Die Ätherebene (Tag 15)

Rückkehr ins Dorf

Die Dunkelheit hatte sich längst über das Dorf gelegt, als die Helden endlich aus dem Sumpf zurückkehrten. Feuchte Erde klebte an ihren Stiefeln, der Geruch von Moor und Kampf hing noch immer an ihren Kleidern. Die Reise war anstrengend gewesen, der Kampf hart – und sie alle sehnten sich nach Ruhe.

Doch als sie sich Eldryns Hütte näherten, wurde ihnen sofort klar, dass die Nacht noch nicht vorbei war.

Ein Licht brannte hinter den dünnen Vorhängen, und aus dem Inneren drangen leise, gequälte Laute – Eldryns Wimmern. Es schnitt durch die Stille der Nacht wie ein Mahnruf, dass ihre Aufgabe noch lange nicht beendet war.

Die Tür öffnete sich abrupt, und Aurelia Moosglanz trat hinaus. Ihre sonst ruhigen, weisen Augen weiteten sich erschrocken, als sie Tharion erblickte.

„Bei den Wurzeln des Lebens…!“ Ihr Blick glitt über seinen blassen, erschöpften Körper, über die hastig versorgte Wunde, und in einem Moment war sie an seiner Seite, packte ihn sanft, aber bestimmt an den Schultern. „Was ist passiert!?“

„Es… geht schon…“, murmelte Tharion, seine Stimme rau.

„Szzehr viele Egel“, fügte Kleschbumtauch mit einem Schaudern hinzu.

„Und hungrige Sumpfhunde“, brummte Fenro.

Aurelia ignorierte ihre Worte fürs Erste, ihre Finger tasteten bereits über Tharions Arm, suchten nach Anzeichen für Infektion oder Vergiftung. Ihr Blick war streng, aber in ihrer Berührung lag Sanftheit. „Setz dich. Sofort.“

Während sie sich um Tharion kümmerte, trat Sonea vor und reichte ihr ein sorgsam verschnürtes Bündel. „Hier. Die Blüten, die du brauchst.“

Aurelia nahm es mit geübten Händen, öffnete das Tuch und betrachtete die leuchtend gelben Blütenblätter. Ein Hauch von Erleichterung huschte über ihr Gesicht. „Ihr habt sie gefunden… Gut.“ Sie sah auf, bedachte jeden von ihnen mit einem ernsten Blick. „Ich werde den Trank in dieser Nacht vorbereiten. Ihr müsst euch ausruhen. Ihr werdet eure ganze Kraft für das Ritual brauchen.“

Finn stieß ein erschöpftes Lachen aus. „Nach dem, was wir hinter uns haben, wäre ich wohl auch ohne deine Anweisung ins Bett gefallen.“

Aurelia runzelte die Stirn, doch als sie den leichten Ton in seiner Stimme erkannte, sagte sie nichts dazu. Stattdessen half sie Tharion auf die Beine und führte ihn vorsichtig in die Hütte.

Fragen über Fragen

Mit der Gelassenheit eines Mannes, der sich an diesem Tag bereits mehrfach in Lebensgefahr begeben hatte, lehnte Finn sich mit verschränkten Armen gegen den Türrahmen von Eldryns Hütte.

„Also, bevor ich schlafen gehe… ich hab da noch ein paar Fragen.“

Aurelia, die gerade dabei war, die ersten Zutaten in einen Mörser zu geben, seufzte leise, sah aber nicht auf. „Natürlich hast du das.“

Finn grinste. „Also. Diese Ätherebene… können wir da wirklich was ausrichten? Ich meine, wenn wir nur… Geister oder Gedanken sind?“

Aurelia rührte langsam die Kräuter um. „Euer Bewusstsein wird dorthin projiziert, nicht euer Körper. Ihr seid nicht physisch dort, aber das bedeutet nicht, dass ihr machtlos seid.“

„Aha. Und wie sieht es da aus?“

Aurelia hob eine Braue. „Unterschiedlich. Die Ätherebene ist… veränderlich. Sie kann ein verzerrtes Spiegelbild der Realität sein oder etwas völlig Fremdes. Es hängt davon ab, was ihr dort finden müsst.“

Finn nickte nachdenklich. „Hm. Und ist das gefährlich?“

„Ja.“

„Sehr gefährlich?“

Aurelia hielt inne, warf ihm einen ernsten Blick zu. „Ja.“

Finn schnalzte mit der Zunge. „Aha. Und wenn wir da sterben—“

„Dann stirbt euer Körper wahrscheinlich nicht sofort, aber euer Geist kann Schaden nehmen.“

„Wie viel Schaden genau?“

Aurelia rieb sich die Schläfen. „Das kommt darauf an, was dort geschieht. Vielleicht seid ihr nur verwirrt oder erschöpft, vielleicht verliert ihr Erinnerungen oder—“

„Also wenn ich mich nicht erinnere, wo ich mein letztes Bier stehen gelassen habe, liegt das an der Ätherebene?“

Aurelia atmete tief durch. „Finn.“

Finn grinste. „Schon gut, schon gut. Und du kannst uns dann zurückholen?“

„Vermutlich.“

„Vermutlich?“

„Finn.“

„Ich frag ja nur.“

Aurelia verdrehte die Augen und kehrte zu ihrer Arbeit zurück. Doch bevor sie weitermachen konnte, trat Sonea an ihre Seite.

„Ich helfe dir“, sagte sie leise.

Aurelia sah auf. Einen Moment lang musterte sie Sonea, dann nickte sie dankend. „Das wäre gut.“

Finn streckte sich. „Na dann, ich bin raus. Morgen geht’s in die Ätherebene – kann’s kaum erwarten.“

Ein lautes, unwilliges Schnauben erklang aus der Ecke. Kleschbumtauch hatte sich auf einen Hocker gesetzt und sah alles andere als begeistert aus.

„Iff mag nifft in die Eiterebene“, verkündete er mit ernster Miene.

Finn drehte sich um. „Was?“

„Daszz klingt szzu nifft-faszzbar. Iff mag faszzbare Dinge.“

Kleschbumtauch zischte leise und verschränkte die Arme. „Iff glaube, daszz man da ganszz leifft verloren geht.“

Sonea sah ihn sanft an. „Aber du wärst nicht allein. Wir sind alle da.“

Finn klopfte dem Ork grinsend auf den Arm. „Hey, stell dir vor: Vielleicht gibt’s da was zu hauen.“

Kleschbumtauch überlegte. Dann kniff er die Augen zusammen. „Wenn eszz mir nifft gefällt, dan szztoszzt ihr miff szzurück?“

Finn grinste. „Versprochen.“

Zähneknirschend gab der Ork nach.

Während sich die anderen zur Ruhe begaben, blieb Sonea bei Aurelia und half so gut sie konnte. Sie mahlte Kräuter, rührte Mischungen an, zeichnete Symbole in den Boden. Die Arbeit war beruhigend, fast meditativ – doch sie forderte ihren Tribut.

Als der Morgen dämmerte, spürte Sonea die Erschöpfung in ihren Gliedern.

Doch Zeit zum Ausruhen gab es nicht.

Das Ritual wartete.

Vorbereitungen für das Ritual

Noch vor Sonnenaufgang klopfte Aurelia an die Türen der Heldenunterkünfte. Ihre Stimme war ruhig, aber bestimmt.

„Es ist Zeit.“

Einer nach dem anderen traten die Gefährten in die kühle Morgenluft. Der Nebel hing schwer über dem Dorf, die Sonne gewann langsam an Kraft und der Mond tauchte die Welt in fahles Blau. Aurelia wartete, bis alle versammelt waren, dann sprach sie mit ernster Stimme.

„Bevor wir beginnen, müsst ihr euren Geist reinigen. Wie ihr das tut, bleibt euch überlassen – aber es ist notwendig, um eure Verbindung zur Ätherebene zu stärken. Danach treffen wir uns in Eldryns Hütte. Ich reiche euch den vorbereiteten Trank und danach müssen eure Seelen ihre Harmonie finden. Die Trommeln werden euch dabei helfen.“

Die Helden tauschten Blicke.

„Geist reinigen, hm?“ Finn grinste und strich sich über seinen Schnurrbart. „Na, das kann nicht so schwer sein.“

Der Weg zur inneren Klarheit

Finn nahm sich diese Worte auf seine ganz eigene Weise zu Herzen. Während die anderen nach einem Ort der Stille oder der Meditation suchten, verschwand er in eine der Hütten. Als er Stunden später wieder erschien, war er verwandelt: Sein Haar glänzte frisch gewaschen, sein Schnurrbart war perfekt gestutzt, und er trug sein bestes Gewand – tiefblau mit goldenen Stickereien. Mit einem zufriedenen Lächelnd prüfte er noch einmal die Manschetten seiner Ärmel.

Xalfein sah ihn aus dem Augenwinkel an. „Du… hast dich für eine königliche Audienz vorbereitet?“

Finn zwinkerte. „Ein klarer Geist beginnt mit einem klaren Äußeren.“

Posy hingegen hatte sich mit Fuzz auf eine abgelegene Lichtung zurückgezogen. Dort, unter den ausladenden Ästen eines uralten Baumes, kniete er sich hin, ließ die Finger über den Kristallsplitter an seinem Hals gleiten und schloss die Augen. Tief in seinem Inneren suchte er nach der Erinnerung – der Erinnerung an den großen Nexus-Kristall, an das pulsierende Licht, das ihn damals durchdrungen hatte. Das Echo dieser Magie lag immer noch in ihm verborgen, ein Flüstern, das ihn daran erinnerte, dass er ein Teil von etwas Größerem war.

Xalfein fand seine Klarheit auf andere Weise. Er setzte sich auf einen trockenen Baumstumpf, entrollte ein Pergament und holte sein Kalligraphie-Set hervor. Mit ruhiger Hand zeichnete er akribische, arkane Symbole – jedes Zeichen eine Reflexion von Ordnung und Struktur. Der gleichmäßige Fluss der Tinte, die Perfektion der Linien – all das ließ seine Gedanken schweigen und bereitete ihn auf das Kommende vor.

Fenro zog wortlos in den Wald. Er brauchte keine mystischen Rituale oder philosophischen Gedanken, um Klarheit zu finden – die Natur selbst war seine Antwort. Lautlos bewegte er sich zwischen den Bäumen, wurde eins mit dem Wald, mit dem Wind, mit dem Boden unter seinen Füßen. Als er eine kleine Beute erspähte, schoss sein Pfeil lautlos durch die Luft. Ein sauberer Treffer. Er ließ den Moment auf sich wirken – die Jagd, der Instinkt, der Fokus. Dann atmete er tief durch. Er war bereit.

Sonea suchte sich einen stillen Ort am Rand des Dorfes, wo das Licht des Morgens sanft durch die Zweige fiel. Dort setzte sie sich auf einen flachen Stein, schloss die Augen und atmete tief durch. In ihrem Schoß ruhte ein kleines Bündel getrockneter Blüten – Erinnerungen an frühere Rituale, an ihre Ausbildung, an ihre Mutter. Mit ruhiger Stimme begann sie ein leises, uraltes Lied, dessen Melodie ihr half, den Lärm der Welt hinter sich zu lassen. Jeder Ton war ein Schritt zurück zu sich selbst, jede Note ein Schleier, der den Geist reinigte. Als sie schließlich wieder die Augen öffnete, war ihr Blick klar – und bereit für das, was kommen mochte.

Kleschbumtauch hingegen saß einfach auf einem Felsen und starrte auf seine Hände. Er dachte nach.

Über früher.

Über Ketten.

Über Hiebe und Flüche.

Über das Gefühl, unbedeutend zu sein.

Dann dachte er an jetzt. An seine Axt. An seine Gefährten. An das Essen, das er nicht mehr stehlen musste.

„Beszzer,“ murmelte er schließlich. „Viel beszzer.“

Er atmete tief durch, richtete sich auf und nickte sich selbst zu.

Einer nach dem anderen kehrten die Helden nach Eldryns Hütte zurück.

Ihr Geist war gereinigt und sie waren bereit, die Tore zur Ätherebene durchschreiten.

Der Übergang

Die Luft in der Hütte war schwer von Kräuterdampf, als sich die Helden in einem Kreis um Eldryn setzten. Das schwache Licht der Kerzen warf flackernde Schatten auf die Wände, während Aurelia langsam von einem zum anderen ging und ihnen eine kleine Schale mit dem vorbereiteten Trank reichte.

„Trinkt“, sagte sie leise. „Lasst ihn eure Sinne öffnen, aber lasst euch nicht von ihm mitreißen.“

Finn nahm seinen Schluck mit routinierter Gelassenheit. Das herbe Aroma brannte leicht im Hals, doch er zuckte nicht einmal mit der Wimper. Schon Schlimmeres getrunken, dachte er amüsiert und schenkte Kleschbumtauch, der skeptisch an seiner Schale schnupperte, ein aufmunterndes Grinsen.

Sonea ließ den Trank langsam durch sich fließen. Sie kannte diese Wirkung bereits von anderen Ritualen – der sanfte Rausch, die Erweiterung des Bewusstseins, das leichte Loslösen vom Körper. Es war wie ein vertrautes Lied, das sie durch die Schleier der Realität trug.

Doch für Posy war es anders.

Kaum hatte der Trank seine Kehle passiert, wurde seine Welt zu viel.

Die Schatten an den Wänden pulsierten in unnatürlichen Farben, jedes Geräusch wurde zu einem tiefen Echo in seinen Gedanken. Der Herzschlag seiner Gefährten klang in seinen Ohren wie donnernde Trommelschläge. Selbst das sanfte Schnurren von Fuzz an seiner Seite vibrierte in seiner Brust, als wäre sein eigenes Inneres dabei, sich in den Raum aufzulösen.

Seine Krallen gruben sich in die Erde.

Konzentrier dich. Bleib hier.

Ein leises Knurren entwich ihm, doch er zwang sich, ruhig zu atmen. Er durfte jetzt nicht ausbrechen, durfte das Ritual nicht stören.

Der Rhythmus der Seele

Finn gab ohne Worte den Rhythmus vor. Mit einer ruhigen, sicheren Bewegung schlug er die erste Trommel an. Der Klang vibrierte in der Hütte, sanft, aber bestimmend.

Ein weiterer Schlag.

Dann stimmten die anderen ein.

Sonea folgte mit einem gleichmäßigen Rhythmus, Fenro mit ruhigen, präzisen Schlägen. Xalfeins Trommeln war kontrolliert, beinahe mechanisch perfekt, während Kleschbumtauch mit unerwarteter Leichtigkeit in den Rhythmus fand – kräftig, aber nicht ungestüm.

Posy ließ sich treiben.

Der Klang wurde ein Anker, zog ihn aus dem Strudel der überwältigenden Eindrücke. Schritt für Schritt gewann er Kontrolle zurück, fand seinen Platz im Rhythmus, fand sich selbst wieder.

Der Sprung in die Ätherebene

Sonea war die Erste, die die materielle Welt hinter sich ließ. Sie fühlte die sanfte, fließende Bewegung ihrer Gedanken, als wäre sie eine Welle, die sich von der Küste löste und ins weite Meer hinausgetragen wurde.

Finn folgte mit der Lässigkeit eines Mannes, der sich in jeder Realität zurechtfinden konnte. „Also gut“, murmelte er, bevor seine Stimme in der Stille verhallte.

Xalfein glitt fast lautlos in die Ätherebene, seine Präsenz scharf und klar wie ein gezeichneter Strich auf Pergament. Fenro spürte die Veränderung kaum – die Natur war in jeder Welt dieselbe, nur… anders.

Und Kleschbumtauch?

Der große Ork saß plötzlich da – in der Ätherebene – ohne sichtbare Anstrengung, ohne Zweifel, als wäre dies nichts weiter als ein weiterer Tag in seinem Leben.

Er blinzelte.

„Hmmm.“

Er sah sich um, betrachtete die fließenden Farben, die unlogischen Formen, die grenzenlose Leere um ihn herum.

„Gar nifft szzooo szzlimm.“

Er stand auf, tapste mit seinen massiven Füßen über das, was kein Boden war, und wirkte dabei so unbekümmert, als würde er über eine Wiese schlendern.

Die anderen starrten ihn an.

„Warum… kann er sich so mühelos bewegen?“ murmelte Xalfein.

Finn rieb sich das Kinn. „Vielleicht, weil er sich nie Gedanken darüber macht, wie Dinge eigentlich funktionieren sollten?“

Kleschbumtauch grinste breit, stolz auf sich selbst, während Posy noch immer kämpfte.

Er zitterte leicht, seine Muskeln verkrampft. Die Welt war noch immer überwältigend – aber er musste es schaffen.

Er sah Fuzz, der in der realen Welt zusammengerollt lag, und griff nach diesem Bild. Nach der Vertrautheit.

Mit einem tiefen Atemzug ließ er los.

Die Welt verzog sich um ihn.

Und dann war auch er in der Ätherebene.

Ein verzerrter Raum

Die Welt um sie herum war nicht real. Zumindest nicht in dem Sinne, wie sie es gewohnt waren.

Der Boden – falls es überhaupt einen gab – war ein flüchtiges Geflecht aus Licht und Schatten, das sich unter ihren Füßen formte, ohne Widerstand zu bieten. Die Luft schien zu flirren, und doch gab es keinen Wind. Geräusche hallten, ohne dass eine Quelle auszumachen war.

Und inmitten dieser surrealen Landschaft sahen sie ihn.

Eine Gestalt, in lange Gewänder gehüllt, leicht verschwommen, als würde sie nicht ganz in diese Ebene gehören. Die Konturen seines Körpers flackerten wie eine Reflexion auf aufgewühltem Wasser, seine Bewegungen waren ruhig, konzentriert.

Er war über Eldryn gebeugt.

Oder vielmehr über das, was in dieser Welt Eldryns Wunde war.

Die pulsierende Wunde

Die Verletzung sah hier nicht aus wie eine normale Wunde – kein Fleisch, kein Blut. Stattdessen war sie eine klaffende, violett leuchtende Öffnung mit gezackten, verzerrten Rändern. Blitze aus reiner Energie zuckten unregelmäßig über die Oberfläche, als würde die Wunde selbst gegen ihre eigene Existenz ankämpfen.

Und aus ihr ragte etwas Fremdes.

Ein schlauchartiges Gebilde aus pulsierendem, mystischem Gewebe, das sich weit in die Ferne erstreckte.

Die Gruppe blieb instinktiv stehen.

„Hmm… nifft gut,“ murmelte Kleschbumtauch leise.

Fenro musterte die Szene mit scharfem Blick. Auch Xalfein ließ seinen Blick über die verzerrte Umgebung schweifen, suchte nach Hinweisen auf eine Bedrohung.

Doch die Gestalt griff nicht an.

Sie drehte sich nicht einmal zu ihnen um.

„Wer ist das?“ flüsterte Sonea.

„Wenn ich raten müsste, jemand, der mehr über das hier weiß als wir“, murmelte Finn.

Langsam, vorsichtig näherten sie sich.

Als sie näher kamen, wurde der Schlauch, der aus der Wunde führte, immer deutlicher. Es war kein starres Gebilde – es pulsierte, zuckte leicht, als würde es atmen. Es war kein natürlicher Teil dieser Ebene.

Das Tumorgebilde

Die Entfernung hatte hier keine Bedeutung, und doch konnten sie ihn sehen: Ein gewaltiges, schwebendes Gebilde in der Ferne.

Es sah aus wie ein Tumor – eine monströse, asymmetrische Masse, aus der sich kristalline Strukturen herauszogen, als wären sie in einem chaotischen Muster gewachsen. Seine Oberfläche pulsierte träge, als würde er in seinem eigenen Rhythmus leben.

Aber das war noch nicht das Befremdlichste daran.

Dutzende weitere solcher Schläuche führten von ihm fort, erstreckten sich in alle Richtungen, als wären sie Adern, die sich durch die Ätherebene zogen. Doch sie wirkten nicht wie ein natürlicher Teil dieses Tumors.

Nein.

Sie waren künstlich.

Eine fremde Macht hatte sie hier angebracht.

Xalfein verschränkte die Arme. „Das ist keine normale Wunde. Es ist eine Verbindung.“

„Eine Verbindung wozu?“ murmelte Finn.

Sonea schluckte. „Vielleicht zu etwas, das wir besser nicht kennenlernen wollen.“

Die Luft knisterte um sie herum.

Die Gestalt vor ihnen hatte noch immer nicht gesprochen.

Doch das Gebilde in der Ferne wirkte, als würde es warten.

Grenzen der Ätherebene

Finn hatte genug gesehen.

Das Tumorgebilde in der Ferne pulsierte träge, ein gewaltiger Fremdkörper in dieser Welt aus Gedanken und Licht. Die Schläuche, die sich in alle Richtungen erstreckten, waren eindeutig künstlich – und was auch immer Eldryn durch sie verband, es konnte nichts Gutes sein.

„Also gut“, murmelte er und hob die Hand. Dunkle Energie begann, sich um seine Fingerspitzen zu sammeln, formte sich zu einem pulsierenden Strahl reiner, zerstörerischer Magie.

Er lächelte leicht. „Mal sehen, ob du echt bist.“

Mit einer schnellen Bewegung schleuderte er die Magie auf den Tumor.

Doch nichts geschah.

Sein Hexenstrahl, ein sonst so zuverlässiger Zauber, verlor sich in der Leere, als würde er von der Welt selbst verschluckt. Keine Explosion, kein Einschlag. Die Magie existierte einfach nicht mehr, bevor sie ihr Ziel erreichen konnte.

„Na klasse.“ Finn rieb sich das Kinn. „Das ist… beunruhigend.“

Doch er hatte keine Zeit, weiter darüber nachzudenken.

Am Rand seines Sichtfelds, kaum mehr als verzerrte Silhouetten in der flirrenden Umgebung, regte sich etwas.

Ätherwyrmlinge.

Sie schienen sich aus dem Nichts zu schälen, formlose Wesen mit glühenden Augen und körperlosen Bewegungen, die sich in alle Richtungen wanden. Und sie hatten Finns Magie bemerkt.

„Äh… Leute? Ich glaube, wir haben Zuschauer.“

Die Welt verstehen

Während Finn seine Aufmerksamkeit auf die Wyrmlinge richtete, hatte Posy ganz andere Probleme.

Er fühlte sich seltsam – nicht nur durch die fremdartige Umgebung, sondern durch sich selbst.

Er blickte an sich herunter. Sein Körper bestand nur aus Licht, aus pulsierenden Gedanken, die seine Form hielten. Doch etwas fehlte.

Sein Schwert. Seine Rüstung. Sein Gewicht.

Er versuchte, eine Faust zu ballen, aber seine Finger fühlten sich nicht an wie Finger. Sie waren einfach… da, ein Gedanke, eine Erinnerung an eine Hand.

Er hob den Fuß, um einen Schritt zu tun – und stockte.

Was, wenn er fiel?

Was, wenn es keinen Boden gab?

Ein leises Zittern durchlief ihn.

Er war nicht hier.

Keiner von ihnen war hier.

Er hatte keinen Körper. Keine Waffe. Keine Kontrolle.

Sein Atem ging schneller.

Fuzz war nicht da.

Die Wunde und ihre Verbindung

Sonea konzentrierte sich auf den Schlauch, der aus Eldryns pulsierender Wunde wuchs. Vorsichtig berührte sie das Gewebe – es war weder fest noch flüssig, sondern eine Art sich ständig bewegende Struktur aus purer Energie.

Sie schloss die Augen und spürte es deutlicher: Energie wurde aus Eldryn herausgesogen. Langsam, aber stetig, wanderte sie durch den Schlauch, fort, hin zu dem Tumor in der Ferne.

Und die fremde Gestalt, die über Eldryn gebeugt war – sie tat etwas, um das zu verlangsamen.

Jedes Mal, wenn sich die Wunde weiter ausdehnen wollte, bewegten sich die langen, fremdartigen Finger der Gestalt darüber hinweg, als würde sie den Riss flicken, ihn beruhigen.

„Es verhindert, dass es schlimmer wird“, murmelte Sonea.

Der Kampf in der Ätherebene

Fenro knurrte leise. „Wir sollten diesen Schlauch durchtrennen.“

Er hob seine Klaue und hieb mit voller Kraft auf den Schlauch.

Nichts.

Kein Schnitt, kein Widerstand. Seine Klaue glitt hindurch, als wäre er selbst nur ein Schatten.

Er biss die Zähne zusammen und versuchte es erneut – ohne Erfolg.

Fenros Klaue glitt nutzlos durch den Schlauch, ohne ihm Schaden zuzufügen. Ein ungeduldiges Knurren entfuhr ihm, während er die Hand zurückzog.

Doch seine aggressive Bewegung hatte etwas anderes ausgelöst.

Die Ätherwyrmlinge, die zuvor nur am Rand ihres Sichtfelds geschwebt hatten, bewegten sich plötzlich näher. Zuerst vorsichtig, lauernd – dann mit jagender Entschlossenheit.

„Äh… Kleschbumtauch?“ Finn wich langsam einen Schritt zurück. „Ich glaube, jetzt wär ein guter Zeitpunkt für—“

Der Ork reagierte instinktiv. Seine großen Hände ballten sich, und ohne nachzudenken streckte er eine aus – und dann war sie da.

Eine Axt, geformt aus purem Licht, materialisierte sich in seinem Griff, als hätte er sie einfach aus der Realität selbst herausgeschnitten.

Dann holte er aus und hieb auf den ersten Wyrmling ein.

Das Wesen, das eben noch körperlos gewirkt hatte, zischte schrill auf, als die Axt es traf. Es wurde zurückgeschleudert, sein formlose Körper verzerrte sich, ehe es sich auflöste.

Finn, nicht minder entschlossen, wich einem weiteren Wyrmling aus und ließ einen weiteren Hexenstrahl folgen. Dieses Mal zerriss der Strahl die Luft und traf einen Wyrmling, der daraufhin zu Boden stürzte, seine Form im Nichts zerfließend.

Fenro, der mit jeder Klaue und jedem kräftigen Schlag gegen die Angreifer kämpfte, fletschte die Zähne. „Fressen oder gefressen werden!“.

Seine Klauen waren zum Töten bereit und mit einem wilden Sprung riss er einem der Wesen die flirrende Ätherhaut auf.

Doch für jeden getöteten Wyrmling schienen zwei neue aufzutauchen.

Das Muster der Gestalt

Xalfein hatte das Geschehen schweigend beobachtet.

Er sah, wie die mysteriöse Gestalt ihre Hände über die Wunde bewegte, ihre Finger in einem gleichmäßigen Muster führend, das sich in sanften, fast kreisenden Bewegungen wiederholte.

Es war keine rohe Magie. Keine Kraftanwendung.

Es war eine Handlung mit Bedeutung.

Ein Muster.

Ein Rhythmus.

Langsam, konzentriert, begann Xalfein, die Bewegungen nachzuahmen.

Seine Hände glitten über das pulsierende Licht, folgten dem Tanz der Gestalt.

Zuerst geschah nichts.

Doch dann – ein Zucken in der Struktur des Schlauchs.

Eine leichte Veränderung im Licht der Wunde.

Der Kampf um die Wunde

Sonea und Xalfein konzentrierten sich auf die Wunde und auf das, was die fremde Gestalt tat.

Xalfein wiederholte weiterhin deren Bewegungen, ließ seine Finger über das pulsierende Gewebe gleiten, und mit jedem neuen Muster, das er nachvollzog, begann sich die Wunde ein Stück weiter zu schließen.

Sonea, die ihn beobachtet hatte, folgte seinem Beispiel. Ihre Berührung war vorsichtiger, sanfter, doch das Ergebnis war dasselbe – das violette Pulsieren begann sich zu beruhigen, die Zacken flachten ab, und langsam, mit jeder Wiederholung der präzisen Bewegungen, zog sich die Wunde zurück..

Die Gestalt, die ihnen noch immer nicht ins Gesicht geblickt hatte, verharrte für einen Moment. Dann neigte sie den Kopf – ein stummes Zeichen von Anerkennung.

Und dann spürten sie es beide.

Durch die Wände der Hütte um sie herum, die in dieser Ebene nur als durchscheinende, flirrende Konturen existierten, sahen sie, dass sich auf dem Dorfplatz zwei Öffnungen formten – sich langsam drehende Spiralen aus Dunkelheit, in denen nichts zu sehen war.

Xalfeins Blick wurde scharf.

„Das sind Portale.“

Sonea sah ihn alarmiert an. „Was bedeutet das?“

„Jemand kommt durch. Jemand, der nicht hier sein sollte.“

Und dann sahen sie die Silhouetten – lange Hörner, schlanke Gestalten. Tieflinge.

Tieflinge, die dabei waren in die materielle Welt überzutreten.

Rückkehr in die Realität

„Wir müssen zurück!“ rief Sonea, während sie die Wunde mit einer letzten Bewegung versiegelte. Die violette Energie erlosch, und der Schlauch aus mystischem Gewebe brach zusammen, verschwand, als hätte er nie existiert.

Doch als die Wunde schließlich vollständig geschlossen war, begann die fremde Gestalt, die über Eldryn gebeugt gewesen war, reglos zu stehen. Ihre Bewegungen stoppten. Ihr Ziel war erreicht – und mit dem Schließen der Wunde hatte sie ihren einzigen Zweck verloren.

Die Gestalt stand nun mitten in der Ätherebene, ohne Richtung, ohne Ziel. Ihr Körper, der zuvor eine klare Form und Bewegung gehabt hatte, wirkte nun leer, verzweifelt. Ihr einziges, gelbes Auge mit der tiefroten Iris wanderte ziellos von einem Helden zum anderen, doch keiner von ihnen schien eine Antwort zu haben.

Sonea trat einen Schritt näher, als sie den leeren Blick der Gestalt bemerkte. Ihr Herz zog sich zusammen. Instinktiv, fast ohne nachzudenken, ergriff sie die Hände der Kreatur. „Willst du mitkommen?“

Es war eine Frage, die sie nicht geplant hatte, doch der Moment fühlte sich richtig an.

Die Gestalt schien auf ihre Worte zu reagieren. Die Fingerspitzen der Kreatur zitterten leicht, doch sie schien sich zu fassen.

Sonea hielt ihre Hände fest. „Kannst du mitkommen?“

Die Gestalt zögerte nur einen Augenblick. Dann schien es, als ob sie mit den Schultern zucken würde – ein stummes Zeichen, dass sie es versuchen würde.

Finn parierte einen weiteren Angriff eines Wyrmlings und warf einen Blick über die Schulter. „Taktischer Rückzug also, sehr gut!“

Einer nach dem anderen konzentrierten sich die Helden darauf, ihren Geist aus der Ätherebene zurückzuziehen.

Finn war der Erste – mit einem letzten Augenzwinkern an Kleschbumtauch verschwand er.

Fenro folgte mit einem knappen Nicken, während Xalfein noch einen prüfenden Blick auf die fremde Gestalt warf. Sie schien keine Anstalten zu machen, sie aufzuhalten – sie beobachtete nur.

Dann ließ auch er los.

Sonea, immer noch die Hände der Kreatur haltend, ließ ihren Geist los, und sie spürte, wie die Ätherebene um sie herum zu verschwinden begann.

Und Kleschbumtauch?

Er grinste breit, schwang seine Lichtaxt über die Schulter und verabschiedete sich mit einem letzten zufriedenen „Ha!“.

Und draußen, in der echten Welt, begannen sich die Portale zu manifestieren.

Der Kampf war noch lange nicht vorbei.

Zurück in der realen Welt

Die Welt der Ätherebene zerfloss in flimmernden Lichtpunkten, und der Übergang zurück in die materielle Ebene war schmerzhaft scharf. Ein Ruck, als ihr Bewusstsein wieder festen Boden unter den Füßen spürte.

Soneas Augenlider zuckten, als sie aus der Tiefe der Ätherebene zurückkehrte. Noch benommen vom fremdartigen Licht und den pulsierenden Energien, die ihre Gedanken durchdrungen hatten, sah sie zuerst unscharfe Umrisse – warme Farben, vertraute Formen. Jemand kniete bei Eldryn, vielleicht Fenro. Ein anderer, wohl Finn, trat zur Seite, sein Schatten glitt aus ihrem Blickfeld.

Dann sah sie es.

Wo eben noch das Muster des Teppichs neben ihr lag, war nun ein Paar langer, zarter Finger. Blass, beinahe durchscheinend. Als ihr Blick sich hob, erkannte sie die Gestalt, die sie eben noch in der Ätherebene gesehen hatte. Doch nun nicht mehr aus Licht und Bewusstsein gewebt, sondern in Fleisch… oder etwas, das dem verdammt nahekam.

Er saß still, aufrecht, seine seltsam anmutende Gestalt eingefroren in einem Moment, der keinem Ort zu gehören schien. Sein einzelnes, gelbes Auge mit der roten Iris sah nicht sie an, sondern durch sie hindurch – als müsste er noch verstehen, wo er war, wer er nun war. Und dann – ganz langsam – wandte sich sein Blick zu ihr, und sie spürte einen Hauch von Erkenntnis darin.

Sonea keuchte leise. Ihre Hände zitterten noch vom Übergang, doch sie spürte, wie ihre Finger noch immer seine hielten – so, wie sie es im letzten Moment der Ätherreise getan hatte. Sie hatte ihn eingeladen. Und er war gekommen.

„Ich… ich habe dich mitgebracht…“ flüsterte sie mehr zu sich selbst als zu ihm. Doch er nickte – kaum merklich – und zum ersten Mal schien etwas wie Dankbarkeit durch seine seltsame Miene zu huschen.

Sonea ließ vorsichtig die Hände der mysteriösen Kreatur los und sah sich um.

Sie standen nicht mehr in der flimmernden Leere der Ätherebene. Sie waren zurück im Dorf, in der Hütte. Doch die Gestalt war immer noch da, wie ein Fremdkörper, der in die Welt der Sterblichen eingetreten war.

Und in diesem Moment bemerkten die Helden die Gefahr, die außerhalb der Hütte lauerte.

Die Portale.

Direkt vor der Hütte, am Dorfplatz, formten sich die dunklen Öffnungen, und durch sie hindurch schimmerten die schrecklichen Silhouetten der Tieflinge, die sich langsam in die materielle Welt zogen.

„Zeit zu handeln“, sagte Xalfein leise, und ohne ein weiteres Wort zogen sie sich ihre Waffen und machten sich auf, der neuen Bedrohung zu begegnen.

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