Die Dämmerklippen und das Volk der Steinernen (Tag 10 bis 12)

Der Wind wehte kühl über die Ebene, als die Helden am Fuße der Dämmerklippen standen und auf einen genialen Einfall warteten. Die Felswand über ihnen ragte hoch in den Himmel, dunkel und trutzig, ihre Oberfläche von der Zeit geglättet. Noch war die Klippe ein stummer Riese – doch laut Eldryn verbarg sie mehr, als das Auge sehen konnte.

„Sternrufer…“, murmelte Finn und ließ den Namen auf seiner Zunge rollen. „Schon wieder so ein mysteriöser Typ, der Nexus-Kristalle sammelt. Glaubt ihr, er ist ein Wahnsinniger? Oder einfach nur ein sehr enthusiastischer Sammler?“

Xalfein verzog keine Miene. Statt zu antworten, zog er mit bedächtigen Bewegungen das große, ledergebundene Buch aus seinem Gepäck. Das alte Werk, das Eldryn ihnen überlassen hatte, enthielt – so schien es – die Geschichte Luminaras selbst. Wenn es einen Hinweis darauf gab, wie man mit den Steinwesen sprechen konnte, dann vielleicht hier.

Während Xalfein sich auf den Pergamentseiten verlor, zog es Fenro in die Wildnis. Der Garoul verschwand lautlos zwischen den Büschen, seine scharfen Sinne auf der Suche nach Beute. Sonea hingegen kniete sich auf den von Salz und Wind geschliffenen Boden, ließ ihre Hände über das Erdreich gleiten und suchte nach Kräutern, die ihnen nützlich sein könnten.

Xalfeins Blick huschte über die in feiner Tinte verfassten Einträge. Die Uralten aus Stein – so wurden sie in den alten Geschichten genannt. Eine Rasse, zurückgezogen und schweigsam, ihre Körper geformt aus Erz und Mineralien, widerstandsfähig wie die Berge selbst. Sie lebten nicht in Städten oder Dörfern, sondern wurden mit der Erde geboren, ihre Gedanken tief in die uralte Magie verwoben. Ihre Stimmen erklangen nicht durch Worte – sie flüsterten von Geist zu Geist, ein Echo von Gedanken, das nur jene hören konnten, die empfänglich dafür waren.

„Das erklärt, warum sie kaum mit Fremden reden“, murmelte Xalfein nachdenklich. „Aber es hilft uns kein Stück weiter, herauszufinden, wie wir Sternrufer kontaktieren können.“

Sonea, die mittlerweile einen kleinen Beutel mit aromatischen Kräutern gefüllt hatte, richtete sich auf. „Vielleicht kommt er zu uns, wenn wir nur lange genug warten. Eldryn hat gesagt, die Klippen beginnen zu leuchten, wenn es dämmert. Vielleicht ist das der Schlüssel.“

Und so blieben sie.

Langsam verblasste die Sonne, ohne sich vom Fleck zu bewegen und die Welt begann sich zu verändern. Die Dämmerklippen, die zuvor in tristem Grau aufragten, begannen zu schimmern. Erst kaum merklich, dann immer deutlicher. Farbtupfer aus Blau, Violett und Gold tanzten über die raue Oberfläche des Steins, während das letzte Sonnenlicht auf die Felsen traf und der Mond gleichzeitig seinen farbigen Glanz darauf warf.

Dann – aus dem Nichts – geschah es.

Die Felswand bebte nicht. Kein Staub rieselte, keine Erschütterung kündigte es an. Doch plötzlich trat eine Gestalt direkt aus der Wand hervor, als wäre sie eins mit dem Stein gewesen.

Die Kreatur war humanoid, doch ihr Körper bestand nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus polierten, glatten Gesteinsplatten. Sie schienen sich auf subtile Weise zu bewegen, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft zusammengehalten. Der Kopf war kantig, fast maskenhaft, und die Augen glommen schwach wie eingebettete Edelsteine.

Dann erklang eine Stimme.

Nicht mit Schall und nicht mit Lippen geformt – sondern direkt in ihren Köpfen. Langsam. Tief. Fast gefühllos.

„Ihr seid wohl die nächste Gruppe auf der Jagd nach den Kristallen.“

Die Worte hallten in ihren Gedanken nach, und für einen Moment war nichts zu hören außer dem leisen Rauschen des Windes.

Das Urteil über Sternrufer

Das Licht der Dämmerung glitt in flüssigen Farben über den Körper des Steinwesens und ließ die Kristalle, die aus seiner felsigen Haut ragten, in einem unwirklichen Schimmer erstrahlen. Große, unregelmäßige Fragmente leuchteten in tiefem Blau und sanftem Violett, während kleinere Splitter sich wie ein Muster über seine Gliedmaßen zogen – als wären sie aus ihm herausgewachsen, nicht bloß hineingesteckt worden.

Die Helden warfen einander Blicke zu. Das war kein Zufall.

„Hat ihn das verändert?“ Xalfein dachte es, doch der Gedanke hallte in seinem eigenen Kopf nach, als hätte Sternrufer ihn bereits gehört. „Hat es ihn… verdorben?“

Finn trat einen vorsichtigen Schritt vor. „Hör zu, großer Kerl. Wir sind nicht hier, um Jagd auf Kristalle zu machen. Ein Freund von uns, Eldryn, hat sie hier versteckt, und er hat uns gebeten, sie zurückzuholen. Aber wenn sie… naja… jetzt ein Teil von dir sind, dann sieht die Sache vielleicht anders aus.“

Sternrufer blieb regungslos. „Ihr seid also keine Jäger. Doch ihr seid hier, um zu nehmen, was nicht euch gehört.“

Seine Stimme – oder vielmehr sein Gedankenfluss – war ruhig, emotionslos. Keine Wut, keine Angst. Nur eine schlichte Feststellung.

Noch bevor jemand antworten konnte, bewegte sich der Stein hinter ihm. Erst glaubte Fenro, es sei eine Täuschung des Lichts – doch dann traten weitere Gestalten aus der Felswand.

Zehn waren es. Ihre Körper bestanden ebenfalls aus steinerner Härte, doch sie trugen keine Kristalle in sich. Kein fremdes Leuchten pulsierte auf ihrer Oberfläche. Sie wirkten… reiner. Unberührt.

„Werdet ihr die Kreatur erlösen?“

Die Worte trafen die Helden mit einem stillen Nachhall.

Erlösen?

Ein Blick auf Sternrufer genügte. Er stand allein.

Ausgestoßen.

Sonea presste die Lippen zusammen. „Ist er… einsam?“

Die Antwort kam ohne Zögern. „Er ist allein.“

Nichts weiter. Kein Bedauern, keine Trauer. Nur eine Tatsache.

Xalfein hob langsam die Hand und ließ seine Finger über einen der Kristalle an Sternrufers Schulter schweben, ohne ihn zu berühren. Magische Energie vibrierte in der Luft – wild und ungezügelt, als würde der Stein selbst atmen.

„Sie sind Teil von ihm“, erkannte Xalfein. „Würde man sie entfernen…“

„… würde er vergehen.“

Ein kollektives Schweigen breitete sich aus.

Posy schnaubte. „Das ist doch Wahnsinn. Ihr wollt, dass wir ihn töten – für was? Weil er anders ist?“

Die steinernen Wesen bewegten sich nicht. „Er ist nicht mehr von uns.“

Fenro ballte die Fäuste. „Wir sind nicht hier, um Henker zu sein.“

Xalfein nickte. „Er lebt. Er bleibt.“

Das Urteil war gefällt.

Die steinernen Wesen verharrten noch einen Moment, dann zogen sie sich zurück, lautlos, bis sie wieder eins mit dem Fels waren.

Doch Sternrufer blieb.

„Ihr habt gewählt.“


Drohende Gefahr

Kaum war die Stille wieder eingekehrt, hob Sternrufer seinen Kopf. Die Kristalle an seinem Körper begannen schneller zu pulsieren, als würde er eine Veränderung in der Luft spüren.

„Ihr müsst verschwinden.“

Finn runzelte die Stirn. „Also, das ist ja nett gemeint, aber–“

„Sie kommen.“

Ein dunkler Schauer lief den Helden über den Rücken.

Xalfein schloss die Augen. Magie flutete durch seine Sinne, eine Welle aus verzerrter Energie, die sich an den Rändern der Realität aufbaute. Etwas zog an den Fäden der Welt – genau wie damals, in der Karawane.

„Tieflinge.“

Er öffnete die Augen wieder, sein Blick scharf. „Sie versuchen, Portale zu öffnen.“

Posy zog seine Waffe. „Dann kämpfen wir.“

Sternrufer schüttelte langsam den Kopf. „Ich werde helfen. Wenn ich muss.“

Er bewegte sich zurück in Richtung der Felswand, sein massiger Körper verschmolz beinahe mit dem Gestein.

Sonea nickte. „Xalfein – schaffst du uns hier raus?“

Der Dunkelelf rieb sich das Kinn. „Ich kann uns verstecken.“

Er hob die Hände und murmelte eine Beschwörung. Vor ihnen flackerte der Raum für einen Moment, als hätte jemand ein Stück aus der Realität geschnitten – dann tat sich eine Blase auf, ein extradimensionaler Raum, verborgen vor Blicken.

Schnell!

Die Gruppe sprang gerade noch rechtzeitig hinein.

Aus dem Nichts begannen Schatten zu flackern. Risse in der Luft, pulsierend wie klaffende Wunden. Ein dunkles, widerhallendes Knurren erklang. Dann traten sie heraus – hochgewachsene, verzerrte Gestalten mit ledrigen Flügeln, glühenden Augen und Klingen, die im schwachen Licht der Klippen blitzten.

Tieflinge.

Sie suchten.

Die Helden verharrten regungslos in ihrer verborgenen Blase, wagten kaum zu atmen.

Finn beobachtete, wie einer der Tieflinge mit seinen Klauen über die Erde strich, als könnte er eine Spur wittern. Doch nach endlosen Minuten… gaben sie auf.

Mit verärgerten Lauten zogen sie sich zurück, schlossen die Portale hinter sich und ließen nichts zurück außer den kalten Wind der Nacht.

Als die Luft sich wieder beruhigte, löste Xalfein die Blase auf.

Sternrufer stand bereits wieder da, als wäre er nie fort gewesen.

„Sie haben euch nicht gefunden.“

Ein letztes Mal glomm das Licht in seinen Kristallen auf.

„Aber sie werden wiederkommen.“

Ein Geschenk aus Stein

Die Nacht legte sich wie ein dunkler Schleier über die Dämmerklippen, und das einzige Licht kam von der fernen, schimmernden Reflexion des Mondes auf den steinernen Wänden. Das Lager war rasch aufgebaut – nicht von den Händen der Helden, sondern von einer unsichtbaren, formlosen Gestalt, die mit geschickten Bewegungen Holz aufschichtete, Decken ausbreitete und das Feuer entfachte. Xalfeins unsichtbarer Diener wirkte still und zuverlässig, als wäre er schon immer Teil der Gruppe gewesen.

Finn lehnte sich mit verschränkten Armen zurück. „Ich muss zugeben, so ein Geisterdiener hat was. Ich könnte mich daran gewöhnen, nicht selbst mein Lager aufbauen zu müssen.“

Fenro schnaubte. „Faules Pack.“

Sonea kicherte leise, während sie den letzten Rest des Tages mit der Sichtung ihrer gefundenen Kräuter verbrachte. Fenro, stets wachsam, zog sich mit seinem Bogen auf eine Anhöhe zurück, um die Umgebung im Auge zu behalten. Doch die Nacht blieb ruhig – keine weitere Störung, keine Portale, keine feindlichen Augen, die aus den Schatten spähten.

Als der Morgen anbrach und sich das erste Sonnenlicht in den Felsen spiegelte, war Fenro bereits wach und bereit für den Aufbruch. Doch bevor die Gruppe aufbrach, fiel Sonea etwas auf.

„Da… seht mal.“

Direkt an der Felswand, halb im Moos verborgen, lag ein kleiner Ring aus Stein. Die Form war perfekt, als hätte ihn jemand mit Bedacht geformt und genau an diesem Platz zurückgelassen. Ein Abschiedsgeschenk.

Sonea lächelte. „Sternrufer.“

Xalfein nahm den Ring vorsichtig auf, betrachtete die feinen Maserungen im Stein. „Es scheint, als wäre er trotz allem dankbar.“

Niemand sagte es laut, aber sie wussten es alle: In Sternrufers stiller, emotionsloser Art lag eine tiefe Bedeutung verborgen.


Der Flucht-Holm

Fenro führte die Gruppe mit geschickter Präzision durch das Gelände. Seine scharfen Sinne fanden den besten Weg, um zügig und ohne große Hindernisse den See zu erreichen. Sie durchquerten ein Waldstück, dessen Bäume seltsam verdreht in den Himmel ragten, streiften einen alten, längst vergessenen Pfad und erreichten schließlich den Uferbereich.

Vor ihnen lag der Flucht-Holm: ein ruhiger, fast spiegelglatter See mit einer einzigen kleinen Insel in der Mitte.

Finn stellte sich ans Ufer und atmete tief ein. „Also entweder hat Eldryn wirklich seltsame Orte für seine Verstecke gewählt, oder er hatte ein Händchen für malerische Kulissen.“

„Oder beides“, erwiderte Xalfein trocken.

Die Insel lag friedlich da – klein, bewachsen mit Gras und ein paar vereinzelten Steinen. Doch von den Kristallen fehlte jede Spur.

„Ich kann keine Kristalle in der Nähe spüren.“, murmelte Xalfein. „Wenn sie hier sind, dann sind sie gut verborgen.“

„Vielleicht kann ich helfen“, sagte Sonea und begann, sich zu verwandeln. Ihre Gestalt wurde kleiner, zierlicher – Federn wuchsen über ihre Haut, ihre Hände verwandelten sich in Flügel. Sekunden später flatterte eine kleine Eule über den See, lautlos und wachsam.

Während Sonea das Gelände der Insel absuchte, bereitete Xalfein seine nächste Lösung vor. Mit einer knappen Bewegung ließ er eine schwebende Scheibe entstehen – stabil genug, um die Gruppe zur Insel zu tragen.

„Alle an Bord“, sagte er, als die anderen nacheinander aufstiegen. Die Scheibe glitt lautlos über das Wasser und setzte sie auf der Insel ab.

Sonea landete in ihrer normalen Gestalt wieder auf dem Boden und schüttelte den Kopf. „Kein einziges Zeichen von den Kristallen. Eldryn hat sie gut versteckt… vielleicht zu gut.“

Ratlos holten sie die Karte hervor. Sie wirkte unscheinbar, alt – doch Eldryns Handschrift war noch gut lesbar. Und tatsächlich fanden sie einen Hinweis, den sie zuvor übersehen hatten.

„Ich habe die Kristalle bei Nebel versteckt.“

Fenro rieb sich das Kinn. „Das heißt, entweder am Abend oder früh am Morgen.“

Finn runzelte die Stirn. „Großartig. Dann warten wir wohl bis Sonnenuntergang oder stehen mitten in der Nacht auf. Klingt furchtbar.“

Doch Sonea hatte bereits eine andere Idee.

„Vielleicht müssen wir nicht warten.“

Sie hob die Hände, ließ ihre Finger durch die Luft gleiten, während ein sanfter, feuchter Hauch von Magie sich in den Himmel erhob. Ein silbriger Nebel begann sich zu formen – zuerst zaghaft, dann dichter, schwerer.

Dann geschah das Unmögliche.

Der Nebel breitete sich weiter aus, als es Soneas Zauber eigentlich hätte tun können. Schwaden krochen über den See, legten sich wie ein sanfter Mantel über das Wasser – und dann, nicht weit entfernt, sahen sie sie.

Eine zweite Insel.

Finns Augen wurden groß. „Warte mal… die war vorher nicht da.“

Xalfein betrachtete die Insel. „Das ist keine gewöhnliche Landmasse. Sie war… verborgen. Versteckt in einer Illusion.“

Sonea ließ ihre Hände sinken, ihre Augen noch immer auf die Insel gerichtet. „Dann ist es wohl Eldryns wahres Versteck.“

Die Gruppe stand am Rand ihrer eigenen Entdeckung – und vor einem neuen Rätsel, das darauf wartete, gelöst zu werden

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