Xalfeins Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)


Stille herrschte in der großen Halle der Gedanken. Jedenfalls für Xalfein.

Um ihn herum summten arkan geladene Geräte, Runen flackerten in schwebenden Kreisen, Worte in Hochdrow wurden geflüstert und befohlen, Magier der verschiedensten Häuser bewegten sich mit stillem Hochmut von Station zu Station. Und doch klang das alles für ihn wie durch Wasser gehört – verzerrt, dumpf, fern.

Er stand an einem Tisch. Glatt polierter Onyx, wie alles hier. Vor ihm ein Apparat, filigran und doch massiv: Ein gläsernes Gefäß, zylindrisch, gefüllt mit schimmernder, türkisfarbener Flüssigkeit. Darin – schwebend wie Sporen im Licht – Nexus-Kristalle. Drei.

Der Apparat war mit drei Schlössern versehen – keine gewöhnlichen. Jede dieser Sicherungen war von Runen umgeben, die in einem Rhythmus pulsierten, den Xalfein kannte. Oder kennen sollte.

Er schloss die Augen. Ein Fehler. Der Nebel kam sofort.

Dicke Schwaden aus Nichts, die sich durch seine Gedanken zogen. Er wusste, dass er diese Runen entschlüsseln konnte – früher. Doch jetzt entglitten ihm selbst einfache Zeichen. Wörter wirkten fremd, ihre Struktur unklar. Jedes zweite Symbol verschwamm. Sein Blick auf die danebenliegenden Schriftrollen brachte keine Klarheit – nur Frustration.

„Der dritte Knotenpunkt reagiert invers auf…“, murmelte er vor sich hin, stockte – und blinzelte.

Was reagiert? Was bedeutete das noch mal?

Er konnte kaum glauben, wie sehr ihn das quälte. Unwissenheit – das war keine Bürde, das war ein Gefängnis. Und er war mittendrin.

Seine Hände zitterten leicht. Nicht vor Angst. Vor Wut.

Die Kristalle im Apparat glommen schwach. Nur für ihn sichtbar. Und sie schienen ihn… zu verhöhnen.

Er betrachtete das Glasgefäß erneut. Die Kristalle darin schwebten wie geisterhafte Gedankenfragmente. So nah. So unerreichbar.

Er spürte, wie sich in ihm ein dunkler Drang regte. Stoß es um. Zerbrich es. Wenn du es nicht lösen kannst, dann zerstör es.

Aber selbst in seinem benebelten Zustand war da noch eine Reststimme der Vernunft: Was, wenn die Flüssigkeit ätzend ist? Oder instabil? Oder – schlimmer noch – intelligent?

Er unterdrückte ein Knurren, dann hob er die Hand.

Mit lauter, klarer Stimme – zumindest klang sie für ihn so – rief er nach Unterstützung. „Studiengruppe der vierten Ordnung. An meinen Tisch.“

Es dauerte nur Augenblicke, bis etwa zwanzig junge Drow – Schüler, Assistenten, Aspiranten – herbeiströmten. Ihre Augen funkelten mit Ehrgeiz, Unsicherheit, Angst. Sie bildeten einen Halbkreis um den Tisch, der Apparat spiegelte sich in ihren Blicken.

„Ihr werdet dieses Rätsel lösen“, sagte Xalfein und stemmte sich auf den Tisch. „Die Runen. Die Sicherungen. Alles. Wenn ihr versagt, braucht ihr nicht mehr hier aufzutauchen.“

Ein Raunen ging durch die Gruppe. Der vorderste, ein junger Mann mit silbernen Augen und einem streng gebundenen Zopf, trat vor.

„Ehrwürdiger Magister… das ist eine… Herausforderung der Oberstufe. Es wird Zeit brauchen.“

Xalfein verzog das Gesicht. Zeit. Das hatte er nie gern gehört.

Aber die Worte des Studenten waren klar – schmerzhaft klar inmitten seines eigenen Denknebels. Sie sehen, was ich nicht mehr sehe.

„Ihr habt bis zur vierten Dämmerungsschicht“, knurrte er. „Ich erwarte Ergebnisse.“

Er wandte sich ab – und schwankte.

Die Hallen waren ein Labyrinth, das ihm einst vertraut gewesen war. Jetzt führte ihn jeder Korridor in Zweifel, jedes Wandrelief in die Irre. Drei Mal musste er sich neu orientieren, bis er endlich vor seiner Tür stand. Sie öffnete sich zögerlich, als müsste sie sich erst vergewissern, dass er noch der war, für den sie sich öffnen sollte.

Drinnen: Düstere Eleganz, Regale voller Bücher – doch kein einziges las er. Er ließ sich auf einen gepolsterten Stuhl fallen, starrte ins Nichts.

Was, wenn sie es auch nicht schaffen?

Was bleibt einem Geist, wenn das Denken selbst bröckelt?

Zeit wurde zu einer Flüssigkeit, die ihm durch die Finger rann. Die Tage begannen gleich, endeten gleich – ein eintöniger Strom aus Nebel und enttäuschtem Stolz.

Xalfein erschien täglich in der Halle, sein Mantel stets perfekt, seine Haltung makellos. Aber sein Blick schweifte. Details entglitten ihm. Namen vergaß er, Gesichter verschwammen. Und doch kam er – um zu beobachten. Um zu urteilen.

Woche um Woche verstrich.

Einmal – daran erinnerte er sich mit trüber Klarheit – hatte der junge Student mit den silbernen Augen ihm gemeldet: „Erstes Schloss geöffnet, Ehrwürdiger. Wir konnten den Strukturellen Verankerungscode durch ein Resonanzmuster destabilisieren.“

Nur noch zwölf waren sie da. Acht hatten aufgegeben. Manche heimlich verschwunden. Andere wortlos zusammengebrochen.

Xalfein nickte damals nur. Vielleicht sagte er auch etwas. Vielleicht auch nicht.

Zwei weitere Monate vergingen.

Ein Riss ging durch die Halle – nicht real, sondern in der Ordnung. Einer der Studenten hatte das zweite Schloss geöffnet. Eine triumphale Geste, die sich in einen Schrei verwandelte, als die Flüssigkeit aus dem Behältnis hervorschoss, wie ein lebender Schleier.

Vier starben. Ihr Fleisch verdampfte, bevor ihre Knochen den Boden erreichten.

Drei weitere schrien noch Tage später. Einer hatte die Sehkraft verloren. Eine konnte nicht mehr sprechen. Der letzte… murmelte ständig von Farben, die keine Namen hatten.

Xalfein betrachtete die entleerte Kammer. Die Kristalle schwebten nun frei – und doch unerreichbar. Noch immer umfangen vom dritten Schloss, dem innersten Siegel.

Drei weitere Monate vergingen.

Der Student, dessen silbernen Augen inzwischen eher an stumpfes Grau erinnerten und der mittlerweile alt wirkte, matt und gezeichnet – trat vor ihn.

„Ehrwürdiger… Wir sind gescheitert. Das dritte Schloss widersetzt sich. Es… reagiert auf nichts. Keine Formel, keine Resonanz, keine Entropiebrüche. Wir haben… nichts mehr.“

Xalfein saß da. Starr. Leer.

Dann stand er auf.

Ohne ein Wort.

Seine Gedanken: bruchstückhaft. Strategien begannen – und zerfielen. Aber eine Frage blieb:

Was, wenn es nie darum ging, es zu lösen?

Er stand lange da, starrte durch den Glaszylinder hindurch. Die Kristalle schwebten ruhig, wie Sporen im Vakuum. Unberührt. Ungelöst.

Die Halle vibrierte plötzlich mit einer anderen Energie.

Schnelle, feste Schritte.

Er hob den Blick – und sah den obersten Direktor der Universität. In leuchtender Robe, ein Symbol der höchsten Hierarchie auf der Brust, das sich bei jedem Schritt verfinsterte.

Wut – unverhüllt. Keine Maskerade. Kein höflicher Vorwurf.

Nur Zorn.

Xalfeins Herz setzte aus. Er weiß es.

Er wusste nicht, was er getan hatte. Oder was er vergessen hatte. Aber es spielte keine Rolle. Die Autorität marschierte auf ihn zu, und er spürte: Das war das Ende.

Keine Zeit für Debatten. Kein Raum für Verteidigung.

Nur eine einzige Option blieb.

Seine Augen weiteten sich. Seine Finger krampften sich um das Gestell. Ein letzter Rest seines Willens formte sich zu einer Handlung.

Er riss das Gefäß vom Tisch.

Glas splitterte. Der letzte Rest der Flüssigkeit zischte am Boden. Die Kristalle stürzten, wirbelten in einem Tanz aus Licht und Chaos durch die Luft – und fielen.

Er griff danach.

Da!

Ein grelles Licht. Ein gleißender Schatten.

Der Direktor hatte den Zauberstab gezückt, murmelte bereits das letzte Wort des Zaubers. Der grünliche Lichtstrahl eines Desintegrationszaubers schoss auf ihn zu – auf das, was von Xalfeins Körper noch übrig war.

Als sich Xalfeins greisenhafter Körper auflöste, war sein Geist bereits geflohen.


Er schlug die Augen auf.

Kalter Stein unter ihm. Die Luft war klar.

Die Steinsäule ragte still in den Himmel.

Und seine Hand umschloss die Nexus-Kristalle. Kein Nebel mehr in seinem Kopf. Keine Schwärze. Keine Grenzen.

Er war Xalfein.

Und er war zurück.

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