Das Chaos bricht aus (Tag 2)
Die nächtliche Reise zieht sich, die Zeit schleicht träge dahin, während das monotone Rumpeln der Räder und das Knarzen der Käfige euch begleitet. Kurz vor Sonnenaufgang wird die Karawane erneut zum Halt gebracht. Dieses Mal geschieht etwas Ungewöhnliches: Ein einzelner Reiter in einer prachtvoll verzierten Kutte taucht aus der Dunkelheit auf. Die Verzierungen seiner Kleidung glitzern im fahlen Mondlicht, und sein selbstsicheres Gehabe macht deutlich, dass er ein höhergestelltes Mitglied des Kults sein muss. Über seinen Rücken hängt ein langes Schwert mit einem seltsam pulsierenden Edelstein im Knauf.
Die Wächter der Karawane empfangen ihn schweigend, doch als er eine neue Kiste überbringt, entbrennt eine lautstarke Diskussion in der fremden, unverständlichen Sprache der Kultisten. Die Spannung in der Luft ist greifbar, als der Anführer der Karawane widerspenstig wirkt, seine Haltung steif und seine Gesten abweisend. Doch der hochrangige Kultist setzt sich letztlich durch, verleiht seiner Forderung Nachdruck mit einer knappen, eindringlichen Geste. Schließlich wird die Kiste widerwillig in den zentralen Wagen geladen, und der Kultist reitet ohne ein weiteres Wort davon.
Die Stimmung kippt. Die Wächter murmeln untereinander in nervösen Tönen, ihre Bewegungen sind hektischer als zuvor, und ihr spürt, wie sich ein schleichendes Gefühl von Unheil in eure Köpfe gräbt. Das Ziehen zu den Kisten hat sich verstärkt, doch nun ist es von einer kalten, stechenden Angst begleitet, die euch nicht loslässt.
Als die Karawane aus dem Wald tritt und in die karge Ebene hinausrollt, wird die Welt offener, doch nicht weniger bedrückend. Der Boden ist trocken und rissig, der Horizont von einer unwirklichen Dämmerung erfüllt, die den herannahenden Tag nur zögerlich ankündigt. Plötzlich – wie aus dem Nichts – beginnt die Luft zu flimmern. Ein tiefer, pulsierender Ton wie aus einer fernen Welt hallt über die Ebene, und kleine Portale öffnen sich, als würde die Realität selbst zerrissen. Aus diesen wabernden Öffnungen treten Kreaturen, die wie Tieflinge aussehen, doch ihre Gestalten sind grotesker, monströser, durchzogen von dämonischen Merkmalen: glühende Augen, ledrige Flügel, knochige, verzerrte Gesichter und Klauen, die nach Blut dürsten.
Das Chaos bricht aus.
Die Tieflinge greifen mit einer Wildheit an, die nichts Menschliches an sich hat. Die Wächter versuchen, ihre Positionen zu halten, doch die Angreifer sind zu schnell, zu brutal. Einer nach dem anderen fällt unter den Klauen und Zähnen der Dämonen. Ein Wagen wird mit solcher Wucht umgestürzt, dass seine Ladung über die Ebene verstreut wird. Ein anderer verliert die Kontrolle und stürzt über eine nahe Klippe hinab ins tosende Meer. Schreie erfüllen die Luft, gemischt mit dem Klang von Klingen, gebrochenem Holz und einem bedrohlichen Flüstern, das scheinbar aus den Portalen selbst kommt.

Der Kampf mit den Tieflingen entbrannte mit unerbittlicher Härte, und die Karawane wurde in einem Chaos aus Schreien, Flammen und zersplittertem Holz zerrissen. Der Käfigwagen mit den Abenteurern geriet ins Wanken, als ein flammender Angriff eines Tieflings den Boden unter den Rädern zum Bersten brachte. Mit einem lauten Krachen stürzte der Wagen um und blieb auf der Seite liegen, Staub und Splitter wirbelten durch die Luft.
Fenro, der Garoul, nutzte die Gelegenheit. Mit roher Kraft und einem heiseren Knurren riss er ein lockeres Brett aus dem Boden des Wagens, der jetzt eine provisorische Seitenwand war. „Raus hier, jetzt!“ rief er, während er die improvisierte Öffnung freigab.
Die Gefangenen waren einen Moment lang wie gelähmt, bevor der Überlebensinstinkt sie packte. Tialle, die Halbelfe, stieß einen panischen Schrei aus und rannte ohne nachzudenken ins Freie. Iysha folgte ihr, stumm, aber mit weit aufgerissenen Augen. Beide liefen um ihr Leben, doch die Tieflinge waren überall. Zwei der dämonischen Kreaturen stürzten sich auf die Flüchtenden, ihre Klauen und ledrigen Flügel im Morgengrauen unheimlich leuchtend. Die Schreie von Tialle und Iysha hallten noch kurz auf, bevor sie abrupt verstummten.
Zurück blieben die Abenteurer und die düstere Erkenntnis, dass das Chaos des Kampfes ihre einzige Chance zur Flucht bot – aber auch, dass nicht alle diese Chance nutzen konnten.
Es ist schnell klar, dass die Tieflinge es auf die Kisten abgesehen haben. Sie reißen sie aus den Händen der Wächter, brechen Verschlüsse mit Leichtigkeit auf und verschwinden genauso plötzlich, wie sie erschienen sind, durch dieselben flimmernden Portale. Nur die Leere und die Schrecken ihrer Zerstörung bleiben zurück.
Als der Kampf endet, bleibt eine verstörende Stille. Die Kultisten, die überlebt haben, liegen schwer verletzt am Boden, noch zu erschöpft, um Widerstand zu leisten. Die Karawane ist zerschlagen, ihre Struktur in Trümmern.
Die Stille, die nach dem Verschwinden der Tieflinge einkehrte, war gespenstisch. Die zerstörte Karawane lag wie ein Mahnmal des Chaos da – Käfige umgestürzt, Wägen zerschmettert, der Boden übersät mit Splittern, Blut und Asche. Aus dieser Trümmerlandschaft krochen fünf Kultisten, schwer verwundet und blutüberströmt, langsam zurück ins Leben. Ihre Bewegungen waren mühsam, und ihre Masken hingen schief oder waren zerschmettert, wodurch einige von ihnen blass und entkräftet wirkten.
Fenro sah seine Chance. Mit einem Knurren, das aus tiefster Wildheit kam, stürzte er sich auf einen benommenen Kultisten, dessen Versuche, sich zu verteidigen, kläglich scheiterten. Ein schneller Krallenhieb und der Kultist ging leblos wieder zu Boden. Die übrigen Kultisten erkannten die Gefahr, richteten sich mit wackeligen Beinen auf und griffen an, ihre Bewegungen jedoch durch ihre Verletzungen verlangsamt. Fenro, in seiner Wildheit entfesselt, wich keinem Schlag aus, sein Instinkt trieb ihn zu einer gnadenlosen Offensive.
Finn, der Barde, und Xalfein, der Dunkelelf, beobachteten den Kampf aus sicherer Entfernung. Finn hielt sich zurück, seine übliche Leichtigkeit verschwunden, als er die Brutalität der Szene sah. Xalfein hingegen versteckte sich hinter einem Felsen, während seine scharfen Augen jede Bewegung analysierten.
Aus den Schatten trat Sonea hervor, die Cervidin, ihre Gestalt eine Mischung aus Eleganz und Entschlossenheit. Sie hob die Arme, ihre Stimme klang fest und eindringlich, durchdrang die angespannte Luft wie ein Windstoß: „Genug! Hört auf, ihr bringt nur mehr Tod und Zerstörung in diese Welt!“ Ihre Augen wanderten zwischen den Kultisten und Fenro hin und her, suchten nach einem Funken Vernunft. Doch weder die zornentbrannten Kultisten noch der wild entschlossene Fenro zeigten Anzeichen, ihre Angriffe zu stoppen.
Es dauerte nur wenige Momente, bis die Auseinandersetzung ein blutiges Ende fand. Die Kultisten, geschwächt und verzweifelt, hatten keine Chance gegen die rohe Kraft und Wildheit von Fenro. Einer nach dem anderen fiel unter seinen Hieben, bis schließlich Stille einkehrte – nur unterbrochen vom schweren Atem des Garoul, der über den Leichen der Kultisten stand.
Sonea blickte auf die Szene, ihr Gesicht eine Maske aus Entsetzen und Trauer. „Das hätte anders enden können…“, murmelte sie, während Fenro, noch immer in seiner Wildheit gefangen, ihren Blick auswich und sich stattdessen auf die restlichen Gefangenen konzentrierte.



Anda
Moment, Fenro hat gar nicht geschrien, aber er ist den zwei Damen auch nicht im Weg gestanden als sie aus den Wagen raus wollten.