Die Gilde der blinden Meeresriesen

Die Höhle verschluckte jedes Geräusch, kaum dass man den letzten Schimmer offenen Wassers hinter sich ließ. Kein Echo antwortete auf Schritte, nur ein dumpfes, schweres Schweigen lag in der Finsternis, als lausche der Stein selbst.

Der Boden fiel in Abgründe ab, so tief, dass selbst das Wasser sein Ende nicht verriet. Über diese Leere spannten sich schmale Pfade aus uraltem Fels, ausgewaschen von Jahrhunderten langsamer Strömungen. Ein Fehltritt – und nichts hätte den Fall aufgehalten.

Zwischen den Abgründen standen sie. Reglos. Groß wie lebende Säulen. Ihre Körper wirkten wie aus der Dunkelheit selbst gehauen, nur hier und da von kaltem, bläulichem Leuchten umspült, das aus Rissen im Gestein oder aus fremdartigen Algen sickerte. Ihre Augen waren leer. Manche nur milchig, andere vollständig zerstört, vernarbt oder von rituellen Zeichen umrahmt.

Trotzdem hatte man nie das Gefühl, unbeobachtet zu sein. Im Gegenteil – es war, als würde jede Bewegung, jeder Gedanke eine Welle durch das Wasser senden, die sie unweigerlich erreichte. Wenn man innehielt, taten sie es auch. Wenn man zögerte, spannte sich etwas Unsichtbares in der Höhle an, wie eine Strömung kurz vor dem Umschlag.

Sie sahen nicht – und doch schien ihnen nichts zu entgehen. Ihre Stimmen, wenn sie sprachen, kamen nicht von einem Ort. Worte lösten sich aus der Dunkelheit, trieben durch das Wasser, überquerten die Abgründe mühelos. Es waren keine Fragen, sondern Feststellungen. Keine Drohungen, sondern Gewissheiten. Sie sprachen von Tiefe, von Druck, von Dingen, die lange vor Licht und Oberfläche existiert hatten. Zeit war für sie kein Fluss, sondern ein Wirbel.

Zwischen ihnen hingen Ketten aus Koralle und schwarzem Stein, schwer von Symbolen und Dingen, die man besser nicht erkannte. Manchmal murmelte einer leise vor sich hin, als halte er etwas Gefährliches zurück, das unbedingt gehört werden wollte. Manchmal antworteten mehrere zugleich, vollkommen synchron, als spräche die Höhle selbst.

Der Weg durch ihre Reihen fühlte sich an wie ein Gang über dünnes Eis – nur dass darunter kein kaltes Wasser lauerte, sondern Wissen. Wissen, das nicht für Sterbliche gedacht war. Wissen, das Blicken den Verstand kosten konnte. Während man vorsichtig über die schmalen Pfade schritt, mit den Abgründen zu beiden Seiten, wurde eines unausweichlich klar: Blindheit war hier kein Verlust. Sie war der Preis, den man zahlte, um tiefer zu sehen als irgendjemand sonst.