Die Reise geht weiter (Tag 5)
Während des gemeinsamen Mittagessens stürmte Caldur ins Dorf und unterbrach sämtliche Gespräche an den Tischen. Sein Atem ging schwer, und die Anspannung in seinen Augen machte sofort klar, dass etwas nicht stimmte. „Kultisten“, rief er, und eine bleierne Stille legte sich über die Versammlung. „Etwa eine Tagesreise von hier. Sie suchen nach Spuren.“
Die Nachricht traf die Gefährten wie ein Hammerschlag. Während die Dorfbewohner entsetzt flüsterten und der Ältestenrat bedrückt schwieg, brach unter den Gefährten eine hitzige Diskussion aus.
Serrak sprach als Erster. Mit verschränkten Armen und einem drohenden Blick trat er nach vorn, als wollte er allein mit seiner Präsenz den Raum beherrschen. „Wir müssen sie überraschen und ausschalten, bevor sie uns finden“, erklärte er mit einer Stimme, die jede Gegenrede im Keim ersticken sollte. „Ein schneller Schlag – und das Problem ist erledigt, bevor es größer wird.“
Doch Sonea erhob sich fast gleichzeitig. Ihre Haltung war gerade, ihre Augen funkelten wie Klingen, und ihre Stimme schnitt durch den Raum. „Ein Angriff bringt das Dorf in Gefahr“, widersprach sie kühl. „Wenn auch nur ein einziger Kultist entkommt oder Verstärkung ruft, wird unser Zuhause zur Zielscheibe. Dieses Risiko dürfen wir nicht eingehen.“
Finn, der zwischen den beiden stand wie ein Vermittler auf einem zu schmalen Steg, hob die Hände und suchte die Blicke der anderen. Doch sein übliches Lächeln fehlte. „Es muss doch nicht immer gleich Blut fließen, oder?“, sagte er leiser als gewöhnlich. „Warum lenken wir sie nicht einfach auf eine falsche Spur? Wir legen Fährten, die sie in die Irre führen. Damit gewinnen wir Zeit – und niemand muss sterben.“
Xalfein, der bisher nur still zugehört hatte, nickte nachdenklich. „Das ist klug“, murmelte er. „Wir wissen nicht, wie viele von ihnen in der Nähe lauern. Ein Kampf könnte uns mehr kosten, als wir geben können.“
Ein leises Grummeln erklang von Posys Platz. Der alte Krieger rieb sich das Kinn und musterte die Gefährten mit zusammengezogenen Brauen. „Ich sage ja nicht, dass wir nicht kämpfen können“, brummte er schließlich. „Aber der Gedanke, uns direkt in ihre Hände zu spielen, gefällt mir auch nicht.“
Die Stimmen überschlugen sich, als Argumente und Erwiderungen durch den Raum flogen. Serrak schüttelte den Kopf, Soneas Stirn lag in tiefen Falten, Finn wirkte, als suche er verzweifelt nach einem Ausweg aus dem Knoten aus Worten.
Schließlich erhob Sonea erneut ihre Stimme. Ihr Blick ruhte fest auf den anderen, als wollte sie sicherstellen, dass jedes Wort sein Ziel fand. „Das Dorf muss sicher sein“, sagte sie mit einer Klarheit, die keinen Widerspruch duldete. „Wenn wir sie auf eine falsche Spur locken können, ohne unser Leben zu riskieren, dann ist das unser Weg.“
In der Stille, die auf ihre Worte folgte, atmete Faylin hörbar ein. Sie legte ihre zitternden Hände auf den Tisch und sprach leise, doch jedes Wort trug das Gewicht von Erfahrung. „Die Entscheidung liegt bei euch“, sagte sie und ließ ihren Blick über die Gefährten schweifen. „Ihr habt die Macht, diesen Konflikt zu lenken. Aber wählt mit Bedacht. Jede Entscheidung hat Konsequenzen – und nicht alle davon werdet ihr kontrollieren können.“
Einen Augenblick lang sagte niemand etwas. Der Raum schien stillzustehen, als hielte das Schicksal selbst den Atem an. Draußen rauschte der Wind durch die Äste, doch das Drängen der Zeit ließ sich nicht überhören. Der Weg war schmal, und wohin er führen würde, blieb ungewiss – aber eines war sicher: Die Wahl musste getroffen werden. Jetzt.
Der Plan wird in die Tat umgesetzt
Als die Entscheidung gefallen war, machten sich die Gefährten mit einer gewissen Dringlichkeit an die Umsetzung ihres Plans. Finn kniete sich ins Unterholz und legte sorgfältig Fußspuren und Schleifspuren an, als hätte jemand hastig Gepäck hinter sich hergezogen. Er zupfte einen Stofffetzen aus seinem Umhang, rieb ihn mit Erde ein und ließ ihn an einem Ast hängen. Dabei murmelte er leise: „Ein echter Köder braucht Drama.“
Xalfein hob die Hände und konzentrierte sich. Ein flimmernder Schimmer durchzog die Luft, als schemenhafte Gestalten erschienen, die wie fliehende Reisende wirkten. Sie huschten tiefer in den Wald hinein und verschwanden allmählich, während das Laub unter ihren scheinbaren Schritten knisterte. Zufrieden musterte der Dunkelelf sein Werk und nickte den anderen zu.
„Das sollte sie ablenken“, sagte er leise, aber mit fester Stimme.
Der Abschied vom Dorf
Zurück im Dorf herrschte eine gedrückte Stimmung. Die Bewohner hatten die Ernsthaftigkeit der Lage erkannt, doch sie bemühten sich, mit zuversichtlichem Lächeln Abschied zu nehmen. Kinder mit großen Augen schauten bewundernd zu den Abenteurern auf, während die Ältesten mit ruhiger Würde dem Abschied begegneten.
Caldur trat vor, seinen Speer an die Seite gelehnt, und blickte seiner Schwester Sonea ernst in die Augen. „Pass auf dich auf“, sagte er und drückte ihre Hand fest. „Das Dorf wird sicher sein, solange wir es beschützen.“
Sonea schluckte schwer, doch sie nickte entschlossen. „Und ihr passt aufeinander auf.“
Die Heckenhexe Faylin Moosflüsterin trat näher, ein geheimnisvolles Leuchten in den Augen. Sie überreichte der Gruppe ein kleines, in Leinen gewickeltes Bündel. Als Sonea das Tuch öffnete, kamen einige magische Kristalle zum Vorschein – jeder schimmerte in sanften Blau- und Goldtönen. Faylins Stimme war warm, aber eindringlich: „Diese Kristalle enthalten Licht und Hoffnung – aber sie tragen auch Verantwortung. Nutzt sie mit Bedacht.“
Die Gefährten dankten der weisen Frau, bevor Finn mit einem verschmitzten Grinsen einen Bogen vor den versammelten Dorfbewohnern schlug und ihnen ein zuversichtliches „Wir sehen uns wieder!“ zurief.
Der Aufbruch Richtung Hauptstadt
Mit jedem Schritt, den sie den Pfad Richtung Westen entlanggingen, verblasste das Bild des Dorfes hinter ihnen. Das dichte Blätterdach der Bäume spendete Schatten, während die ersten Sonnenstrahlen den Nebel durchbrachen. Ein frischer Wind wehte durch den Wald und ließ die Umhänge der Gefährten flattern.
Posy, der bisher geschwiegen hatte, schnüffelte in der Luft und murmelte: „Der Weg riecht nach Regen.“ Finn lachte leise. „Wir hatten schon schlimmere Begleiter als schlechtes Wetter.“
Während die Gruppe sich ihrem Ziel näherte, lag eine neue Energie in der Luft – eine Mischung aus Vorfreude und Ungewissheit. Vor ihnen lag die Reise zur Hauptstadt und all die Mysterien, die sie dort erwarten würden. Hinter ihnen blieb ein Dorf, das dank ihrer Entschlossenheit vorerst sicher war.
Doch in den Gedanken einiger Gefährten hallte ein stilles Flüstern nach: Wie lange würde die Ablenkung die Kultisten wirklich aufhalten können? Und welche Spuren hatten sie möglicherweise übersehen?
Doch für den Moment zählte nur eines: vorwärtsgehen.


