Eldryns Geheimnis (Tag 7)

Ein neuer Morgen in Eldryn

Die Morgensonne brach zaghaft durch die Nebel des Waldes, als sich das Dorf langsam mit dem Leben der Erwachten füllte. Das unheilvolle Schweigen war einem Chor aus Vogelgezwitscher und gedämpften Stimmen gewichen. Eldryn saß auf einer schlichten Bank vor seinem Haus, das Gesicht der Sonne zugewandt. Seine Haltung war entspannt, und das Zittern, das ihn am Vortag geplagt hatte, war verschwunden. Als die Abenteurer zu ihm traten, hob er den Kopf und lächelte matt.

„Ich bin bei Verstand…“ sagte er leise, mehr zu sich selbst als zu ihnen. Seine goldbraunen Augen waren nun klar, doch sie trugen die Müdigkeit vieler schwerer Jahre.

Sonea setzte sich neben ihn. „Wie fühlst du dich?“ fragte sie sanft.

Eldryn fuhr sich mit einer Hand über die Bartstoppeln und nickte langsam. „Frei. Zum ersten Mal seit einer Ewigkeit… aber auch schwach.“ Er deutete auf das Zentrum des Platzes, wo nur noch der verkohlte Rest des Baumes stand. „Ich habe geglaubt, ich könnte ihre Macht nutzen, um unser Dorf zu schützen. Aber… ich war nicht stark genug.“

Die anderen lauschten aufmerksam, während Eldryn weitersprach. „Ich habe mehr Kristalle gesammelt, als ich je hätte dürfen. Sie sind wie Flammen für Motten – Mächte jenseits unserer Vorstellungskraft werden davon angezogen.“

Die Warnung der Tieflinge

Finn und Xalfein tauschten Blicke. Fenro knurrte leise, während seine Pranken über den Bogen glitten. „Du hast recht“, sagte Xalfein schließlich. „Wir haben sie gesehen – Kreaturen aus den Rissen der Welt. Tieflinge, aber verzerrt…“

Eldryns Augen weiteten sich. „Sie suchen nach Kristallen, wie ich befürchtet habe.“ Er atmete tief durch und schüttelte den Kopf. „Das darf sich nicht wiederholen. Diese Wesen folgen den Strömungen der Macht. Wenn zu viele Kristalle an einem Ort ruhen, zieht das Unheil sie an.“

Verborgene Schätze des Waldes

Eldryn erhob sich, und seine Haltung gewann etwas an Entschlossenheit. „Ich habe die Kristalle versteckt, weit verstreut. Tief im Wald, an Orten, die selbst die Zeit vergessen hat. Ich hoffte, dass sie dort sicher wären.“ Er schloss kurz die Augen, bevor er weitersprach: „Aber ich brauche sie nicht mehr. Ich werde nie wieder einen Kristall dieser Art berühren.“

Sonea nickte verständnisvoll. „Und wir?“

Eldryn blickte sie lange an. „Wenn ihr sie wirklich finden wollt, dann soll es so sein. Ich kann euch die Orte nennen.“ Seine Stimme wurde leiser, und ein Hauch von Trauer lag in seinen Worten. „Ich habe einst eine Karte angefertigt. Sie zeigt genau, wo ich die Kristalle versteckt habe. Wenn ihr die Kristalle holen wollt, kann ich euch die Karte geben … ich muss sie nur finden.“

Finn rieb sich nachdenklich das Kinn. „Also… magische Kristalle an geheimen Orten. Klingen wie funkelnde Fallen, aber ich bin dabei.“

Die erste Reise – zur Flüsterwind-Lichtung

Eldryn deutete auf einen Pfad, der sich in den Wald schlängelte. „Beginnt bei der Flüsterwind-Lichtung. Dort ruhen die Kristalle, vergraben in der Mitte der Lichtung.“

Fenro spitzte die Ohren. „Was ist das für ein Ort?“

„Ein heiliger Hain“, antwortete Sonea, die sich an Geschichten aus ihrer Kindheit erinnerte. „Dort flüstert der Wind, als würde er uralte Geheimnisse teilen.“

„Klingt romantisch“, grinste Finn, doch seine Augen waren wachsam. „Also los.“

Eldryns Versprechen

Bevor die Gruppe aufbrach, trat Eldryn noch einmal an sie heran und legte seine Hand auf Soneas Schulter. „Ich werde die Karte finden, während ihr unterwegs seid. Wenn ihr zurückkommt, sollt ihr wissen, wo jeder Kristall verborgen liegt.“

Eldryn hielt inne, bevor er sich wieder in sein Haus zurückzog. Er zögerte kurz und griff dann nach einem schweren, ledergebundenen Buch, das er in einem verborgenen Fach seines Regals aufbewahrt hatte. Der Einband war von Zeit und Gebrauch abgenutzt, doch das Symbol auf der Vorderseite – ein leuchtender Kristall, umgeben von stilisierten Sternen – war noch immer erkennbar.

„Bevor ihr geht… nehmt dies mit euch“, sagte Eldryn leise und reichte Sonea das Buch. Es war erstaunlich schwer, und als Sonea es in ihren Händen hielt, spürte sie ein schwaches Kribbeln, als würde sich ein Hauch von Magie in den Seiten verbergen.

Finn war sofort neugierig und linste über ihre Schulter. „Ein altes Buch? Bitte sag mir, dass da etwas über verborgene Schätze oder epische Balladen drinsteht.“

Eldryn schüttelte lächelnd den Kopf. „Es enthält etwas weit Kostbareres – die Geschichte unserer Welt. Von der Zeit, als Luminara noch unter dem Schutz des Urkristalls stand.“

Das Geheimnis des Urkristalls

Die Gruppe wurde still, als Eldryn zu sprechen begann: „In den uralten Zeiten gab es keine Not, kein Leid. Der Urkristall schenkte den Völkern von Luminara alles, was sie benötigten – Nahrung, Heilung und Frieden. Die Erde selbst blühte unter seinem Glanz auf, und Krankheiten existierten nicht.“

Xalfeins Augen funkelten vor Interesse. „Ein Paradies also…“

Eldryn nickte, doch seine Miene verdüsterte sich. „Doch wo es Überfluss gibt, folgt oft die Gier. Es heißt, dass einige unter den Hütern des Urkristalls mehr Macht wollten als ihnen zustand. Misstrauen und Neid wuchsen – bis schließlich ein Streit entbrannte, der den Kristall zerriss.“

„Er zersplitterte?“ fragte Fenro mit einem leisen Knurren.

„Ja“, bestätigte Eldryn mit schwerer Stimme. „In Abertausende von Splittern, die heute als Nexus-Kristalle bekannt sind. Manche waren winzig wie Funken, andere so groß wie Berge. Die Explosion war so gewaltig, dass sie die Grenzen unserer Welt durchbrach. Manche Splitter wurden in andere Dimensionen geschleudert.“

Finn pfiff leise durch die Zähne. „Das erklärt, warum die Kultisten und diese verdammten Tieflinge so versessen auf sie sind.“

„Es ist mehr als das“, sagte Eldryn und legte seine Hand auf das Buch. „Dieses Werk ist älter, als irgendjemand vermutet. Es wurde von jenen geschrieben, die überlebt haben. Es erzählt von den Geschehnissen nach dem Bruch des Urkristalls – von jenen, die ihn retten wollten, und von denen, die seine Macht missbrauchten.“

„Denkst du, es enthält Antworten auf die Fragen, die wir suchen?“ Sonea hielt das Buch behutsam an ihre Brust.

„Vielleicht“, antwortete Eldryn leise. „Die Kristalle sind nicht nur Machtquellen. Sie tragen auch Erinnerungen in sich. Je mehr ihr versteht, desto besser könnt ihr die Gefahr erkennen und vielleicht… einen Weg finden, diese Macht zu bändigen.“

Ein neuer Auftrag

Eldryn musterte die Gruppe, seine Augen erfüllt von einer bittersüßen Ruhe. „Ich hoffe, dieses Buch wird euch helfen, nicht die Fehler zu wiederholen, die uns in diese Dunkelheit gestürzt haben. Während ihr reist, nehmt euch Zeit, es zu lesen. Es wird euch mehr lehren, als ich es je könnte.“

Finn klopfte mit dem Finger gegen den Einband und grinste. „Ich hoffe, es enthält wenigstens einen Hinweis darauf, wie wir diese Splitter sicherer machen – oder weniger anfällig für… sagen wir… bösartige Portale.“

Eldryn lächelte matt. „Vielleicht. Doch manche Antworten müsst ihr selbst finden.“

Aufbruch zur Flüsterlichtung

Die Abenteurer verabschiedeten sich von Eldryn, und mit dem Buch sicher verstaut und den Worten des Heckenhexers im Herzen machten sie sich auf den Weg zur Flüsterlichtung. Der schmale Pfad führte sie immer tiefer in das schattige Dickicht des Waldes, wo das Licht der Sonne nur in schmalen Strahlen durch das Blätterdach drang.

Das Buch, das Xalfein mit sich trug, schien fast eine stille Präsenz zu haben – ein stiller Begleiter, dessen Gewicht weit mehr als nur aus Papier und Tinte bestand.

Während der Wald um sie herum flüsterte, fragte Finn schließlich: „Was denkt ihr – könnte es wirklich stimmen? Ein Kristall, der eine ganze Welt versorgen konnte?“

Sonea warf ihm einen ernsten Blick zu. „Wenn die Geschichte wahr ist, dann ja… aber auch, was danach geschah.“

Der Wind trug ihre Worte davon, und der Wald wurde still, als wollte er selbst lauschen.

Der Weg zur Flüsterlichtung führte sie tief in das grüne Herz des Waldes. Der Wind trug ihren Atem und das Rauschen der Blätter wie eine leise Warnung mit sich.

Doch in jedem Schritt lag Entschlossenheit – nicht nur, um die Kristalle zu bergen, sondern um zu verhindern, dass sie erneut in die Hände derer fielen, die Chaos bringen würden.

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