Habikan

Der Traumwächter

Dunkelheit. Ein endloses, wogendes Nichts, in dem Erinnerungen flüstern und Gedanken sich verfangen wie Treibgut in einer stillen Strömung. Dann – ein Licht, sanft, flackernd, geboren aus Schmerz und Sehnsucht.

Eldryn, der alte Heckenhexer der Cerviden, träumt. Und in diesem Traum formt sich eine Gestalt.

Nicht aus Fleisch, nicht aus Blut, sondern aus seinem Willen, nicht zu zerbrechen. Aus der Verzweiflung, seine Wunde zu verschließen. Ein Wesen, geformt aus fragmentierten Bildern, aus halben Erinnerungen, aus Emotionen, die keinen Namen haben. Es erhebt sich, unfassbar und doch da, ein Anker in der Leere.

Die Wunde in Eldryns Geist ruft, ein offenes Tor, durch das etwas entweichen will – oder eindringen. Doch die Gestalt steht dazwischen, hält die Ströme in Schach, stabilisiert das, was zu zerreißen droht. Sie ist ein Wächter, ein Schild gegen das Unbekannte, eine Antwort auf eine stumme Bitte.

Und sie wartet.

Wartet darauf, dass Eldryn geheilt wird. Oder stirbt. Darauf, dass die Fäden, die sie an diesen Ort binden, gelöst werden. Dann wird sie frei sein – um selbst zu entscheiden, wohin ihr Weg führt.

Die Gruppe begegnet Habikan

Die astrale Ebene war eine Welt aus formloser Weite, durchzogen von strudelnden Nebeln und schimmernden Lichtern, die mal fern, mal nah zu sein schienen. Als die Abenteurergruppe Eldryns Spur folgte, erreichten sie schließlich einen Ort, an dem sich das Gewebe dieser Ebene verzerrte. Ein Riss, unsichtbar für das Auge, aber spürbar für die Seele, pulsierte in der Leere.

Und dort, direkt an dieser Grenze zwischen Ordnung und Chaos, stand eine Gestalt.

Sie war groß, aber nicht riesig. Schlank und leicht durchscheinend, als wäre sie mehr aus verdichteter Magie als aus Fleisch und Knochen. Ihr Körper schien mit der astralen Strömung zu verschmelzen, ohne dabei an Greifbarkeit zu verlieren. Ihr Kopf war gezackt, ihre Konturen weich, als würde ihre Form nicht ganz stillstehen.

Ein einzelnes Auge glühte aus der Dunkelheit ihres Gesichtes – gelb mit einer roten Iris, ruhig und durchdringend. Doch es war kein allwissender Blick, kein göttliches Leuchten. Es war das Auge eines Wesens, das wachte, das seine Pflicht kannte und seinen Platz in der Welt verstanden hatte. Ihr Mund war dünn, breit, zu einem undeutbaren Grinsen verzogen, das weder Bedrohung noch Einladung war.

Ihr Gewand war von feiner, alter Handwerkskunst – eine weiße, lange Robe mit sanften Verläufen in Rosa und Violett, an deren Säumen zarte goldene Ketten hingen. Rote Blumen waren in den Stoff eingewoben, als Zeichen eines vergangenen Versprechens oder einer Bedeutung, die nur sie kannte. Ein weiter Mantel fiel über ihre Schultern, halb aus Stoff, halb aus der Essenz des Astralen selbst. Als sie ihren breiten, mit Federn geschmückten Hut leicht hob, war es keine Drohung – sondern eine Geste des Bewusstseins, eine stille Begrüßung.

Die Abenteurer blieben wachsam, aber die Gestalt machte keine Anstalten, sich gegen sie zu erheben. Sie sprach nicht in Worten, sondern durch ihre Haltung, durch das kaum merkliche Zittern der Ebene um sie herum. Sie war nicht hier, um sie zu prüfen oder zu vertreiben – sie war hier, um die Wunde zu bewachen. Und in diesem Moment, als sie die leichten Risse in der Umgebung spürten, als die Kraft der Ebene unruhig zu flackern begann, verstanden die Abenteurer, dass die Wunde nicht nur stabilisiert, sondern verschlossen werden musste.

Sie beschlossen, zu helfen.

Die Gestalt führte sie wortlos, doch verständlich. Magische Energien mussten umgeleitet werden, astrale Ströme neu geformt. Die Abenteurer wirkten Zauber, errichteten Runen, kanalisierten ihre eigene Kraft, um den Riss in Eldryns Traum zu versiegeln. Und während sie arbeiteten, wuchs das Zittern um sie herum. Ein leises Zischen kroch durch die astrale Leere.

Etwas war aufmerksam geworden.

Aus dem nebelhaften Nichts tauchten schlangenartige Wesen auf, Ätherwyrmlinge, mit glitzernden, flüssigen Leibern, deren Formen sich mit jeder Bewegung veränderten. Sie waren keine Bestien mit böser Absicht – sie waren Parasiten der astralen Strömungen, angezogen von den Schwächen im Gewebe der Realität. Und jetzt, da die Wunde versiegelt wurde, waren sie bereit, sich daran zu nähren.

Der Kampf begann, bevor jemand ihn ankündigen konnte.

Die Krieger der Gruppe hieben mit Schwertern nach den glitschigen Körpern, während Magier Energiestrahlen durch die Schwärze schleuderten. Doch die Ätherwesen waren schwer zu treffen, bewegten sich mit der Leichtigkeit von Schatten und Wasser zugleich. Dann griff auch die Gestalt ein.

Sie bewegte sich geschmeidig, die goldenen Ketten an ihrer Robe klirrten kaum hörbar, während sie zwischen den Kreaturen hindurchglitt. Ihr langer Mantel wirbelte wie Rauch um sie herum, während ihre Klauen mit präzisen Bewegungen durch die Wesen schnitten. Kein übermächtiger Zauber, keine göttliche Macht – nur eine gelernte Anmut im Tanz zwischen Angriff und Ausweichbewegung. Ihr Dolch blitzte auf, ein schlankes, geschwungenes Stück Metall, das mehr nach einem alten Ritualwerkzeug als nach einer Waffe aussah.

Zusammen mit der Gruppe gelang es ihr, die Ätherwyrmlinge zurückzudrängen. Die letzten Reste der Kreaturen zogen sich zurück, ihre leuchtenden Formen verblassten in der Ferne. Die Wunde war geschlossen, die Ebene beruhigte sich.

Als die Gruppe sich umsah, war die Gestalt noch da, doch ihre Konturen schienen noch ein Stück schwächer geworden zu sein. Das rote Auge musterte sie, nicht mehr mit der unerschütterlichen Ruhe von zuvor, sondern mit einem Hauch von Erkenntnis. Vielleicht war sie nun weniger ein Wächter und mehr ein Verbündeter.

Eldryns Wunde war verschlossen – und mit ihr vielleicht auch der Zweck, für den die Gestalt einst geschaffen wurde. Doch eines war sicher: Sie ist nicht mehr allein.