Kampf gegen die Diebe (Tag X)

Im Labyrinth des Abwassersystems hing der Geruch von Moder und altem Schlamm schwer in der Luft. Die Helden hatten die Diebe des Herz von Geltuth bis hierher verfolgt. Das Herz, eigentlich ein riesiger Speer, geschnitzt aus dem Knochen eines Leviathan. Nun standen sie am Rand einer weiten Halle in der alle Kanäle des Palasts zusammenzulaufen schienen. Wasser lief träge und schwarz an den Wänden entlang und sammelte sich knöcheltief am Boden.

Finn trat einen Schritt vor, seine Stimme hallte zwischen den Steinsäulen wider:
„Meine Freunde! Da ist doch sicher ein Missverständnis im Spiel. Legt den Speer nieder und niemand kommt zu Schaden.“

Die Kuo-Toa verharrten, ihre glasigen Augen glänzten im schummrigen Licht. Einige schienen nervös, andere knurrten und fuchtelten mit Speeren und Netzen. Sie hatten sich in kleinen Grüppchen verteilt, wahllos, wie es schien – doch eine Barrikade aus Holz und Geröll in der Mitte des Raums verriet, dass sie nicht unvorbereitet waren.

„Taktik? Nein,“ murmelte Xalfein leise, seine Lippen verzogen sich zu einem sardonischen Lächeln. „Doch sie hoffen, Zeit zu schinden. Dort hinten …“ – sein schlanker Finger deutete auf eine erhobene Plattform am Ende der Halle – „… das ist Portalmagie. Jemand versucht wohl zu entkommen.“

Posy schob sich nach vorne, seine buschige Schweifspitze zuckte nervös. Fuzz, der regenbogenfarbene Kater, knurrte leise. „Die wollen den Speer verschwinden lassen? Aber das ist doch unser Beute-Ding!“

„Beute? Es ist ein uraltes Relikt, Kind,“ korrigierte Xalfein spitz.

Sonea legte beschwichtigend die Hand auf Posys Arm. Ihr Geweih glänzte schwach im fahlen, bläulichen Licht der Lampenkristalle. „Gewalt muss nicht die Antwort sein. Vielleicht können wir sie überzeugen …“

Finn zwinkerte ihr zu, griff nach den Saiten seiner Laute und schlug eine helle Melodie an, die wie ein Stück Sonnenlicht durch die Finsternis drang. „Genau das versuch ich ja! Aber ob sie Ohren für meine Lieder haben, frage ich mich…“

Ein besonders großer Kuo-Toa zischte etwas in seiner eigenen Sprache, seine Anhänger antworteten mit kehligen Lauten. Die Nervosität stieg.

„Wir sollten auf Kleschbumtauch warten,“ schlug Sonea hastig vor. „Falls es zum Kampf kommen sollte, würde ich mich mit ihm an unserer Seite wohler fühlen.“

„Ha!“ Xalfeins Augen verengten sich, während er das leuchtende Flimmern der Runen auf der Plattform fixierte. „Warten kostet uns den Speer. Ohne ihn verlieren wir mehr als nur das Relikt. Wir verlieren Einfluss.“

Ein Moment der Stille hing in der Luft – die Barrikade, die Plattform, die glitschigen Leiber der Kuo-Toa. Alles spannte sich wie ein Netz aus Möglichkeiten.

Finn trat noch einen Schritt vor, breitete die Arme aus. „Also? Was wird’s sein? Ein friedlicher Tausch? Oder wollt ihr hören, wie meine Laute klingt, wenn sie in euren Köpfen zerspringt?“

Die Antwort kam nicht in Worten. Sie kam in einem plötzlichen Schrei, der von der Barrikade widerhallte.

Die Anspannung zitterte in der Luft wie ein gespanntes Seil, kurz bevor es reißt.


Unter dem Hall der Steingewölbe explodierte die Spannung in einem plötzlichen Aufeinandertreffen. Die Kuo-Toa stürmten aus ihrer Deckung hervor, ihre Schuppen glitschig, ihre Speere blitzend im fahlen Kristalllicht.

Sugureta Kyūkaku war der Erste, der sich in Bewegung setzte. Mit einem Brüllen, das wie das Knirschen brechender Korallen klang, sprintete er an der Wand entlang. Seine Klauen fanden Halt im bröckelnden Mauerwerk, sein blinder Blick nach vorn gerichtet, als er sich mit einem mächtigen Satz in die Reihen der Fischwesen warf. Die Gegner taumelten zurück, überrascht von der plötzlichen Gewalt des Galeoni.

Sonea breitete ihre Arme aus, und ihr Körper löste sich in ein Geflecht aus Federn. Ihr Körper schrumpfte, ihr Gesicht wurde zum scharfen Schnabel einer Eule. Lautlos glitt sie über die Köpfe der Kämpfenden hinweg, bis sie die hintere Plattform erreichte. Dort landete sie hart, verwandelte sich zurück in ihre cervidische Gestalt und hob die Hände. Ein Sturm aus Schnee und Eis brach hervor, fegte über den zaubernden Kuo-Toa und seine Begleiter hinweg und ließ seine Runen flackern und verlöschen. Das entstehende Portal erstarb im Aufheulen gefrorener Magie.

Doch auf dem Hauptfeld des Kampfes wendete sich das Blatt. Fuzz, Posys treuer Kater, hatte sich mit fauchender Wildheit in das Gesicht eines Kuo-Toa gekrallt. Der Gegner schlug panisch um sich, bis eine Keule den kleinen Körper traf. Mit einem dumpfen Laut flog Fuzz in das knöcheltiefe Abwasser, wo er reglos liegen blieb. Posys Schrei hallte durch den Raum.

„Genug gespielt!“ rief Xalfein, seine Stimme triefend vor Sarkasmus und Zorn. Ein Funken sprang von seinen Händen, dann entfaltete sich ein Feuerball mitten in der behelfsmäßig errichteten Barrikade. Holz und Möbelteile sowie mehrere Kuo-Toa verwandelten sich in ein Inferno. Der Knall schleuderte Splitter durch den Raum, die Feuchtigkeit zischte im Feuer, und ein beißender Rauch breitete sich aus.

Doch aus einem Nebengang erklang hektisches Platschen. Ein Kuo-Toa hämmerte auf eine kristallene Konsole ein, deren Runen zu glimmen begannen. Plötzlich erloschen die bläulich schimmernden Lampen ringsum, und der Raum versank in fast völlige Dunkelheit.

„Das ist mein Auftritt!“ rief Finn, noch immer lächelnd, auch wenn Schweiß auf seiner Stirn stand. Mit einem Fingerschnippen verschwamm er in purpurnem Licht und tauchte neben der Konsole wieder auf. „Na, was haben wir denn hier?“ Ein farbiger Blitz aus seiner Hand fuhr in die Kuo-Toa – doch noch ehe er sich rühmen konnte, krachte ein Knüppel gegen seinen Kopf. Blut spritzte, und Finn sackte benommen zusammen, bevor er mit einem weiteren Schlag brutal zu Boden ging.

Oben auf der Plattform verhedderte sich Sonea in einem Netz, das ein Kuo-Toa geistesgegenwärtig warf. Sie taumelte, fiel über die steile Treppe hinunter, und der Aufprall ließ ihr Bewusstsein verlöschen. Sofort packten sie mehrere Kuo-Toa, zogen sie fort, während ihr Körper schlaff hin und her schlug.

Sugureta, noch immer mitten im Nahkampf, brüllte erneut und holte zu einem schnellen Schwertstreich aus – doch ein Rohr an der Decke öffnete sich unvermittelt. Ein Schwall stinkendes Abwasser riss ihn von den Füßen. Sofort ergriffen die umstehenden Kuo-Toa ihre Chance und prügelten auf den blinden Galeoni ein.

Die Helden waren erschöpft, zerstreut, manche am Boden, andere gefangen. Überall zischten Funken, Wasser plätscherte, Rauch brannte in den Augen. Das Herz von Geltuth lag noch immer in den Händen der Kuo-Toa.

Die Lage war düster. Und das Licht der Kristalle war erloschen.


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