Fenros Prüfung der zweiten Säule (Tag 18)

Der Wind schnitt wie Messer durch die dürren Büsche am Wegesrand. Schnee wirbelte über die alte Handelsstraße, als würde die Welt selbst ihre Erinnerungen verwehen wollen. Fenro stapfte langsam dahin, sein Mantel flatterte hinter ihm wie ein zerrissenes Banner. Seine Schritte waren schwer, sein Atem flach. Jeder Schritt hallte nach in seinen Knochen.

Ein weiterer Hustenanfall überkam ihn. Er beugte sich keuchend nach vorne, stützte sich auf seine Knie – und roter Schleim tropfte in den Schnee.

„Noch nicht…“, murmelte er heiser. „Noch nicht.“

Da zuckte etwas in seinem Blickfeld.

Ein weißer Hirsch – größer als jeder, den Fenro je gesehen hatte – sprang mit gewaltigen Sätzen über den Weg. Sein Fell leuchtete im Sturmlicht, sein Blick war ruhig, wissend. Und in seinem gewaltigen Geweih, das sich wie die Äste eines heiligen Baums emporreckte, hatte sich etwas verfangen: eine Halskette, geschmückt mit Kristallen, die in allen Farben des Spektrums leuchteten.

Nexus-Kristalle.

Der Hirsch wandte sich nicht um, sondern lief den steilen Hügel empor, dem stürmischen Wind trotzend.

Fenro starrte ihm nach. Der Hügel war hoch, eine Schneedecke verbarg den Erdboden. Der Sturm zerrte an allem, die Luft war schwer, geladen. Er spürte seine Beine zittern. Die Kraft, die ihn einst durch dunkle Wälder und tiefste Schatten trug, war verschwunden – eine verblassende Erinnerung. Selbst sein Jägerinstinkt, sonst scharf wie ein frisch geschliffener Pfeil, flackerte nur noch matt.

Links, nur ein paar Schritte entfernt, stand ein Wirtshaus. Warmes Licht schimmerte durch die Fenster, Stimmen, Lachen, ein Duft von gebratenem Fleisch und süßem Met wehte zu ihm herüber. Leben. Wärme. Sicherheit. Für einen Moment glaubte er, die Stimmen seiner Ahnen zu hören – oder seiner Jagdgefährten.

Ein Bett. Ein Feuer. Ein letzter Abend in Würde. Oder Hilfe bei der Jagd nach dem Hirsch und den Kristallen?

Doch auf dem Hügel wartete der weiße Hirsch. Die Macht der Kristalle zerrte an Fenros Willen.

Fenro überlegte für einen Moment, ob er im Wirtshaus um Hilfe bitten sollte und verwarf den Gedanken fast augenblicklich wieder. Er war sein ganzes Leben auf niemanden angewiesen gewesen. Er sah keinen Grund, es diesmal anders zu machen.

„Das ist nicht mein Weg.“

Er wandte sich dem Hügel zu – und der Wind heulte lauter.

Der Schnee fiel in dicken, stummen Flocken. Jeder Schritt wurde zur Prüfung, jeder Atemzug ein Kampf. Fenro bewegte sich wie ein Geist durch das weiße Tosen, sein Mantel mit Eiskristallen überzogen, die Pelzhaube fest über die Ohren gezogen. Der Bogen an seiner Seite schien schwerer als je zuvor, doch seine Finger umklammerten ihn mit vertrauter Entschlossenheit.

Der weiße Hirsch war keine bloße Kreatur mehr – er war ein Zeichen. Eine Fährte des Schicksals, gezogen über den Rücken des Winters.

Die Nexus-Kristalle im Geweih zogen Fenro an wie ein fernes Lied, ein Herzschlag aus Licht. Sie leuchteten selbst durch das Schneetreiben hindurch, tanzten wie kleine Sonnen um das Haupt des Tieres. Fenro versuchte, den Wind zu prüfen, doch er drehte sich wie ein listiger Wolf, ohne Vorwarnung, ohne Rhythmus. Ein weiterer Hustenanfall brachte ihn zu Fall, auf die Knie – der Schnee färbte sich rot unter ihm. Doch er knurrte leise, biss die Zähne zusammen und kroch weiter. Er würde es beenden. So wie er es immer tat.

Der Hirsch stand nun oben auf dem Hügel, das Geweih im Sturm erhoben, als würde er die Elemente befehligen. Für einen kurzen Moment riss der Schneevorhang auf – und Fenros Blick war klar.

Er hob den Bogen.

Der erste Pfeil zischte – und verfehlte. Der Hirsch schnaubte, wandte den Kopf, doch floh nicht.

Der zweite Pfeil flog.

Ein stumpfer Laut. Ein Beben im Geäst. Und dann… Stille.

Fenro atmete aus, langsam, wie nach einem langen Lied. Er schleppte sich den Hang hinauf, jeder Schritt ein Ringen mit der Kälte in seinem Innern. Als er den leblosen Körper erreichte, sank er auf die Knie. Der Schnee legte sich bereits wie ein Leichentuch auf das weiße Fell.

Die Kristalle. Jetzt so nah. So klar.

Mit zitternder Hand berührte er sie.

Und in dem Moment, in dem sein Bewusstsein entschwand – durch Nebel, durch Licht, durch einen Riss zwischen den Welten – spürte er es: Der Körper den er verließ, sackte zusammen und fiel auf Fenros letzten Jagderfolg. In der Kälte stieg der Dampf von Atemzügen auf. Einmal, zweimal. Dann war kein Hauch mehr zu sehen. Der Tod des alten Jägers war wie sein Leben… einsam.


Aber Fenros Augen öffneten sich. Der Fadenbruchpfad lag wieder vor ihm. Und in seiner Faust glomm das Licht von Nexus-Kristallen – kühl und rein wie Neuschnee.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Pflichtfelder sind mit * gekennzeichnet.

*
*