magie, während sie Moos aus dem Gürtel zog und es in die Wunden drückte, wo es sofort zu wachsen begann.
„Er wird überleben“, murmelte sie. „Die Geister der See sind noch bei ihm.“

Habikan stand daneben, reglos wie eine Statue aus Glas. Sein leuchtendes Auge glomm. „Gebrochene Knochen, aber keine inneren Blutungen. Ein Wunder. Oder Glück. Oder beides.“
Nicht weit entfernt lag ein Ozeanriese – ein Krieger der Westgrate – mit dem Blick ins Leere und dem Schwert noch immer fest umklammert. Seine Wunde war zu tief, zu viel. Keine Heilung konnte das zurückholen, was ihm die Raserei genommen hatte.
Inzwischen hatte Xalfein die übergroßen Tore auf der Luftseite der Halle erreicht. Er legte die Hand an den Türknauf – kaltes Metall, salzig und von kleinen Seemuscheln überwachsen – und murmelte ein Wort in uralter elfischer Zunge. Ein Seufzen ging durch das Metall, dann öffnete sich der Durchgang in die Audienzkammer.
„Genug der Diplomatie“, zischte Xalfein. „Zeit, das Schauspiel zu stören.“
Finn trat an seine Seite, die Laute geschultert, doch die Hand am Dolch. „Na hoffentlich bringen wir die Pointe nicht zu früh, mein Freund der Schatten.“
Posy und Kleschbumtauch folgten – Posy mit dem Speer im Anschlag, Fuzz auf der Schulter fauchend, Kleschbumtauch mit funkelnden, schweigsamen Augen und dem Trident in den Händen. Der Ork hielt sich an der Waffe fest, wie ein Ertrinkender an einem Seil.
Sie traten ein.
Die Audienzkammer war still, würdevoll – ein Kontrast zur Halle des Chaos. Wasser wirbelte verspielt in der anderen, wassergefüllten Hälfte der Audienzkammer, in deren Mitte der Padishah vor einem Thron aus lebender Koralle stand, majestätisch trotz seiner blassen Haut. Neben ihm stand Varmûn mit verschränkten Armen, die Stirn angespannt. Gegenüber – mit dem Blick einer Raubkatze – stand sie.
Zamiis al-Qurasha, in Gold und Bernstein, wandte sich mit erschreckender Präzision um, als hätte sie ihre Ankunft gespürt.
„Dort!“ rief sie, ihre Stimme schnitt durch das Wasser wie ein Speer. „Das sind die Fremden, Padishah. Die Wanderer, vor denen ich Euch gewarnt habe!“
Der Marid vor dem Thron hob langsam eine Augenbraue. Finn verbeugte sich tief, mit einer Geste wie ein Tänzer vor dem Vorhang.
„Ah“, sagte er leichthin. „Ein interessanter Empfang. Wurden wir eingeladen – oder angeklagt? Ich verwechsel das manchmal.“
Der Padishah antwortete nicht. Seine Augen lagen wie versiegelte Tore hinter Schichten von Magie und Müdigkeit. Doch das Gewicht seines Blicks war deutlich. Die Luft war dick – wie vor einem Sturm. Die Bühne war bereitet.
Die Worte Zamiis’ hingen noch in der Luft, wie ein Netz aus silbernen Nadeln, als die Stimme des Padishahs erwachte.
Sie war kein Laut im herkömmlichen Sinne. Sie war eine Strömung, die durch Knochen schnitt. Eine Gezeitenwelle, die nicht nur Wasser, sondern auch Willen beugte.
„WIE KÖNNT IHR ES WAGEN, DIESE AUDIENZ ZU STÖREN?!?“
Die Stimme hallte nicht. Sie vibrierte im Innersten – nicht im Ohr, sondern im Herz. Sogar das Wasser um die Helden schien sich zu kräuseln, als hätte es selbst Schuld auf sich geladen.
Sonea, noch draußen, hob instinktiv den Blick. Habikan erstarrte. Finn zuckte leicht zusammen, doch seine Haltung blieb aufrecht – ein Schauspieler auf der Bühne, der sich durch Donner nicht aus der Rolle bringen ließ.
Kleschbumtauch packte den Griff seines Dreizacks fester. Posy knurrte dumpf, aber sagte nichts – sein Schweif zuckte.
Nur Xalfein atmete scharf ein.
Die Stimme des Padishahs traf ihn wie ein Dolch durch Schleier und Zeit. Plötzlich war er wieder dort – in der Dunkelheit von Menzoberranzan, wo Worte wie Peitschen wirkten. Wo man kniete, bevor man wusste warum. Wo Fehler mit Fleisch bezahlt wurden.
Er schwankte leicht, hielt sich am Türrahmen fest. Kalter Schweiß mischte sich mit salziger Strömung.
„Nicht… noch einmal…“, murmelte er.
Finn war es, der als Erster sprach. Mit einem etwas schiefen Lächeln, das eine trügerische Leichtigkeit zeigte. Er begann ein Netz aus Charme zu spinnen.
„Hoher Padishah, wir wagten, weil wir mussten. Wäre die Halle still geblieben, so hätten wir geschwiegen. Doch als Blut floss, als psionische Schatten züngelten – da wäre Schweigen Verrat.“
Zamiis trat vor, edel wie eine Statuette, ihre Stimme kontrolliert. „Ihr Wort ist süß wie ein Lied, Majestät. Doch Lieder sind leicht – schwer ist nur Wahrheit.“
„Dann mögt Ihr sie wiegen!“ konterte Finn, ohne seine Haltung zu ändern. „Wiegt meine Worte gegen Aqzhars wahre Gestalt, gegen das, was eure Halle verwüstet hat. Der Schleim seiner Auflösung klebt noch an unserem Schuhwerk, wenn Ihr prüfen wollt.“
Zamiis’ Augen verengten sich. „Leicht, zu dichten, wenn der Hörer bereits gestorben ist.“
„Noch leichter, den Sänger zu töten, bevor sein Lied bekannt wird“, parierte Finn. „Fragt euch selbst, wer ein Lied verhindern möchte. Und wer es mutig vorträgt.“
Ein Moment der Stille senkte sich. Der Padishah sah beide an, ohne zu blinzeln. Varmûn rührte sich nicht – doch sein Blick haftete nun ebenso an Zamiis wie an den Fremden.
Hinter Finn standen Posy und Kleschbumtauch. Der Barbar spähte mit leicht geneigtem Kopf zu Zamiis, schnupperte. „Die da riecht nach Algen. Und nach Angst.“
„Wird Szzeit, daszz einer mal die Lügen mit einer szzarfen Szzpitze prüft“, murmelte Kleschbumtauch. Er lispelte noch – aber das Bedrohliche lag nicht in seinen Worten, sondern in der Art, wie er seinen Dreizack hielt.
Doch sie hielten sich zurück. Noch.
Denn die Worte waren noch nicht zu Ende gesprochen. Aber das Knarren des Eises, bevor es bricht, war unüberhörbar.
Die Worte klangen noch nach – Finns letzter Satz lag in der Luft wie ein gezogener Dolch, schwebend zwischen Wahrheit und Anklage.
Und dann… veränderte sich etwas.
Quelsh, der stumme Dolmetscher, der stets wie ein Schatten hinter Zamiis gestanden hatte, regte sich.
Zuerst nur ein Zucken, kaum sichtbar, als würde sich eine Welle unter seiner Haut aufbauen. Dann ein leises, feuchtes Knarzen. Die Hülle platzte. Haut spannte sich und zeigte lange Risse. Darunter – kein Fleisch. Kein Blut. Etwas Dunkleres. Schleimig, pulsierend. Tentakel sprossen wie wurzelnde Gedanken aus seinem Schädel, während ein einziges, glutgelbes Auge sich öffnete und auf die Anwesenden richtete.

„Z…eit,“ krächzte er, seine Stimme tief, zerrissen, wie von vielen Kehlen gleichzeitig gesprochen, „diese Farce… zu beenden.“
Der Padishah schrie auf – ein rauer, gequälter Laut. Seine Hände schnellten an die Schläfen, als würde sein Schädel von innen brennen. Ringe aus psionischer Energie flackerten über den Boden.
Zamiis taumelte zurück, die Fassung löste sich. „Quelsh? Bei den Tiefen… was bist du? Was habt Ihr getan?!“
Quelsh – oder was immer er nun war – hob eine Klauenhand, aus der sich pure psionische Energie wie ein Spinnennetz spannte.
Ein Moment lang war da nur Stille.
Posy trat einen Schritt zurück, hob zwei Finger an die Schläfe – ein seltener Moment ernster Konzentration bei dem Stinktierbarbaren – und sandte einen mentalen Ruf an seine Gefährten:
„Sonea. Habikan. Jetzt. Jetzt! Es wird hier tentakelig!“
Xalfein warf seinen Mantel zur Seite. „Keine Worte mehr. Nur Wandlung.“ In einer fließenden Bewegung glitten seine Finger über ein runenverziertes Siegel, das sich sofort in eine schimmernde Kugel aus kaltem Licht verwandelte. Er schleuderte es direkt auf den entblößten Rumpf der Kreatur.
Finn drehte sich mit einem eleganten Schritt zur Seite, zog seinen Degen, sein linker Arm begann, in wirbelnden Bewegungen einen Zauber zu weben – ein Lied des Widerstands.
Kleschbumtauch schnaubte, die Muskeln spielten unter der narbigen Haut. „Endliff… effter Kampff!“
Er brüllte und stürmte los, den Dreizack wie eine Lanze nach vorne gerichtet.
Und Quelsh – das Ding, das vielleicht nie ein Triton gewesen war – öffnete sein Maul. Kein Schrei kam, sondern ein Schwall aus Gedanken: brennend, schneidend, flüsternd.
Die Schlacht hatte begonnen.
Ein nasses, knirschendes Geräusch durchschnitt das Getöse der Schlacht, als ein Tentakel sich blitzschnell um Posys Brustkorb schlang und ihn in die Luft riss. Die Ranken des Dings zitterten vor Kraft – man hörte das leise Knacken von Rippen. Posy japste nach Luft, die Waffe glitt ihm aus den Fingern. Fuzz fauchte schrill, doch sprang nicht – auch der Kater wusste, wann er warten musste.

Kleschbumtauch brüllte. Nicht aus Zorn – sondern aus klarer, zielgerichteter Wut. Er trieb seinen Dreizack in das zähe Fleisch der Kreatur. Immer wieder. Jeder Stoß war begleitet von einem kehlig-gepressten „MISZZT! VIEH!“ Seine Muskelstränge spannten sich wie Schiffstaue, während der Schleim und das zitternde Fleisch unter seinem Griff nachgaben.
Finn tanzte zwischen herumwirbelnden Strömungen, die Laute über dem Rücken, während seine Zunge spitz wie eine Klinge wurde. „Ist das eure wahre Gestalt? Ich habe Oktopoden mit mehr Stil gesehen!“
Seine Worte glimmten magisch auf, trugen Spott und Bann zugleich. Die Kreatur zitterte – doch dann hob sie beide Arme. Das gelbe Auge weitete sich. Ein Lautloses Dröhnen füllte den Raum.
Ein mentaler Sturm brach los.
Unsichtbare Klauen griffen nach den Gedanken der Helden. Sonea, gerade in die Halle geschlichen, fiel auf die Knie. Ihre Pupillen weiteten sich, während Bilder durch ihren Geist rasten: Fluten aus Blut, Sterne, die rückwärts brannten, Gesichter aus umgedrehten Spiegeln. Sie würgte, aber da war kein Wasser in ihrer Kehle – nur Verzweiflung.
Habikan hielt einen Moment stand, dann brach auch er zusammen, seine durchscheinende Form flackerte. Finn taumelte, fiel auf ein Knie, das Lächeln von seinem Gesicht gewischt. Xalfein schrie – ein raues, instinktives Geräusch, als uralte Narben in seinem Geist aufrissen wie Wunden.
Und Kleschbumtauch?
Stand einfach da. Blinzelte.
In seinen Gedanken war gerade ein Schmetterling gelandet – ein hübscher, orange-gelber, wie jener im Sumpf bei Grolm-Dun. „Huh“, murmelte er, „hübszz war der damalszz…“
Die psionische Welle glitt an ihm vorbei wie Regen an Fels. Er sah die Kreatur – zitternd, siegessicher, überheblich. Sie hatte ihre Feinde gebrochen. Oder glaubte es.
„Schluszz jetszz“, sagte Kleschbumtauch.
Dann trat er vor, hob den Dreizack mit einer Ruhe, die beunruhigender war als jeder Schrei, und rammte ihn der Kreatur mit einem dumpfen Schmatzen mitten durch das pulsierende Auge in ihren Schädel. Sie zuckte. Doch er hielt nicht inne.
Er stieß nach.
Und noch einmal.
Ein knochiges Krachen hallte zwischen den Säulen.
Die Tentakel fielen schlaff zu Boden. Das Ding wankte, zuckte – und brach zusammen. Ein letzter Zischlaut entwich seinen Kiemen. Dann: Nichts mehr.
Nur Kleschbumtauch, der seinen Dreizack aus dem leblosen Fleisch zog, sich umsah – und murmelte: „Warszz daszz?“



