Finns Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)
Die Taverne war ein Traum aus Licht, Lachen und warmer Luft. Kerzen flackerten auf jeder Tischplatte, Musik spielte irgendwo im Hintergrund, Gläser klirrten, Stimmen schwollen zu einem lebhaften Teppich aus Geschichten und Freude. Finn trat ein – und für einen Moment fühlte es sich an, als würde die Welt ihn erkennen.
„Ist das nicht…?“ flüsterte jemand.
„Doch! Der Finn! Der Geschichtenerzähler aus dem Süden!“
Er lächelte. Aber es wirkte gezwungen. Sein Gesicht war von Falten durchzogen, die Augen tränten ein wenig. Sein Gehstock klickte auf dem Holzboden, während er sich einen Weg durch die Menge bahnte. Sein Mantel war schon lange aus der Mode, die Farben verblasst, ein Fettfleck auf dem Revers. Sein Bart war wirr, ein Rest Brotkruste klebte an einem Winkel.

„Die Zeit war nie mein Feind“, murmelte er leise. „Nur mein Publikum.“
Am anderen Ende des Raums, bewegte sich eine Dame elegant durch die Massen. Sie trug ein atemberaubendes Kleid in seidenem Blau, das Haar zu kunstvollen Wellen frisiert. Ihre Augen funkelten wie Sternenlicht – doch es war der Schmuck um ihren Hals, der Finns Blick fesselte: eine Kette aus funkelnden, rhythmisch pulsierenden Nexus-Kristallen. Sie zogen ihn wie ein verlorener Vers.

Neben ihr ein Gentleman im bestickten Gehrock, freundlich, lächelnd – aber Finn erkannte das Mißtrauen und die Eifersucht in seinem Blick.
Er atmete tief durch. Zeit für eine Vorstellung.
Er wählte seinen Weg durch den Raum – lächelte, nickte alten Bekannten zu, versuchte einen Witz. „Wusstet ihr, dass der Unterschied zwischen einem Barden und einem Bettler nur die Melodie ist?“ Niemand lachte.
Endlich hatte er sich in die Nähe der feinen Dame gedrängt. Doch ehe er sie berühren konnte drängte sich ein Körper dazwischen, wie eine unnachgiebige Wand aus Muskeln und Fett. Eine breite Brust. Ein finsterer Blick. Ein Leibwächter, der wie aus dem Nichts erschien. Groß. Unfreundlich. Aufmerksam.
„Einen Moment“, sagte Finn mit hochgezogener Braue. „Nur ein Wort mit der Dame. Ein Lied vielleicht. Eine Geschichte.“
Der Leibwächter sagte nichts. Ging zur Dame. Beugte sich zu ihr. Zeigte auf Finn.
Finn beobachtete.
Er sah das Zucken ihrer Nase. Den kleinen, beinahe schmerzlichen Ausdruck des Widerwillens. Die ablehnende Handbewegung, so höflich wie vernichtend.
Der Leibwächter kehrte zurück. „Die Dame hat kein Interesse.“ Ein emotionsloser Fakt.

Finn lächelte kalt. „Natürlich nicht.“
,Er verbeugte sich – alt, steif, voller Stolz, der mehr weh tat als schmeichelte.
Die Ablehnung war keine neue Erfahrung für Finn – doch selten hatte sie so still geschmerzt. Nicht, weil sie hart war. Sondern weil sie… gerecht war.
Sein Charme war fort. Versandet in Falten, verschluckt von vergessenen Pointen. Die einst mühelose Aura war jetzt angestrengt, seine Bewegungen zu bemüht, seine Stimme zu dünn. Er war ein Barde ohne Bühne – und ohne Wirkung.
Doch Finn war nicht nur ein Gaukler. Er war ein Spieler. Und er wusste: Manchmal gewinnt man mit der schlechtesten Hand – wenn man sie gut ausspielt.
Er suchte die Menge ab. Und wurde fündig: eine Frau, nicht mehr jung, aber mit einem Glanz im Blick – der Glanz früherer Bewunderung. Ein Lächeln. Eine Erinnerung, vielleicht.
Finn trat an sie heran, zögerte, dann sprach: „Ihr seht aus, als hättet ihr schon schlimmere Tänzer überlebt. Sollen wir unsere alten Leiber nochmal in Szene werfen?“
Sie war erst brüskiert, lächelte dann aber doch. „Du tanzt hoffentlich besser als du redest.“
„Vielleicht war das schon immer so“, flüsterte er zweifelnd, fast zu sich selbst.
Der Tanz begann ruckelig. Seine Hüfte hakte, sein rechter Fuß zögerte. Einmal trat er ihr beinahe auf den Saum. Doch dann… fand er ihn wieder, den Rhythmus. Nicht die jugendliche Leichtigkeit von einst, sondern etwas Anderes – Erfahrung. Kontrolle. Der Wille, noch einmal zu glänzen.
Und dann: die Hebefigur.
Schwerfällig im Ansatz. Doch sein Körper erinnerte sich. Sie hob sich. Drehte. Landete elegant.

Die Taverne explodierte in Applaus – nicht für den Charme, sondern für das Können.
Aus den Augenwinkeln bemerkte Finn, wie sich jemand ihm näherte. Die Dame in Seide, der Kristallschmuck um ihren Hals leuchtend wie glühende Kohlen, trat aus ihrem Zirkel wie ein Schmetterling aus der Dunkelheit. Ihr Blick war neu. Prüfend. Neugierig.
Sie sah ihn nicht wie ein Objekt der Begierde – sondern wie ein Mysterium. Ein Rätsel. Ein alter Trick, den man noch nicht ganz durchschaut hatte.
„Ein Tänzer, hm? Alt, aber biegsam.“
„Verrostet, aber nicht gebrochen“, sagte Finn. „Wollen wir?“
Sie legte ihm die Hand auf den Arm – eine Geste der Gnade, nicht der Einladung.
Der Tanz war ein Duell. Er wusste: Kein Witz würde sie erweichen. Kein Lächeln ihre Neugier halten. Aber vielleicht – vielleicht – der perfekte Augenblick.
Die Hebefigur. Ein Griff. Eine Drehung.
Und beim Absetzen… der Trick.
Seine Hand hatte den Verschluss geöffnet. Die Kette glitt in seine Jacke.
„Verzeiht“, sagte er leise, nach einer hastigen Verbeugung. „Ich brauche… frische Luft.“
Er verließ die Taverne nicht wie ein Sieger. Sondern wie ein Dieb, der sich an eine letzte Erinnerung klammerte.
Hinter ihm erhob sich Tumult. Rufe. Empörung.
In einer Seitengasse keuchte Finn, lehnte sich schwer atmend gegen das feuchte Mauerwerk. Seine Finger zitterten, als er den Halsschmuck aus der Jacke zog. Die Kristalle glommen schwach – aber klar.

Bevor er sei berühren konnte, flackerte Fackelschein auf den Wänden. Ein Ruf hallte durch die Gasse, schrill und voller Aufregung: „DA IST ER!“
Schritte. Viele. Schnell. Schwer.
Finns Blick zuckte auf, sein Herz schlug wild. Schatten stürmten heran, Gesichter verzerrt vor Zorn, Empörung, vielleicht sogar Eifersucht – ein Mob, geboren aus Enttäuschung und verletztem Stolz. Ein letzter Auftritt – aber keiner, den er spielen wollte.

„Nun denn… Vorhang zu“, murmelte er.
Seine Fingerspitzen berührten die Kristalle.
Die Welt wurde Licht. Und der Mob zerfloss wie eine schlecht geschriebene Pointe.
Als Finn die Augen öffnete, war es kalt. Die Säule stand stumm. In seiner Hand: die Kristalle. Und auf seinen Lippen: ein Lächeln. Müde, aber echt. Und vielleicht… ein letztes bisschen Applaus im Wind.


