Die Kreatur aus dem See (Tag 13)
Auf der Suche nach einem Weg zurück
Der Nebel hatte sich zwar gelichtet, doch die Insel blieb ein trostloser Ort. Nach ihrer harten Nacht war die Gruppe erschöpft, aber die Frage, wie sie zum Festland zurückkehren sollten, ließ ihnen keine Ruhe. Finn war es schließlich, der mit einem verschmitzten Lächeln verkündete: „Meine Damen und Herren, ich schlage vor, wir suchen ein Boot. Ich weiß, revolutionäre Idee.“
„Ffffind ich gut!“ Kleschbumtauch nickte eifrig. „Aber wiefo ffffchwimmen wir niffcht?“
Also machten sie sich auf die Suche. Die Insel war nicht groß, doch der dichte Nebel und das unebene Gelände machten die Erkundung mühsam. Während sie sich durch feuchten Untergrund und knorriges Wurzelwerk kämpften, fanden sie schließlich etwas – eine alte, halb verfallene Fischerhütte, die sich an den Rand des Ufers schmiegte.
„Na, das sieht doch vielversprechend aus!“ Finn rieb sich die Hände.
Die Hütte war von Moos überwuchert, der Holzboden morsch und das Dach teilweise eingefallen. Dennoch konnte sie mit etwas Mühe als Nachtlager dienen. Noch viel wichtiger aber war das Boot, das in der Nähe des Ufers lag. Zwar war es in einem erbärmlichen Zustand – von Algen überzogen, das Holz aufgeweicht –, doch mit etwas Arbeit war es vielleicht noch zu retten.

„Besser als nichts“, murmelte Posy, während er prüfend gegen den Rumpf trat.
„Izzt aber kaputt…“ stellte Kleschbumtauch fest.
„Genau wie unsere Geduld, wenn wir hier noch länger festhängen“, sagte Xalfein trocken.
„Dann legen wir uns erst mal schlafen und kümmern uns morgen darum“, entschied Fenro.
So fiel die Entscheidung. Die einen suchten sich einen Platz im Inneren der Hütte, während andere lieber unter dem offenen Nachthimmel blieben. Noch ahnte niemand, dass die Ruhe dieser Nacht bald von etwas Dunklem und Fauligem zerrissen werden würde…
Schatten über dem Nebelwasser
Die eisige Stille der Nacht lag schwer über der verfallenen Fischerhütte. Der Nebel, der sich über die Insel gelegt hatte, dämpfte jedes Geräusch, ließ das Lagerfeuer nur als schwaches, flackerndes Leuchten erscheinen. Posy saß auf einem umgestürzten Baumstamm, seine Pranken ruhten auf seinen Knien, während seine Augen in die Dunkelheit starrten. Neben ihm knurrte Fuzz leise, das regenbogenfarbene Fell der Wildkatze sträubte sich leicht.
Posy folgte seinem Blick – hinaus auf den See. Dort, wo die schwarze Wasseroberfläche sanft schwappte, kräuselte sich das Wasser. Kleine Blasen stiegen nach oben und platzten geräuschlos. Posys Nase zuckte. Es roch faulig, nach Moder und Verwesung.
Sein Instinkt schrie ihm zu, die anderen zu wecken.
„Aufstehen! Da stimmt was nicht!“
Kleschbumtauch war der Erste, der sich regte. Der große Ork rieb sich verschlafen die Augen und gähnte laut. „Wazzz? Izz’ noch Nacht!“ Doch dann roch auch er es, seine breite Nase rümpfte sich.
„Fffftinkt faul… Ich gugg mal.“
„Nicht, du Idiot!“ zischte Posy, aber der Ork trottete bereits ans Ufer.
Dann ging alles blitzschnell.
Mit einem markerschütternden Kreischen schoss etwas aus dem Wasser. Klauenbewehrte Gliedmaßen, bedeckt mit schleimigem Schuppenpanzer, ein krabbenartiger Leib, aus dem schwarze, triefende Fangarme wucherten. Das Ding roch nach Tod.
Kleschbumtauch riss die Augen auf.
„Ffffcheiße.“

Die Kreatur stieß einen erneuten Schrei aus – diesmal durchtränkt mit nekrotischer Magie. Die Schallwellen ließen die Luft vibrieren, durchdrangen Fleisch und Knochen wie ein faulender Hauch. Posy stöhnte auf, als seine Glieder schwer wurden. Doch dann hörte er etwas noch Schlimmeres.
Ein gepresster, schmerzerfüllter Laut.
Fuzz.
Er wirbelte herum und sah, wie sein treuer Gefährte zu Boden sackte. Seine Regenbogenfarben waren stumpf geworden, sein Leib zuckte.
„NEIN!“ Ein wilder Schrei entkam Posy. In diesem Moment brach ein Licht aus seiner Brust hervor – ein heller Blitz, der die Dunkelheit für einen Atemzug zerriss. Die Kreatur kreischte auf, geblendet, und Kleschbumtauch nutzte die Gelegenheit.
„Dazzz warzzz! Fffterb!“ Er holte aus und seine Axt sauste mit wütender Kraft auf die Kreatur nieder. Schleimiges Fleisch wurde zerschnitten, schwarzes Blut spritzte ins Wasser.
Finn sprang an Posys Seite und rief mit grimmigem Grinsen: „Na, dann wollen wir doch mal sehen, was das hier kann!“ Mit einer theatralischen Geste ließ er seine neu gewonnene Macht entfesseln – ein magischer Strahl aus reiner Energie fegte über den Angreifer hinweg.
Sonea stand im Hintergrund, ihre Hände zitterten. Sie wollte helfen – doch das hieß, Gewalt einzusetzen. Ihre Augen zuckten zwischen dem Kampf und Posy hin und her. Schließlich hob sie ihre Hände und murmelte eine beschwörende Formel.
„Erde, beschütze ihn.“
Ein schimmernder Mantel umhüllte Posys Haut und machte sie hart wie Baumrinde.
„Jetzt kannst du mir aber echt nicht mehr erzählen, dass du nicht kämpfen kannst!“ rief Finn ihr zu.
Posy beachtete das nicht. Sein Blick lag nur auf Fuzz, dessen Atem flach ging. Er kniete sich neben ihn und spürte es. Eine Verbindung. Sein Leben… und dass von Fuzz.
Die Gruppe kämpfte mit allem, was sie hatte. Die Kreatur bäumte sich ein letztes Mal auf, dann verging ihr Schrei im Gurgeln. Sie sackte in sich zusammen und glitt reglos ins Wasser zurück.
Stille.
Nur ihr schweres Atmen war zu hören.
Posy legte eine Hand auf Fuzz’ zitternden Körper. „Halt durch, mein Freund…“ flüsterte er.
Sonea kniete sich neben ihn. „Ich werde helfen.“
Und mit der warmen, sanften Kraft eines kleinen Nexus-Kristalls begann sie, Fuzz zu heilen.

Der Morgen danach
Die Sonne war kaum aufgegangen, als Finn sich die Hände rieb. „Nun, meine lieben Freunde, ich finde, wir haben uns ein Frühstück verdient!“
„Großzügig von dir, wie unerwartet“, bemerkte Xalfein trocken.
Kleschbumtauch grinste Finn an. „Iffch mag diffch.“
Während Finn und Kleschbumtauch das alte Boot instand setzten, suchte Sonea nach Kräutern, und Posy versuchte, ob er den Panzer des Angreifers irgendwie verwerten konnte. Ohne Erfolg.
„Mistding ist nutzlos“, knurrte er und trat gegen die Reste.
Schließlich setzten sie über. Der Nebel lag noch immer schwer auf dem Wasser, aber diesmal blieb er stumm. Keine Geister. Keine Schreie. Nur das rhythmische Platschen der Ruder, bis sie das Ufer erreichten.
Eldryns Leid
Das Cerviden-Dorf lag in einer bedrückten Stille. Die üblichen Klänge – das Murmeln der Heiler, das entfernte Lachen von Kindern – waren verstummt.
Eldryn lag in seiner Hütte, seine Haut blass, sein Atem schwer. Aurelia Moosglanz saß an seinem Bett, rieb eine Kräutermischung in seinen Pelz – vergeblich.
Sonea trat an das Bett. „Wir haben Kristalle… vielleicht kann ich…“
Sie legte einen Nexus-Kristall auf die Wunde und konzentrierte sich. Ein sanftes Leuchten erfüllte den Raum. Einen Moment lang schien Eldryns Atem leichter zu werden, seine Augenlider zuckten…
Dann – als ob eine unsichtbare Hand nach der Magie griff – floss sie ab.
Fort.
„Was zum…?“ Finn trat näher.
Eldryn öffnete mühsam die Augen. „Sie… sind nahe…“
Sonea schüttelte den Kopf. „Die Magie wird… weggezogen.“
Mit schwacher Stimme erzählte der alte Heckenhexer von dem Moment, als er durch die Augen eines Rabens sah. Von den Kultisten. Von dem Magier, der ihn bemerkte.
„Er sah mich… und dann… war da nur noch… Schmerz.“

Posy knurrte. „Lass mich raten. Wenn der Typ stirbt, geht’s dir besser?“
Aurelia Moosglanz nickte. „Das könnte funktionieren… aber vielleicht gibt es noch eine andere Möglichkeit. Ich kenne ein Ritual, das es uns erlaubt, in die astrale Ebene zu blicken.“
„Und was brauchen wir dafür?“ fragte Xalfein misstrauisch.
Aurelia seufzte. „Ein bestimmtes Kraut… es wächst im Sumpf.“
Finn rieb sich das Kinn. „Ah, der gute alte Sumpf. Ich liebe Sümpfe.“
„Zzzumpfffe ffftinken,“ stellte Kleschbumtauch sachlich fest.
Die Gruppe sah sich an. Zwei Wege. Den Magier jagen… oder ins Ungewisse blicken.
Finn zog eine Münze aus der Tasche, drehte sie zwischen den Fingern. „Also, was darf es sein, meine Damen und Herren? Der sichere Tod eines Feindes oder ein Haufen matschiger Pflanzen?“


