Soneas Dorf (Tag 4)
Nach einer kurzen Diskussion über das Schicksal der Spinnengelege entschied die Gruppe, die Eier nicht zu zerstören. Es war Sonea, die mit leiser Stimme, aber fester Überzeugung erklärte: „Noch sind sie unschuldig. Was auch immer die Zukunft bringt, wir können nicht die Richter über Leben sein, das noch nicht begonnen hat.“ Die Gefährten nickten widerwillig, und mit einem letzten Blick auf die schimmernden Eier verließen sie die Senke.
Ankunft am Dorf
Der weitere Weg führte sie tiefer in die Wälder, bis schließlich am nächsten Tag die vertrauten Umrisse von Soneas Heimatdorf auftauchten. Vor der Grenze des Waldes wartete eine vertraute Gestalt auf sie: Caldur, Soneas ältester Bruder. Groß gewachsen und mit einem Geweih, das seinen Kopf wie eine Krone zierte, strahlte er eine Autorität aus, die unmissverständlich machte, warum er als einer der Beschützer des Dorfes galt. Doch in seinem Blick lag auch ein Hauch von Besorgnis, als er Sonea und ihre ungewöhnlichen Begleiter musterte.
„Sonea,“ begann er mit einem knappen Nicken, „du bringst Fremde – und eine Menge Fragen.“ Trotz seiner kühlen Worte schwang ein warmer Unterton mit, der Sonea ein kleines Lächeln entlockte. Nach einem kurzen Austausch führte er die Gruppe ins Dorf, wo die Bewohner sie mit einer Mischung aus Neugier und Vorsicht betrachteten.
Xalfeins Beobachtung
Schon beim Betreten des Dorfes fiel Xalfeins scharfen Augen ein ungewöhnliches Detail auf. In der Mitte des Dorfplatzes, umgeben von den geschnitzten Baumstümpfen, die den Versammlungsort markierten, stand zunächst ein Objekt, das hastig von mehreren Dorfbewohnern bedeckt und in eine der nahegelegenen Hütten getragen wurde. Die Bewegung war zu schnell, um genau zu erkennen, worum es sich handelte, doch das Verhalten der Cerviden ließ darauf schließen, dass es etwas Wichtiges und möglicherweise Gefährliches war.
Xalfeins Gedanken wirbelten. Als er sich auf seine innere Wahrnehmung konzentrierte, schloss er die Augen und ließ seinen Geist durch den Raum wandern, wie er es bei den Nexus-Kristallen gelernt hatte. Zu seiner Überraschung spürte er tatsächlich etwas – ein vertrautes, pulsierendes Ziehen, das von der Richtung der Hütte ausging, in die der Gegenstand gebracht worden war. Die Energie fühlte sich ähnlich an wie die der Kristalle, die die Gruppe aus der Karawane gerettet hatte.
Sein Herzschlag beschleunigte sich, als er diese Entdeckung machte. War dies ein weiterer Nexus-Kristall? Warum hatten die Cerviden ihn versteckt, und was bedeutete das für ihre Verbindung zu den Kristallen? Xalfein beschloss Geduld zu haben und seine Beobachtungen für sich zu behalten.
Begegnung mit den Dorfältesten
Die Dorfältesten versammelten sich in einem schlichten, aber eindrucksvollen Kreis aus geschnitzten Baumstümpfen im Herzen der Lichtung. An ihrer Spitze stand Faylin, die Heckenhexe, die Sonea seit ihrer Kindheit geprägt hatte. Sonea hatte sie stets als unerschütterlich und mächtig wahrgenommen – eine Verkörperung der Weisheit und Stärke des Waldes. Doch als Faylin aus dem Schatten der Bäume trat, wirkte sie auf Sonea plötzlich anders. Ihre Bewegungen waren langsamer, ihre Augen trugen die Schwere unzähliger Jahre, und die früher so imposante Aura war durch einen Hauch von Zerbrechlichkeit ersetzt.

Sonea konnte sich das nicht erklären. War es der Kontrast zu ihrer eigenen verstärkten Wahrnehmung durch die Berührung des Nexus-Kristalls? Oder hatte Faylin wirklich nachgelassen? Sonea schluckte schwer, unterdrückte das nagende Gefühl in ihrem Inneren und trat vor.
„Meisterin Faylin,“ sagte sie mit einer tiefen Verbeugung, „ich bringe Freunde und… wichtige Fragen.“ Faylins Blick wanderte über die Gruppe, ihre Augen blieben für einen Moment länger auf Finn, Posy und Xalfein haften, als ob sie etwas in ihnen wahrnahm, was anderen verborgen blieb. Schließlich nickte sie langsam.
„Willkommen in unserem Hain,“ sagte sie, ihre Stimme leise, aber mit der gleichen durchdringenden Klarheit, die Sonea so gut kannte. „Doch die Wälder flüstern von Unheil, und euer Kommen mag mehr bedeuten, als ihr denkt.“
Spannung im Dorf
Während die Gefährten untergebracht wurden, fiel es Sonea schwer, Faylins verändertes Auftreten aus dem Kopf zu verdrängen. Ihre Erinnerungen an die machtvolle Heckenhexe wollten nicht mit dem Bild der gebrechlichen Frau übereinstimmen, das sie nun vor sich sah. Doch Faylins Worte ließen keinen Zweifel daran, dass sie immer noch eine wichtige Verbündete sein würde – vielleicht die einzige, die das Geheimnis der Nexus-Kristalle entschlüsseln konnte.
Xalfein und das Reinigungsritual
Xalfein, dessen Wissensdurst ihn stets antreibt, erkundigte sich bei Faylin nach schriftlichen Aufzeichnungen über die Magie und die Geschichte des Hirschvolks. Doch die Älteste erklärte ihm, dass das Wissen ihres Volkes vor allem mündlich weitergegeben wurde. Sein anfänglicher Frust verwandelte sich in Neugier, als Faylin ihm Zugang zur heiligen Höhle versprach – ein Ort, der tief in den Wurzeln des Waldes verborgen liegt und die magische Geschichte ihres Volkes birgt. Allerdings stellte sie eine Bedingung: Bevor Xalfein die Höhle betreten darf, muss er ein traditionelles Reinigungsritual vollziehen, um seinen Geist zu klären und die Energie des Ortes nicht zu stören. Widerwillig, aber ehrfürchtig stimmte Xalfein zu und begann mit den Vorbereitungen für das Ritual, das am nächsten Tag stattfinden sollte.
Posy und das Gastmahl
Posy genoss die Gastfreundschaft des Dorfes in vollen Zügen. Das dargebotene Essen – Wildbret, Wurzeln und süß duftende Beeren – verschlang er mit Begeisterung. Doch als er nach einem Becher Wein oder Met fragte, wurde ihm erklärt, dass das Hirschvolk keinen Alkohol ausschenkt, da dieser die Sinne trübt und ihre Verbindung zur Natur beeinträchtigen könnte. Trotz seiner Enttäuschung bedankte sich Posy höflich und zog sich bald darauf zur Ruhe zurück, den Bauch gefüllt und die Stimmung gelöst.
Finn und die Glücksspiel-Eskapade
Finn hingegen sorgte für deutlich mehr Aufregung. Mit seinem unverkennbaren Charme und einer Handvoll Würfel lehrte er den Jugendlichen des Dorfes die Freuden des Glücksspiels. Lachen und begeisterte Ausrufe erfüllten die Luft, während Münzen und kleinere Gegenstände die Besitzer wechselten. Doch die Stimmung schlug um, als Eldrin, einer von Soneas Brüdern, einen Dolch als Einsatz verlor. Finn, erfreut über seinen Gewinn, zögerte nicht, das kunstvoll gefertigte Messer an sich zu nehmen, sehr zum Entsetzen der älteren Dorfbewohner.
Sonea, alarmiert von der wachsenden Unruhe, griff ein und forderte Finn auf, den Dolch zurückzugeben. Es kam zu einer hitzigen Diskussion zwischen den beiden, doch Finns gewinnende Art prallte an Soneas Entschlossenheit ab. Nach einigem Zögern und unter den Blicken der wachsenden Zuschauermenge erklärte sich Finn schließlich bereit, den Dolch zurückzugeben, jedoch nicht ohne eine theatralische Verneigung und ein verschmitztes Lächeln. Der Eklat wurde abgewendet, doch Soneas Geduld mit Finn schien endgültig erschöpft.
Fenros Suche nach Nahrung
Fenro, der rastlose Garoul, fühlte sich zwischen den friedlichen und vegetarischen Cerviden fremd. Die Wurzeln und Kräuter, die sie ihm anboten, stillten weder seinen Hunger noch seine Instinkte. Um Abstand zu gewinnen und seine Gedanken zu ordnen, zog er sich in die Wälder zurück, die das Dorf umgaben. Mit geschärften Sinnen und lautlosen Schritten durchstreifte er die Wildnis, doch seine Beute blieb aus Respekt vor den Überzeugungen der Cerviden unangetastet.
Stattdessen sammelte Fenro essbare Kräuter und Beeren, deren Duft ihm die Erinnerung an einfachere Zeiten zurückbrachte. Obwohl sein Fund klein war, betrachtete er ihn als seinen persönlichen Vorrat. Als er ins Dorf zurückkehrte, wich er dem Blick der anderen aus und zog sich still in die ihm zugewiesene Unterkunft zurück. Dort bereitete er sich aus seinen gesammelten Schätzen eine bescheidene Mahlzeit zu, die er in Einsamkeit genoss. Der Hunger in seinem Magen mag gestillt worden sein, doch der wachsende Graben zwischen ihm und der friedlichen Gemeinschaft der Cerviden blieb bestehen. Fenro fragte sich, ob er wirklich in diese Welt passte – oder ob er immer ein Fremder bleiben würde.
Soneas Besuch bei ihrer Familie
Sonea nutzte die Gelegenheit, um Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Ihre Mutter, Alana, deren einst fröhliches Wesen durch eine alte Verletzung gedämpft wurde, lag in ihrem Bett, die Augen matt und die Stimme schwach. Sonea setzte sich zu ihr und sprach leise Worte des Trosts, während sie ihre Hand hielt. Ihr Vater, Feor, stand schweigend in der Nähe, die Belastung der Jahre deutlich auf seinem Gesicht abzulesen.
Entschlossen, ihrer Mutter zu helfen, sammelte Sonea ihre Gedanken und griff nach der neuen Kraft, die sie durch den Nexus-Kristall verspürte. Mit zitternden Händen und einem Flüstern alter, vertrauter Worte wirkte sie einen Heilzauber. Ein sanftes, goldenes Leuchten erfüllte den Raum, und Alanas Gesicht entspannte sich sichtbar. Als die Magie nachließ, öffnete Alana die Augen und lächelte zum ersten Mal seit Jahren schwach. Ihre Stimme klang stärker, als sie Sonea dankte, und selbst Feor wirkte für einen Moment weniger gebrochen.
Sonea verließ das Haus mit gemischten Gefühlen: Freude über den Erfolg und Furcht vor der Macht, die sie genutzt hatte. Die Grenze zwischen Gabe und Fluch schien dünner denn je.
Abendruhe im Dorf
Während des Abendmahls begann Faylin schließlich, Fragen zu stellen: über die Karawane, die Kisten und die Steine. Ihre Stimme war ruhig, doch Sonea bemerkte, wie ihre Finger zitterten, als sie die Erwähnung der Nexus-Kristalle hörte. Es schien, als wisse Faylin mehr, als sie preisgab.
Faylins Offenbarung und ein neuer Plan
Am Abend, als die Gruppe sich in Faylins Hütte versammelte, sprach die Heckenhexe zum ersten Mal offen über die Nexus-Kristalle. Mit einem tiefen Seufzer, der ihr Alter und ihre Last verriet, begann sie: „Die Nexus-Kristalle sind keine gewöhnlichen magischen Objekte. Sie tragen die Essenz einer Macht in sich, die unsere Vorstellungskraft übersteigt. Nur sehr wenige Wesen sind in der Lage, diese Kraft zu nutzen, besonders bei den größeren Kristallen, ohne daran zugrunde zu gehen.“
Ihre Worte ließen die Gruppe aufhorchen. Sonea erinnerte sich an die warnenden Worte der Ältesten ihres Volkes, Xalfein an die Resonanz, die er bei den Kristallen gespürt hatte, und Finn dachte an die zerstörerische Macht, die die Karawane verwüstet hatte. Faylin fuhr fort: „Vielleicht ist dies der Grund für die Entführungen durch die Kultisten. Sie suchen nicht einfach nach Gefangenen, sondern nach jenen, die die Kristalle benutzen können. Solche wie euch.“
Ein unbehagliches Schweigen legte sich über die Hütte, bis Xalfein die Frage stellte, die allen auf der Zunge lag: „Und was können wir dagegen tun? Wie finden wir heraus, warum die Kultisten das tun und was ihr Ziel ist?“ Faylin blickte ihn mit ihren klaren, aber müden Augen an. „Ihr müsst mehr über diese Kristalle und die Kräfte, die sie anziehen, erfahren. Und dafür gibt es nur einen Ort: die Hauptstadt. Dort gibt es Gelehrte, die sich mit solchen Mysterien beschäftigen, und Archive, die vielleicht Antworten enthalten.“
Eine Wahl der Reise
Die Nachricht, dass sie in die Hauptstadt reisen müssten, sorgte für gemischte Reaktionen. Fenro runzelte die Stirn, sein Unmut über die lange Reise zu einem Ort der ihm nicht geheuer war, konnte deutlich von seinem Gesicht gelesen werden. Finn jedoch schien von der Aussicht auf eine große Stadt begeistert, ein Ort voller neuer Möglichkeiten und Abenteuer.
Faylin musterte die Gruppe mit einem ernsten Blick, ihre Worte wogen schwer in der stillen Hütte. „Die Reise zur Hauptstadt wird nicht einfach sein.“
Sie hielt inne, als wollte sie die Bedeutung ihrer Worte betonen, bevor sie fortfuhr. „Es gibt zwei Wege, die euch dorthin führen können. Der erste ist der Landweg – eine lange, beschwerliche Reise durch dichte Wälder, über steile Gebirgspfade und durch unwegsames Gelände. Er ist sicherer, doch er wird euch viel Zeit kosten.“
Faylins Blick wurde schärfer, als sie weitersprach: „Die zweite Möglichkeit ist kürzer, aber gefährlicher. Ein Pfad führt euch zum nahegelegenen Fischerdorf. Von dort könntet ihr ein Schiff nehmen, das euch schnell in die Hauptstadt bringt. Doch der Weg dorthin ist nicht ohne Risiko – Banditen und wilde Kreaturen durchstreifen diese Gegend, und ihr werdet euch auf eure Fähigkeiten und euren Mut verlassen müssen.“
Ihre Stimme wurde sanfter, aber ihre Worte blieben eindringlich. „Die Entscheidung liegt bei euch. Wählt weise, denn euer Weg wird nicht nur eure Reise beeinflussen, sondern auch das Schicksal all jener, die in die Dunkelheit der Kultisten verwickelt sind.“
Die Gruppe saß still, jeder in Gedanken versunken. Beide Optionen hatten ihre Vor- und Nachteile, und die Zeit für eine Entscheidung rückte unaufhaltsam näher.
„Ihr müsst wählen,“ sagte Faylin ernst. „Beide Wege haben ihre Gefahren, doch die Zeit drängt. Die Kultisten werden nicht aufhören, und jede Verzögerung vergrößert die Gefahr.“
Die Gruppe verbrachte den Abend in hitziger Diskussion, wobei jeder seine Vor- und Nachteile abwog. Am nächsten Tag würde eine Entscheidung fallen – und das Schicksal ihrer Reise besiegeln.
Die Last der Verantwortung
Die Nacht brach über das Dorf herein, während die Gefährten sich zu einem bescheidenen Abendmahl und ihren Gedanken zurückzogen. Jeder von ihnen spürte, dass der morgige Tag neue Herausforderungen bringen würde – sei es Xalfeins Besuch der heiligen Höhle, die Fragen zu den Nexus-Kristallen oder die Möglichkeit, dass Faylin mehr über die Bedrohungen dieser Welt wusste, als sie zugab.
Sonea zog sich zu Faylins Hütte zurück. Die beiden sprachen lange über die Erlebnisse der letzten Tage. „Die Kristalle,“ murmelte Faylin schließlich, „sie sind keine einfachen Objekte. Sie sind Teile einer größeren Kraft, die selbst wir nur bruchstückhaft verstehen. Aber eins weiß ich: Ihr Umgang erfordert Vorsicht – und Opfer.“
Mit diesen kryptischen Worten schloss sie ihre Augen, und Sonea fühlte, wie das Gewicht ihrer Verantwortung noch schwerer wurde.


