Kleschbumtauch

Vorgeschichte von Kleschbumtauch, dem einfachen Ork

Kleschbumtauch wuchs in einem abgelegenen Sumpfdorf auf, versteckt zwischen trüben Gewässern und nebelverhangenen Mooren. Die Orks seines Dorfes waren hart, rau und voller Stolz – aber für jemanden wie ihn gab es dort keinen Platz. Er war langsam im Denken, ungeschickt im Kampf und ohne besondere Talente. Das machte ihn zum perfekten Ziel für Spott und Schikanen.

Von klein auf wurde er für die niedrigsten Arbeiten abgestellt – Schlammlöcher ausheben, Hütten reparieren, Fischreste entsorgen. Am häufigsten aber musste er Torf stechen, eine mühselige und monotone Arbeit, die niemand sonst machen wollte. Klesch wusste, dass er in den Augen der anderen Orks nichts wert war. Aber anstatt sich nach ihrer Anerkennung zu sehnen, hatte er sich längst mit seiner Rolle abgefunden – oder besser gesagt: Er hatte sie satt.

Jeden Tag derselbe Sumpf, dieselben höhnischen Gesichter, dieselben Drecksarbeiten. Er hatte nie den Mut oder den Verstand, sich gegen sein Schicksal zu wehren, aber wenn er ehrlich zu sich war, träumte er davon, einfach eines Tages zu verschwinden. Und dann kam der Tag, an dem das Schicksal ihm diesen Wunsch erfüllte – auf eine Weise, die er nicht erwartet hatte.


Die Begegnung mit den Maskierten

Es war ein nebliger Morgen, als Klesch wieder einmal im Moor stand und Torf aus dem nassen Boden grub. Der Nebel lag schwer über der Landschaft, dämpfte alle Geräusche und ließ die Welt kleiner wirken. Er hatte schon viele Stunden gearbeitet, als er am Rande seines Blickfelds eine dunkle Gestalt bemerkte.

Die Person trug eine seltsame Maske, eine, die ihr Gesicht völlig verbarg, und eine dunkle Robe, die mit dem Nebel zu verschmelzen schien. Klesch blinzelte, wischte sich mit seinem schlammbedeckten Arm über die Augen und rief: „He, du! Wer bist du?“

Keine Antwort.

Ein ungutes Gefühl kroch in seinen Magen. Dann sah er, dass die Gestalt nicht allein war. Weitere Maskierte tauchten aus dem Nebel auf, ihre Bewegungen lautlos und unheimlich koordiniert. Klesch war nicht klug, aber er war auch nicht dumm genug, hier stehen zu bleiben. Sein Instinkt schrie ihm zu, wegzulaufen.

Doch bevor er sich rühren konnte, war es schon zu spät.

Plötzlich schnellten Hände aus dem Nebel, packten ihn hart an den Armen. Er brüllte auf und riss sich los, schaffte es ein paar Schritte zurück in Richtung Dorf – aber da waren noch mehr von ihnen. Jemand rammte ihm einen Stock in die Kniekehle, und bevor er sich wehren konnte, wurde ihm ein Sack über den Kopf gestülpt.

Er hörte noch dumpfe Stimmen, spürte einen brutalen Schlag gegen seinen Schädel – dann wurde alles schwarz.


Gefangen – aber frei?

Als Klesch wieder zu sich kam, war alles anders. Der Gestank des Sumpfes war verschwunden. Stattdessen roch er Holz, Metall und fremde Körper. Seine Arme waren taub, sein Kopf pochte. Langsam blinzelte er, nur um festzustellen, dass er in einem Käfig lag.

Dicke Eisenstangen. Ein rumpelnder Wagen. Neben ihm andere Gestalten – Menschen, Zwerge, Elfen. Alle Gefangene, genau wie er. Einige warfen ihm misstrauische Blicke zu, andere schienen ihn nicht einmal zu bemerken.

Draußen ritten Wachen mit dunklen Rüstungen, ihre Gesichter verborgen hinter denselben Masken, die er im Sumpf gesehen hatte. Sie bewachten die Wagenkolonne, die sich langsam durch eine fremde Landschaft bewegte.

Klesch rieb sich die schmerzende Stirn und ließ seinen Blick über seine Mitgefangenen schweifen. Dann atmete er tief durch – und zu seiner eigenen Überraschung fühlte er keine Angst.

Natürlich war das keine gute Situation. Aber war es schlimmer als sein Leben im Sumpf?

Zum ersten Mal seit Langem war er nicht der niedrigste in der Hackordnung. Niemand zwang ihn, Torf zu stechen. Niemand verspottete ihn. Niemand schlug ihn, nur weil er zu langsam sprach oder nicht verstand, was von ihm verlangt wurde.

Er war in einem Käfig. Aber vielleicht war er jetzt freier als je zuvor?

Die Nebelnacht und die Insel im See

Die Fahrt im Käfigwagen hatte jegliches Zeitgefühl aus Klesch herausgebrannt. Tage und Nächte verschwammen ineinander, unterbrochen nur durch das dumpfe Rumpeln der Räder und das eintönige Wippen des Wagens. Die anderen Gefangenen sprachen kaum, und wenn doch, dann nur in vorsichtigen, misstrauischen Flüstertönen.

Dann kam eine der seltenen Pausen.

Die Kultisten hielten an einer kargen Lichtung, auf der kaum Vegetation wuchs. Der Boden war hart und trocken, übersät mit schiefen Steinen. Der Nebel, der die Karawane schon den ganzen Tag begleitet hatte, wurde immer dichter. Es fühlte sich an, als würde er nicht einfach über den Boden kriechen, sondern aus der Erde selbst aufsteigen.

Die Gefangenen wurden einzeln aus den Käfigen gelassen, um sich kurz die Beine zu vertreten. Sie bekamen eine magere Mahlzeit – schales Wasser und ein Stück trockenes Brot. Klesch kaute gelangweilt darauf herum. Es war nicht viel, aber es war besser als nichts.

Nach einer Weile erhob er sich. Die Kultisten schienen nicht allzu aufmerksam, also trottete er langsam an den Rand der Lichtung, um sich hinter ein paar knorrige Büsche zu stellen und seine Notdurft zu verrichten.

Doch als er sich wieder umdrehte, um zurückzugehen, konnte er den Wagen nicht mehr sehen.

Verloren im Nebel

„Hä?“ Klesch kratzte sich am Kopf.

Überall war nur dieser verfluchte Nebel. So dicht, dass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Die Geräusche der Karawane waren verschwunden. Kein Kettenklirren, keine gedämpften Stimmen. Nur absolute, feuchte Stille.

Zuerst dachte er, das wäre ein Scherz. Die Kultisten mussten doch merken, dass einer ihrer Gefangenen fehlte, oder? Aber niemand rief nach ihm. Keine Schritte näherten sich.

Langsam begriff er: Sie waren weitergezogen.

Entweder hatte ihn wirklich niemand vermisst – oder er hatte sich so sehr verlaufen, dass er den Weg zurück nicht mehr fand. Ein mulmiges Gefühl kroch in seinen Bauch. Er wusste nicht, wo er war. Er wusste nicht, wohin er gehen sollte. Und dann waren da noch die verdammten Ketten an seinen Händen und Füßen.

Doch Angst? Nein, Angst hatte er nicht.

Klesch zuckte die Schultern. Na gut. Dann geh ich halt woanders hin.

Also stapfte er los.

Die Insel im See

Als der Nebel sich endlich lichtete, fand sich Klesch an einem ruhigen Seeufer wieder. Das Wasser war spiegelglatt, und in der Mitte des Sees lag eine kleine, bewachsene Insel.

Klesch betrachtete die Insel nachdenklich. Dann schaute er auf seine Ketten.

„Hmpf.“

Jeder normale Ork hätte wohl gezögert – aber Klesch war noch nie besonders gut im Nachdenken gewesen. Also tat er einfach, was ihm als Erstes in den Sinn kam: Er ging ins Wasser.

Trotz der Ketten an seinen Gliedmaßen schwamm er mit kräftigen, unbeholfenen Bewegungen durch den See. Es war mühsam, und er sank ein paar Mal fast unter, aber schließlich erreichte er die Insel und zog sich hustend ans Ufer.

Dort, zwischen den knorrigen Wurzeln eines alten Baums, lag eine verrottete Leiche.

Die Knochen waren fast nackt, die Kleidung von Moos überwuchert. Doch was Klesch wirklich auffiel, war die riesige, halb im Dreck versunkene Axt neben der Leiche. Ihre Klinge war von Rost und Alter gezeichnet, aber sie fühlte sich schwer und vertraut in seinen Händen an.

„Hehehe… jetzt hab ich ’ne Axt!“ Klesch grinste breit.

Doch dann sah er sie.

Neben dem Leichnam lagen mehrere kleine, schimmernde Kristalle. Ihre Oberfläche pulsierte mit schwachem Licht, und als Klesch sie betrachtete, spürte er ein seltsames Ziehen in seinem Inneren. Es war, als riefen sie ihn – als wollten sie, dass er sie berührte.

Zögernd streckte er die Hand aus und nahm einen auf.

Kaum hatte er ihn in der Handfläche, spürte er eine wohlige Wärme durch seinen Körper fließen. Es war kein Licht, das er sah – es war, als würde der Kristall etwas in ihm berühren, von dem er nicht wusste, dass es existierte.

Er verstand es nicht.

Aber Klesch war nicht dafür bekannt, Dinge lange zu hinterfragen.

Mit der Axt in der einen Hand und den Kristallen in der anderen setzte er sich ans Ufer und blickte auf das Wasser.

„Hehehe… und was jetzt?“

Er hatte keine Ahnung. Aber irgendwie fühlte sich das alles gar nicht so schlecht an.